Bundesliga-Kommentar: Gerne im Abseits - DER SPIEGEL
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Bundesliga-Kommentar Gerne im Abseits

Auch in der hektischen Fußball-Bundesliga gibt es Oasen der Ruhe. Beim SC Freiburg und in Rostock etwa wird kontinuierlich gearbeitet und auf Effekthascherei verzichtet. Ein Modell für das gesamte Oberhaus ist es aber wohl nicht.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wenn es ein Kriterium gibt, das eindeutig eine graue Maus der Bundesliga kennzeichnet, dann ist es dieses: Ein Club, der bei der sonntäglichen DSF-Quasselrunde "Doppelpack" mehrmals hintereinander nicht mit einem einzigen Wort erwähnt wird, der darf sich wohl ohne jeden Zweifel mit dem Attribut "vollkommen unauffällig" brüsten. Dem SC Freiburg geht es in der laufenden Phase der Saison genau so, und Volker Finke freut sich vermutlich über diese Existenz am Rande des hysterischen Spektakels, das vielerorts veranstaltet wird. Es ist eine hohe Kunst, die der Club da vollbringt. Denn die Tabelle ist eigentlich aufgeteilt in zwei Hälften.

Die einen Verein liebäugeln mit dem internationalen Geschäft oder Höherem, die anderen quälen sich Tag für Tag mit Abstiegssorgen herum. Dazwischen stehen eigentlich nur die Freiburger und Hansa Rostock. Oasen der Ruhe sind diese Städte am Rande der Fußballrepublik. Es ist wohl kein Zufall, dass ausgerechnet hier Strukturen entstanden sind, die gesünder wirken, als die mit gigantischer Geschwindigkeit gewachsenen Clubs aus Wolfsburg, Berlin oder Hannover. Rostock und Freiburg scheinen mehr Substanz aufgebaut zu haben als Vereine mit mittelfristig ähnlichen sportlichen Leistungskurven wie etwa der 1. FC Köln, Borussia Mönchengladbach oder Eintracht Frankfurt - allesamt schlafende Riesen, die irgendwie nicht so recht aufwachen wollen aus ihrem Winterschlaf der mittlerweile 10 bis 15 Jahre andauert.

Dennoch ist Köln mit seinen selbst zerstörerischen Mächten im Umfeld irgendwie spannender als Freiburg, ebenso wie Frankfurt mit seiner virtuosen Fähigkeit, in der Clubführung die falschen Entscheidungen zu treffen. Brauchen wir den SC Freiburg da überhaupt noch in der Bundesliga? Die Innovationen von dort, das Kurzpassspiel, das Verschieben und Übernehmen im Raum, das variable Umstellen von Vierer- auf Dreierkette und umgekehrt haben längst alle Clubs verinnerlicht.

Das geduldige Festhalten an einem Trainer haben auch einige übernommen, inzwischen aber wieder verworfen. Große Neuigkeiten gibt es seit längerem nicht aus Freiburg. Selbst der einstmals gefeierte Offensivfußball, der dort propagiert wird, hat seine Unschuld verloren, und sieht im laufenden Jahr oft ebenso stotternd aus wie die Versuche spielschwacher Teams der Kategorie Borussia Mönchengladbach oder 1860 München. Langweilig für den neutralen Beobachter, wie es sich für eine graue Maus gehört.

Bei genauerer Betrachtung sind es aber doch wieder fundamentale Merkmale der Freiburger Fußballwelt, die in dieser Saison eine entscheidende Rolle spielen im Rennen um Meisterschaft und Europapokalteilnahme. Die positiven Überraschungen Werder Bremen sowie der VfL Bochum bewegen sich in ähnlichen Oasen der Ruhe wie Volker Finkes Team, auch hier passiert im Arbeitsalltag wenig außer Fußball. Zumindest solange Spieler darauf verzichten, Kopfstöße zu verteilen und lustige Äußerungen über zukünftige Arbeitgeber auszustoßen. Freunde markiger Worte wie Holger Fach, Kumpane des Boulevards wie Karl-Heinz Wildmoser und Typen, denen es an Sensibilität im Umgang mit den eigenen Gedanken fehlt, wie Martin Kind oder Karl-Heinz Rummenigge entwickeln sich zu destruktiven Elementen in ihren Clubs. Blickt man auf die Tabelle, dann entstammen vier der ersten fünf Teams (Bremen, Stuttgart, Leverkusen und Bochum) einem eher ruhigen Umfeld. Im unteren Drittel sieht es genau umgekehrt aus.

Es gibt aber auch noch einen zweiten Trend in dieser Saison, zu dessen Vorreiter sich Freiburg zählen darf. Und dieser ist noch weitaus auffälliger und weitreichender: das neue Vertrauen in die Jugend. Eigentlich herrscht traditionell die Vorstellung, dass ältere, erfahrene Spieler zuverlässiger sind, wenn es richtig ernst wird. Die über Jahre geführte Nachwuchsdiskussion in Deutschland hat das zur Genüge thematisiert, beim SC Freiburg haben sie diese gängige These schon immer ins Land der Fabel verwiesen.

Unbekümmerter und technisch feiner Offensivfußball

In der laufenden Saison ächzen die Etablierten wie nie unter dem Ernst des Fußballlebens, sie begehen katastrophale Fehler in Serie, während überall die Jungen zu echten Leistungsträgern avancieren. Bei Borussia Mönchengladbach ist Thomas Broich seit Wochen der beste Spieler, in Köln Lukas Podolski, bei Bayern München bringt Sebastian Schweinsteiger einen Ideenreichtum und Elan ein, der sogar den bisweilen lethargischen Michael Ballack ansteckt. Dortmund wurde stark, nachdem Matthias Sammer Salvatore Gambino und David Odonkor in das Team einbaute, Schalke lebt seit Wochen von seinem Nachwuchs, der VfB Stuttgart muss in diesem Zusammenhang nicht mehr erwähnt werden. Und fast überall ist dieser Wandel aus der Not geboren, in Freiburg handelt man schon lange freiwillig so.

Dass die U 21 gegenwärtig einen bezaubernd unbekümmerten und technisch feinen Offensivfußball spielt, verwundert da nicht mehr, vielmehr drängt sich folgende Frage auf: Warum haben wir eigentlich Jahre lang gedacht, junge Spieler machen unter großem Druck mehr Fehler als alte? Den ganzen 17-,18- und 19-Jährigen in England und Spanien traute man auch mehr zu, und hätte man sich etwa beim 1. FC Köln früher für die Jugend entschieden, bestünden wahrscheinlich noch beste Chancen auf den Klassenerhalt. Aber vielleicht gäbe es ja dann nur noch wenig Spektakuläres zu berichten über den Club, und eine graue Maus will der FC ganz gewiss niemals werden. Sonst werden ja die sonntäglichen Quasselrunden vollkommen langweilig, und das lässt sich eben nur mit dem wenig ausgebildeten Geltungsdrang von Standorten wie Rostock oder Freiburg ertragen.

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