Bundesliga-Kommentar Geschlossene Gesellschaften
Manchmal ist es für einen Blick in die Zukunft ganz angebracht, ein paar Tage zurückzuschauen. Zum Beispiel auf den vergangenen Donnerstag. Da trat Heribert Bruchhagen mit finsterer Miene vor die Diktiergeräte und sprach: "Die Spreizung bei der Verteilung wurde zum sechsten Mal nach außen geöffnet. Das halte ich für kontraproduktiv für den Wettbewerb in der Bundesliga", sagte der Vorstandsvorsitzende der Frankfurter Eintracht. Die DFL hatte gerade verkündet, die Verteilung der TV-Millionen stärker von der sportlichen Leistung abhängig zu machen. Die eigentliche Botschaft aber lautete: Die ohnehin schon tiefe finanzielle Kluft zwischen großen und kleinen Clubs wird durch den gefundenen Kompromiss abermals vergrößert, die Abschlusstabelle der Bundesliga immer berechenbarer.
Zwölf des Tages: Eisenschädel und ein torhungriger Teufel
Wer das für allzu kulturpessimistisch hält, der werfe einen Blick auf die Tabelle nach dem 19. Spieltag. Sie ist nämlich der beste Beleg dafür, dass der Wettbewerb in der Bundesliga schon längst auf den Hund gekommen ist. Denn von Spannung kann bereits Mitte Februar, 15 Spieltage vor Saisonende, nicht mehr die Rede sein. Nach dem 1:0-Sieg der Bayern gegen Leverkusen ist die Meisterschaft längst entschieden, wer ernsthaft glaubt, die Münchner seien noch einzuholen, rechnet auch noch mit dem Klassenerhalt des 1. FC Kaiserslautern. Auch die Champions-League-Plätze sind spätestens seit dem Wochenende an den Hamburger SV und Werder Bremen vergeben.
Viel nachdenklicher noch als die ohnehin erwartbare Münchner Dominanz müssen hingegen die Platzierungen der Mannschaften in der oberen Tabellenhälfte stimmen. Denn erst auf Platz 8 rangiert mit Borussia Mönchengladbach ein Club, dessen Etat mit gutem Gewissen mittelständisch genannt werden kann, davor sind ausschließlich Mannschaften platziert, die zu den Großen der Branche gezählt werden. Ob Hamburger SV, Hertha BSC Berlin, VfB Stuttgart, FC Schalke 04, mit Abstrichen auch Werder Bremen, sie alle haben durch große Stadien und enorme Vermarktungspotentiale einen ohnehin kaum zu kompensierenden Vorsprung gegenüber kleinen Clubs wie etwa Arminia Bielefeld, MSV Duisburg und FSV Mainz 05. Der neue Verteilschlüssel wird dieses ungleiche Kräfteverhältnis noch verstärken.
19. Spieltag: Flugstunden mit Kung-Fu-Einlage
Natürlich könnte die aktuelle Tabellensituation nur eine belanglose Momentaufnahme sein. Doch wie sehr sich die fehlende Balance zwischen großen und kleinen Clubs bereits heute auswirkt, zeigt der Vergleich mit den Tabellenständen der letzten Jahre. Eine Stichprobe genügt: Jeweils am 19. Spieltag der vergangenen vier Spielzeiten befanden sich gleich fünf Clubs, nämlich Bayern, Schalke, Stuttgart, Bremen und Hamburg, immer in der oberen Tabellenhälfte, Hertha BSC war in drei von vier Jahren mit dabei. Von wirklicher Konkurrenz unter den Clubs kann also schon seit Jahren nur noch sehr bedingt die Rede sein.
Klar ist: Auch eine solidarischere Verteilung der TV-Gelder kann aus dem MSV Duisburg keinen Meisterschaftsaspiranten machen und Mainz 05 nicht den dauerhaften Verbleib in der Bundesliga sichern. Ohne einen geregelten Ausgleich ist jedoch die Bundesliga als bislang noch bemerkenswert homogene, gleichwohl nach unten durchlässige Einheit gefährdet. Am Ende könnte eine Entwicklung stehen, wie sie bereits in der italienischen Serie A eingetroffen ist. Dort entwickelt sich die Liga stärker denn je zu einer geschlossenen Gesellschaft, in der ein Trio den Titelkampf unter sich ausmacht und Aufsteiger spätestens nach zwei Jahren wieder in die unteren Ligen verschwinden.
"Es geht um die Entscheidung, ob man international wettbewerbsfähig bleiben oder die Spannung in der Bundesliga erhalten will", brachte Bruchhagen den grundsätzlichen Konflikt auf den Punkt. Wirklich? So gravierend sich die Änderungen national auswirken werden, so marginal sind die Verbesserungen für die großen Clubs im internationalen Vergleich der TV-Gelder. Oder glaubt wirklich einer, Ronaldinho oder David Beckham streiften demnächst das Trikot von Werder Bremen oder Hertha BSC Berlin über? Rechnet wirklich jemand damit, dass künftig deutsche Teams wieder mal souverän die Champions League gewinnen?
Die bittere Erkenntnis des vergangenen Donnerstags ist deshalb nicht nur, dass die Zweiklassengesellschaft in der Bundesliga auf lange Sicht zementiert ist. Auch die internationale Konkurrenzfähigkeit deutscher Spitzenclubs wurde alles andere als gestärkt. In der TV-Geldliga spielen selbst die Münchner weiterhin nur zweitklassig. Aber genau das ist es ja, was Kompromisse ausmacht. Am Ende helfen sie niemandem.