Bundesliga-Kommentar: Golf ohne Happy End - DER SPIEGEL
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Bundesliga-Kommentar Golf ohne Happy End

Mit Jürgen Röbers Abgang könnte auch das Experiment zu Ende sein, den Arbeiterfußball des VfL Wolfsburg in einen poetischen Erlebniskick der Premiumklasse zu transformieren. Für VW-Vorstandschef Bernd Pischetsrieder wäre das eine schwere Niederlage.
Von Peter Unfried
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

In Wolfsburg läuft das Ritual vor Spielbeginn folgendermaßen: Erst hämmert "Highway to Hell" los, dann wird die Tages- und Laufkundschaft in der VW-Arena darüber informiert, wer "hier regiert" ("der VfL") und wer "unser Trainer" ist. Die Antwort pflegte der Stadionsprecher eher beiläufig zu geben: "Natürlich Jürgen Röber".

So. Beim nächsten Spiel ist es genauso "natürlich" Eric Gerets, 49. Ernsthafte Zweifel an der Verabschiedung von Röber, 50, wird es wenige geben. Das samstägliche 1:5 gegen den Bundesliga-Dritten VfB Stuttgart war die achte Niederlage der VfL Fußball-GmbH im zehnten Rückrundenspiel, und mehr Worte muss man ja wohl nicht verlieren. Vielleicht noch eins: SCHADE.

Das ist meine persönliche Meinung, und sie wird geäußert in der angenehmen Position, hier ein paar Dinge nicht umfassend diskutieren zu müssen: Ob es nicht Röbers Job gewesen wäre, manches schneller zu optimieren oder zu lösen; etwa die Balance des Teams, die Hierarchie, die Winner-Mentalität oder das Auswärtsproblem, das Defensivproblem, speziell auch das Personalproblem in der Innenverteidigung. Geschenkt: Selbst Röber, der für seinen "Aufbau" seit Beginn im März 2003 Zeit eingefordert hat, wird darauf mit ja antworten. "Unter dem Strich", das sagt auch er, sei "zu wenig raus gekommen".

Von der Saisonvorgabe des VfL-Aufsichtsrats ("Uefa-Cup") muss man nicht reden: Das war ambitioniert, mehr nicht. Und als Tabellenelfter hat man heute nach wie vor fünf Punkte Vorsprung auf die Abstiegsplätze. Doch 10 Siege und 16 Niederlagen, das ist selbst für einen Club sehr mau, der seit dem überraschenden Bundesligaaufstieg 1997 meist zwischen Platz acht und zehn zu pendeln pflegt.

Der Fluch der Champions-League-Pläne

Die VfL-Fußball-GmbH ist eine 90-prozentige Tochter des Volkswagen-Konzerns und soll bis 2007 gefälligst in der Champions League spielen. Das beharrliche Insistieren der VW-Manager, auf den europäischen Markt expandieren zu wollen, war einerseits unter Marketinggesichtspunkten so erfolgreich wie sonst nur die Verpflichtung von Stefan Effenberg. Andererseits lastet es wie ein Fluch über dem Alltagsgeschäft: Seither wissen die zuvor indifferenten nationalen Medien endlich, was sie berichten können. Nämlich, dass der VfL nach wie vor weit von der Champions League entfernt ist. Immerhin: Sie berichten. Und auch der Publikumszuspruch ist durch das neue Stadion exorbitant gewachsen: um etwa 50 Prozent, auf über 22.000. Und auf dem Spielfeld hat sich auch etwas getan, doch, doch.

Es war spannend mit anzusehen, wie (ausgerechnet!) Röber etwas Unerhörtes versuchte - die Transformation eines klassischen Schweiß- und Arbeiterfußballs. Mag sein, dass er erst in Versuchung geführt wurde, weil ihm die VfL-Manager im Sommer mit dem argentinischen Nationalspieler Andres d'Alessandro einen Fußballer in die Hände gaben mit einem Potenzial, wie es nur wenige haben - oder sich erarbeiten. Mit d'Alessandro, sowie den beiden anderen Argentiniern (Strafraumstürmer Klimowicz, Rechtsaußen Mensequez), dem Brasilianer Baiano und dem Bulgaren Martin Petrov spielte Röbers Team zumindest zuhause phasenweise einen lateinisch geprägten Kombinationsfußball, der in seinen besten Momenten spektakulär war - und in der Offensive erfolgreich (nur Bremen, Bayern und Leverkusen schossen mehr Tore).

Abenteuerfußball à la Röber

Wir wollen hier ja nicht delirieren, aber trotzdem: In Ansätzen hatte Röber nach dem Vorbild der unmittelbar nebenan liegenden "Autostadt" inszeniert: Das ist eine Erlebniswelt aus Technik, aber auch Kunst, die das Image von Unternehmen und Standort aufwertet, sowie alte und neue Kundschaft nach Wolfsburg bringt und positiv berührt - ohne konkret darauf einzugehen, worum es wirklich geht: Den Verkauf von Autos. Röbers Abenteuerfußball hatte - bei allen Mängeln - im Ansatz das Zeug, dem Club, dem Unternehmen und der beharrlich als grau verhöhnten Stadt eine neue poetisch-emotionale Dimension zu erschließen.

Übrigens: Die richtig großen Probleme 2004 hat bekanntlich der Automobilkonzern VW selbst, dessen Gewinne schrumpfen und der einsparen will (Folgeprobleme bekommt die Kommune und manch Arbeitnehmer, der dann keiner mehr ist). Auch dort hat der Vorstandsvorsitzende Bernd Pischetsrieder einen Paradigmenwechsel eingeleitet: Neue Luxusmodelle (Phaeton und Touareg) sollen auf die ganze Marke so positiv abstrahlen, dass der Kunde trotz suboptimaler Wirtschaftslage und sozialer Unsicherheit, einen Golf erwirbt, weil der sich auch "Premium" anfühlt - und obwohl er deutlich teurer ist als ein qualitativ vergleichbares Modell der Konkurrenz. Das soll Dividende und deutsche Arbeitsplätze retten, funktioniert aber nicht in ausreichendem Maße, und so ist Pischetsrieders Luxus-Strategie umstrittener als Röbers Fußball.

Premium, Premium, Premium

Die Frage ist: Was ist die Botschaft für den Konzernchef, wenn das Röber-Experiment abgebrochen wird? Der VfL Wolfsburg war immerhin grade auf dem Weg zu einer zwar holpernden, aber dafür emotional anregenden Marke mit leichtem Premiumtouch. Im Fall zumindest relativen Erfolgs könnte man auf dem Spielfeld die veränderte Verkaufsstrategie des Unternehmens argumentativ stützen: Wolfsburg: Premium-Fußball! Strahlt ab auf: Premium-Autos! Und den: Premium-Standort! Das ergibt ein: Premium-Gefühl! Was, wenn der neue Trainer zwar den Abstieg vermeidet, aber dafür wieder Ergebnisfußball spielen lässt?

Soll der VfL tatsächlich wieder ein braves Nutzfahrzeug werden? Analog zur Golf-Werbung: "Kann jetzt bei gegnerischen Flanken auch mit zum Kopfball hochsteigen." Zugegeben: Das wäre für sich gesehen durchaus ein wünschenswerter und notwendiger Fortschritt. Aber global-strategisch gesehen ist Ergebnisfußball zu wenig und man kann ihn an jeder Ecke kaufen, dafür braucht man niemand und schon gar nicht Wolfsburg.

Sehr geehrter Herr Pischetsrieder, hier spricht der Markt: Leisten Sie sich Premium-Erlebnis-Fußball! Dann leisten wir uns Ihren Golf. Vielleicht.