Bundesliga-Kommentar Mensch, Meyer!
Es war wieder eine Freude mit Hans Meyer. Nicht nur, dass der 1. FC Nürnberg beträchtlichen Anteil hatte am wohl aufregendsten Fußballspiel, das dieses Wochenende hervorbrachte, auch nach dem Abpfiff des dramatischen Nürnberger 4:3-Sieges in Köln präsentierte sich der Mann mit dem schelmischen Blick und den verschmitzt lächelnden Mundwinkeln in prächtiger Verfassung.
Warum er sich entschieden habe, nach dem eigentlich längst vollzogenen Ende der Trainerkarriere doch noch einmal auf der Bank Platz zu nehmen, wurde er irgendwann gefragt eine herrliche Vorlage für Meyer. "Die Antwort auf diese Frage haben schon einige Journalisten versucht herauszubekommen", sagte er, lehnte sich zurück und ergänzte genüsslich: "Aber es ist ihnen nicht gelungen." Und dann verzierte er seine Antwort mit der rhetorischen Spezialität, die Meyer so einzigartig macht in dieser viel zu ernsten, und gegenwärtig tief deprimierten Fußballwelt.
"Es wurde mal gesagt: Ich bin geldgierig, suchen Sie es sich aus, vielleicht", regte er zum Spekulieren an. "Meine Frau lässt mich nicht in den Garten, weil ich die Rose nicht vom Blumenkohl unterscheiden kann", bot er als weitere Erklärung an, und das war ein feiner Witz, weil sich immer noch hartnäckig das ebenso seltsame wie erfundene Gerücht hält, Meyer züchte in seiner Freizeit Rosen. Vielleicht suche er schlicht Anerkennung, überlegte er weiter, um am Ende genussvoll zu erklären: "Den richtigen Grund werden aber auch Sie nicht herausfinden." Der Mann versteht sich auf diese ganz besondere Mixtur aus Ironie und Übertreibung, garniert mit ein klein wenig Überheblichkeit.
Diese innere Haltung hat einen bemerkenswerten Vorteil. "Er muss sich keinem mehr beweisen, er federt Sämtliches ab", beschreibt Nürnbergs Manager Martin Bader den erstaunlichen Effekt, der sich nach Meyers Verpflichtung in Nürnberg einstellte. Seither ist der Club so erfolgreich wie die Teams aus dem oberen Tabellendrittel. Fünfter sind sie in der Rückrundentabelle. Nach 12 Spielen übernahm Meyer die Mannschaft mit sechs Punkten, nun nach 25 Partien hat sie 27 Zähler.
Als "Glücksgriff" bezeichnet Präsident Michael A. Roth die Verpflichtung und gerät in Erklärungsnot, wenn er nach Meyers Erfolgsgeheimnis gefragt wird: "Warum der so erfolgreich ist, das das kann man nicht sagen, der hat da eine Methode, das ist unglaublich." Eine Methode, die offenbar immer und überall funktioniert. Meyer ist in über dreißig Trainerjahren nie entlassen worden, sieht man einmal ab von einer etwas dubiosen Trennung vom DDR-Oberligaclub Rot-Weiß Erfurt Mitte der achtziger Jahre. In dieser Spielklasse hatte er auch seine Trainerkarriere begonnen, 1971 beim FC Carl-Zeiss Jena, nicht einmal 30 Jahre alt war er damals.
Und sein Erfolg wird immer unheimlicher, er hat etwas Teuflisches, Undurchschaubares, ja vielleicht für manche Gefährliches. Auf der einen Seite inszeniert sich der 63-Jährige als Erneuerer des Spiels, unterstützt Bundestrainer Jürgen Klinsmann in seiner Ablehnung anachronistischer Spielertypen wie Christian Wörns und Jens Nowotny, andererseits verweigert er sich virtuos der Hysterie, die den Fußball in dieser Prä-WM-Ära prägt. Dann kann er auch konservativ und altbacken wirken, in jedem Fall zeugt seine Attitüde von festen Überzeugungen, die stärker sind als Interessen.
Dazu gehört sein hartnäckiger Kampf gegen die "Bild"-Zeitung , den auch Klinsmann gegenwärtig ficht. Üblicherweise unterwerfen sich Fußballtrainer irgendwann dieser Medienmacht. Meyer nicht. Er hat in seiner Zeit als Mönchengladbacher Trainer einmal zwei Jahre nicht mit dem "Bild"-Journalisten vor Ort gesprochen. "'Bild' manipuliert das Publikum, 'Bild' schafft es, dass von 15 Menschen, die im Fußball arbeiten, 14 Angst haben", sagte er einmal im "Tagesspiegel".
Es bleibt ein Rätsel, warum dieser Mann immer nur in den unteren Gefilden der Bundesliga-Tabelle unterkommt. Dabei scheint er gar die Lösungen für die großen Probleme des deutschen Fußballs zu kennen. Die Jugend sei schlecht ausgebildet, es werde zu viel in spielfernen Formen trainiert, sagt er. Außerdem sei die taktische Ausbildung unzureichend und die Bedeutung der Wissenschaft im Fußball überbewertet. Den Sportdirektor-Posten beim Deutschen Fußball-Bund wollte er aber nicht haben, und auf die Frage, ob er sich noch einmal vorstellen könne, ein Spitzenteam mit europäischen Ambitionen zu trainieren antwortet er: "Ach, dafür bin ich doch viel zu alt."
Da war es wieder, das Spiel mit der Ironie. Seine große Begeisterung für die Fußballkunst aus der Champions League hat er jedenfalls nie verschwiegen, und in Nürnberg ist er ab dem Sommer nur noch als Scout unter Vertrag. Ist er dafür eigentlich nicht viel zu schade?