Bundesliga-Kommentar: Missverständnis Trainer - DER SPIEGEL
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Bundesliga-Kommentar Missverständnis Trainer

Mehrere Trainer müssen derzeit um ihren Job zittern. Dabei könnten die Vereinsbosse solche Situationen durchaus vermeiden - wenn sie bei der Auswahl auf soziale Kompetenz der Kandidaten achten. Diese kann man dieser Tage sowohl Uwe Rapolder als auch Ralf Rangnick und Michael Henke absprechen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der 11. Spieltag war kein Spieltag der sicheren Arbeitsplätze. Eine Niederlage für Schalke 04 und den 1. FC Köln, ein magerer Heimpunkt für den 1. FC Kaiserslautern - die verantwortlichen Übungsleiter Ralf Rangnick, Uwe Rapolder und Michael Henke werden also weiter hoffen müssen, dass nicht plötzlich der Präsident unangemeldet auf dem Trainingsgelände vorfährt und mit belegter Stimme verkündet: "Wir müssen mal reden".

Seltsam verdreht mutet die Situation auf den ersten Blick an. Da sitzen die vor der Saison als schon so gut wie gefeuert gelisteten Trainer wie Thomas von Heesen und Norbert Meier in Bielefeld und Duisburg fest im Sattel, während sich die Hoffnungsträger der Zunft ernsthafte Sorgen um ihren Job machen müssen. Ausgerechnet Rapolder, der für seinen Konzeptfußball im letzten Jahr in einer Sänfte durch die Feuilletons getragen wurde. Ausgerechnet Rangnick, dessen taktisches Verständnis als konkurrenzlos in der Bundesliga gilt. Ausgerechnet Henke, der als Ottmar Hitzfelds Assistent bereits jeden großen Titel gewonnen hat.

Doch auf den zweiten Blick besitzen die aktuellen Trainerdiskussionen beinahe aufklärerischen Charakter. Werfen sie doch ein grelles Licht auf den Umstand, dass sich kaum ein Job im modernen Fußball so sehr geändert hat wie der des Trainers. Es reicht eben nicht mehr aus, eine kluge Vorstellung vom Spielaufbau zu haben und sie mit kühnen Strichen auf die Schiefertafel in der Mannschaftskabine zu werfen. Auch der schneidige Kompanieführer mit Hang zur flotten Spruchweisheit ist aus der Mode geraten.

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Trainer im heutigen Profifußball sind stattdessen vieles in Personalunion: Übungsleiter, Manager, Psychologen, Öffentlichkeitsarbeiter, Kindergärtner. Sie bewegen sich in einem oft nicht zu durchschauenden Dickicht von Vereinsgremien, Medien, von inoffiziellen Netzwerken und Abhängigkeiten. Und nur ein gehöriges Maß an sozialer Intelligenz bewahrt die Trainer davor, sich heillos darin zu verstricken. Doch gerade daran hapert es bei den drei gefährdeten Übungsleitern, auf die eine oder andere Weise.

So wird in Ralf Rangnicks zweiter Saison beim FC Schalke 04 immer deutlicher, dass sich der 47-jährige Coach auch in Gelsenkirchen nicht aus seinen herkömmlichen Strukturen hat lösen können. Seit jeher hängt Rangnick der Ruf nach, er betreibe seinen Job allzu wissenschaftlich, allzu perfektionistisch, es fehle ihm an Leidenschaft und Begeisterung. Bislang galt das als böswilliges Klischee, in den letzten Wochen wird dieser Ruf nun jedoch zementiert. Denn wo Anhänger und Medien Erklärungen für den eklatanten Leistungseinbruch fordern, ist bei Rangnick in merkwürdiger Verkennung der Umstände noch immer Gelassenheit die erste Bürgerpflicht.

Eine Haltung, die der Coach stets den Aufgeregtheiten des Geschäfts vorgezogen hat, die ihn nun aber schnurstracks in die Entlassung führen kann. Denn die stoische Ruhe, die Rangnick vorführt, kommt geisterhaft daher, korrespondiert sie doch mit der völlig gestörten Kommunikation zwischen Coach und Mannschaft. Rudi Assauers Statement in Hamburg ließ erahnen, wie wenig sich Rangnick und Team noch zu sagen haben. Es werde, sagte der Manager, für den Coach immer schwieriger, die Mannschaft zu erreichen. Anweisungen aus der Teamsitzung seien in keiner Weise umgesetzt worden.

Rapolder beweist soziale Inkompetenz

Am deutlichsten geworden ist die soziale Inkompetenz jedoch bei Kölns Coach Rapolder. Der hatte offenkundig geglaubt, er könne in der Domstadt genauso ungestört arbeiten wie zuvor in Bielefeld und übersah dabei fast fahrlässig die ungleich komplizierteren Kölner Verhältnisse. In einem Verein, der den Aufstieg in die Erste Bundesliga nur als lästige Zwischenstation zum Gewinn der Champions League begreift, hätte Rapolder neue Antworten, neue Methoden entwickeln müssen. Er hat darauf verzichtet, aus Bequemlichkeit und Arroganz - und wurde kalt erwischt.

Erwischt von undurchschaubaren Vereinsstrukturen, die nichts weniger gebrauchen können als noch einen egozentrischen Sonnenkönig. Von Spielern, die sein genialistisches Spielsystem schlichtweg überfordert. Und von launischen Zuschauern, die sich die Aufbruchsstimmung keinesfalls durch Niederlagen in Serie verderben lassen wollen.

Wie hilflos Rapolder zu Werke geht, wenn es einmal nicht um spieltaktische Erwägungen und vertikale Pässe geht, zeigt sein schwelender Zwist mit Lukas Podolski. Diesen Konflikt kann der Coach schlicht nicht gewinnen, der Jungstar wird am Rhein schließlich als Inkarnation von Pelé verehrt. Dass Rapolder dennoch ohne Not die Auseinandersetzung eskalieren ließ, stellt ihm als hochprofessionellem Trainer, als der er sich gerne und oft stilisiert, kein gutes Zeugnis aus.

Ebenfalls arge Probleme mit den Sekundärtugenden hat schließlich Michael Henke in Kaiserslautern. Denn rein sportlich sind dem FCK-Coach gar nicht einmal große Versäumnisse vorzuwerfen. Der Etat ließ keine großen Sprünge auf dem Transfermarkt zu, zudem hat die Mannschaft neben defizitären auch ein paar passable Partien hinter sich gebracht, gegen Bayer Leverkusen wurde am Samstag immerhin bis zum Schluss gekämpft.

Dass dennoch über ihn diskutiert wird, ist der Tatsache zu verdanken, dass er die pfälzische Seele bislang nicht so recht zu erwärmen wusste. Noch immer rätselt man rund um den Betzenberg, für welchen Fußball er eigentlich steht und wohin er will mit dem FCK. Während sein Kollege Rapolder sein Umfeld mit Zuviel an modischen Fußballvokabular enerviert, bleiben bei Henke allzu oft große Fragezeichen.

Der Coach ist bislang eine große kommunikative Leerstelle. Das fiel spätestens auf, als der notorische Querulant Ciriaco Sforza sich bei Präsident René Jäggi als Nachfolger für Henke andiente und zu diesem Anlass mächtig über den Coach herzog. Dass Henke und Jäggi jede Debatte über die sicher überzogene Kritik Sforzas im Keim erstickten und nicht einmal im Ansatz über Konzepte und Ziele diskutieren mochten, verstärkte nur den vorhandenen Eindruck, es gebe womöglich gar keine.

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