Bundesliga-Kommentar: Mit breiter Brust - DER SPIEGEL
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Bundesliga-Kommentar Mit breiter Brust

Der Hamburger SV avanciert zum ersten Bayern-Verfolger. Die Klasse des Teams hatte sich in der vorigen Saison angedeutet, in dieser Runde überzeugen die Hanseaten mit Konstanz. Für den Titel scheint der HSV nicht stark genug, wohl aber für die Rückkehr in die Champions League.
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Fußballfans hatten sich bereits angewöhnt - jenes unterdrückte Gähnen beim Studieren der Bundesliga-Ergebnisse. Denn allzu erwartbar erschien der weitere Verlauf der aktuellen Saison. Der FC Bayern München weit enteilt, die Verfolger abgeschlagen und lediglich damit beschäftigt, die Plätze in der Champions League und im Uefa-Cup untereinander aufzuteilen.

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Nun ist die Meisterschaft wieder spannender geworden, weil der FC Bayern München beim VfB Stuttgart schwächelte und sich der Hamburger SV gegen die 1. FC Köln keine Blöße gab. Vier Punkte liegt der Verfolger hinter dem Meister zurück - das ist aufzuholen, vielleicht nicht bis zum Winter, aber sicher noch im Frühjahr. Dass sich die Hoffnungen dabei vor allem auf den Hamburger SV richten, ist durchaus eine Überraschung. Denn natürlich waren die Hanseaten ein Kandidat für die internationalen Plätze gewesen; die Bayern ernsthaft zu nerven, war allerdings eher Konkurrenten wie dem FC Schalke 04 zugetraut worden.

Doch je weiter die Saison voranschreitet, desto klarer wird, dass in Hamburg die Entwicklung der Mannschaft weit schneller vorangeschritten ist, als selbst Trainer Thomas Doll das erwarten konnte. Zwar vermochte der HSV bereits im vorigen Jahr einige bemerkenswerte Akzente zu setzen, weil Doll vor allem den Teamgeist gefördert hatte - im Gegensatz zu seinem Vorgänger Klaus Toppmöller.

Den entscheidenden Schritt in die nationale Spitze unternahm Doll aber, in dem er den bewährten Mix aus kompakten Allroundern und ehrgeizigen Talenten mit wenigen Stars wie dem glamourösen Holländer Rafael van der Vaart und dem Münchner Benjamin Lauth anreicherte.

Eine Entscheidung mit sportlichen, vor allem aber psychologischen Folgen. Denn die Verpflichtung der Hochkaräter setzte das unmissverständliche Signal, sich fortan nicht mehr mit dem Uefa-Cup zufrieden geben zu wollen. Doll hat diese Erwartungshaltung unlängst in einem Interview mit der "taz" formuliert: "Vor ein paar Jahren hat Juventus Turin hier in der Champions League gespielt. Was da los war! Das muss ein Ziel sein für uns. Dass HSV-Fans mit geschwollener Brust aus Europa zurückfliegen."

Ein Selbstbewusstsein, das Doll seiner Mannschaft eindrücklich vermittelt hat. Das war auch am Samstag gegen Köln zu beobachten. Die Selbstverständlichkeit, mit der ein Youngster wie Pjotr Trochowski nach der Auswechslung van der Vaarts die Rolle hinter den Spitzen ausfüllte, oder der unbändige Offensivdrang des linken Außenverteidigers Thimothee Atouba - all das sind Signale einer Mannschaft, die sich vieles zutraut.

So selbstbewusst kommt der HSV im Herbst 2005 daher, dass die augenfälligen Schwächen des Teams wenig Beachtung finden, allen voran das Problem in der Offensive, wo noch immer allzu viel von den genialen Einfällen Sergej Barbarez' und van der Vaarts abhängt. Gegen den 1. FC Köln suchte der HSV allzu oft stumpf durch die Mitte den Torerfolg.

Gleichwohl stand am Ende ein ungefährdeter 3:1-Sieg, ein prototypisches Spiel der Hamburger. Denn wenn sich der HSV gegen kompakte Abwehrreihen schwer tut, so gelingt es dennoch regelmäßig, das Spiel durch Wachsamkeit und Konzentration auf solides Handwerk zu entscheiden. Der Auswärtssieg in Leverkusen kam so zustande.

Je länger die Erfolgsserie des Hamburger SV anhält, desto komfortabler gestaltet sich die Situation für Trainer Doll. Wirklichen Druck gibt es für den Coach nicht. Das Hamburger Publikum goutiert bereits den Umstand, dass der HSV nach langen Jahren endlich wieder einmal ernsthaft um die Plätze in der Champions League spielt, den Titel erwartet niemand, vielleicht abgesehen von ein paar "Experten" an den Stammtischen.

Und ganz realistisch betrachtet, wird der HSV wohl auch nicht bis zum Ende um den Titel mitspielen. Nicht weil die Hamburger sich zwangsläufig eine größere Krise nehmen werden als der FC Schalke 04 in der vorigen Saison, sondern weil die Konkurrenz aus München auch in dieser Saison schlicht zu stark sein wird. Im zweiten Halbjahr spielen die Münchner in der Regel die Stärken ihres hochklassigen Kaders aus, der HSV muss dagegen auf Gesundheit und konstante Form seines ersten Anzugs vertrauen.

Doch wer weiß, vielleicht bedrängt der HSV im Frühjahr immer noch hartnäckig die Bayern. Dann folgt für Doll die Gretchenfrage: Wie hältst du es mit der Meisterschaft? Der Coach kann dann lange abwiegeln, auf die Qualifikation zur Champions League als Ziel verweisen und am Ende zufrieden mit Platz drei sein. Oder er kann Mut beweisen.

Wie knurrte Bayern-Kapitän Oliver Kahn, als sein Team beim HSV die erste Niederlage dieser Saison hinnehmen musste: "Die feiern, als seien sie schon Meister." Vielleicht hatte der Bayern-Keeper ja eine böse Vorahnung.

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