Bundesliga-Kommentar Saison des Grauens
Es geht mies los, weil es düster enden wird. Allgemeinem Geunke zufolge werden diese Saison ziemlich viele Fußballer arbeitslos sein. Weil die Vereine für zu viele von ihnen zu lange zu viel Geld verballert haben. Weil es im Fußball ist wie überall: Gute Zeiten, schlechte Zeiten.
B wie Bayern, wie Ballack und Beckenbauer, Ballzauber brasilianisch und Ballzauber bescheiden, Boulevardgeilheit und Bierseligkeit. Kurz und gut: Alles bestens bumsfiedel beim ewigen Ersten.
Armes kleines C. Es ist der Verlierer dieser Saison: Cottbus, "Club", Calmund. Kleiner Aufwärtstrend: Christiansen, Thomas, Bochum, gewann am Ende doch noch die Torjägerkanone, gemeinsam mit Elber, Giovane, München.
Es gibt Menschen, die treten aus der Gewerkschaft aus, weil sie ihnen auf die Nerven geht, oder aus der FDP oder der Kirche aus ähnlichen Gründen. Der FC Bayern hätte sich zwischendurch gern entnervt aus der Veranstaltung Deutsche Fußball Liga verabschiedet. Es ging um Münchner Kirch-Verträge (siehe unten) und die DFL-Einschätzung, da hätten Vereinsobere "moralisch verwerflich" gehandelt. Wer in diesem Duell die Deppen sind, darf jeder selbst entscheiden.
Das Ende. Ein paar alternde Kicker beenden ihre Bundesligakarrieren, setzen sich zur Ruhe oder auf Bänke, gehen in die Politik oder in die Wüste: Krassimir Balakov, Mario Basler, Thomas Häßler, Andreas Möller, Michael Preetz, Marc Wilmots sowie ein Buchschreiber mit einem Mittel- und neun weiteren untalentierten Fingern.
Fußball für den Frieden. Einmal tauchte in Berlin ein Friedensflitzer auf im Olympiastadion, entblößt bis auf seine schöne Botschaft. Hertha BSC belegte den Mann mit Stadionverbot. Frieden auf den Ölfeldern gab es auch nicht.
Erik Gerets: Der Lebemann mit den Teddybär-Augen. Wenn eine Aufgabe schwer ist, so wie die, einen abgewirtschafteten Provinztraditionsclub vor dem fast sicheren Abstieg zu bewahren, sagt er nicht, ach ist das schrecklich hier, sondern: "Ich bin in die Wiege gelegt worden für einen Verein wie Kaiserslautern." Und hat Erfolg.
Ottmar Hitzfeld, das mentale Gegenmodell. Nichts ist schlimmer als die Niederlage, der Sieg also eine Erleichterung, weil die Niederlage verhindert werden konnte und damit auch der Anblick eines anderen, der gesiegt hat. War dann auch erfolgreich, jedenfalls national.
International ist Bedeutungsarmut zu beklagen. In der Champions League gewann Bayern München in Gruppenphase eins kein Spiel, was Bayer Leverkusen in Gruppenphase zwei mit keinem Punkt locker zu toppen wusste. Der Dritte im Bunde, Dortmund, war Meister und wurde vom Dusel verlassen.
Wenn es so schlecht läuft, guckt man auf die Jugend. DFB-Teamchef Rudi Völler guckte ganz genau und lud jeden zur Nationalelf ein, solange er seinen 21. Geburtstag absolviert hatte. Man muss korrekt bleiben. Die Kuranyis und Lauths fielen auch mit 1 a voll korrektem Haarstyling auf. Der kleine Herr Rau muss das noch lernen, aber das wird er schon. Jetzt in München.
Kirch-Verträge, auch Geheimverträge genannt, natürlich ein Münchner Geschäft. Simple Sache. Welche kriegen Millionen für Lobbyarbeit und regen sich auf, wenn die Schmiererei öffentlich wird. Es ist wie mit dem Seitensprung: Das Fremdgehen ist nicht das Problem, nur das Erwischtwerden ist peinlich.
Womit wir zum Laster kommen. Der ehemalige Weltklassetorwart Oliver "Olli King" Kahn hat das Lotterleben entdeckt und alle dürfen zusehen. Er hat auch einen Lieblingssong. Der stammt von Udo Jürgens und heißt "Es lebe das Laster" und erklärt endlich alles, was es an Kahnschen Geheimnissen sowieso nie gab: "Er ging nie zum Aufriss in heiße Lokale, machte niemanden an und niemals Randale. Kein Cocktail am Strand im Abendrot. Er tut mir so leid, denn nun ist er tot."
Es ist aber nie zu spät, sich zu ändern und ein besserer Mensch zu werden, wie der ehemalige "Quälix" Felix Magath bewiesen hat. Die neue Gelassen- und Weisheit führte Stuttgart sogar in die Champions League.
Nürnberg - Leverkusen. What a difference a year makes.
Otto?! So schlimm steht es um den Trainerstand, dass gestandene Bundesligavereine ernsthaft in Erwägung zogen, sich die Dienste des alternden Schwadroneurs und in Griechenland teilzeitarbeitenden Otto Rehhagel zu sichern. Ein Otto-Versand kam nicht zustande. Noch nicht.
P1: Fußballer sind einfältig oder ehrgeizig oder eitel, oder zweierlei davon oder alles drei. Meist sind sie irgendwann in ihrer Karriere in München angestellt und gehen dann in die erste Disco am Ort, um auszuleben, dass sie einfältig sind oder ehrgeizig oder eitel oder zweierlei davon oder alles drei. Meist sind die Spieler blond. Die Frauen dazu auch. Und später drohen Druckerzeugnisse.
Wenig war in diesen 306 Bundesligapartien der abgelaufenen Saison weniger interessant als das Spiel selbst. Der exemplarische Spielzug: der Querpass. Und das ist eine höfliche Umschreibung.
Diskreditiert ist hingegen die gepflegte, gleichwohl lebhafte Diskussionsrunde auf dem Platz, sie heißt jetzt Rudelbildung. Und ist verboten, ist klar.
Das Schiedsrichterwesen ist trotzdem ausdrücklich zu loben, es schafft Arbeitsplätze. Nach den üblichen Krisenspieltagen, dieses Mal im Herbst, in denen zu viele Trainer zu viele Fehlentscheidungen zu sehen glaubten, wurde der vierte Mann an die Seitenlinie gestellt. Eine teure ABM, aber seitdem herrscht relative Ruhe.
Tore: Über die Linie zählt. Es fielen nur 821 Treffer, das sind im Schnitt pro Spiel 2,7. Jedes zwölfte Tor schoss und jedes 33. kassierte der FC Bayern München.
UI-Cup: In den verklärten Zeiten des Fußballs, also in den reichen neunziger Jahren, war selbst der Uefa-Cup nichts, weil die Champions League alles war. Inzwischen ist sogar der UI-Cup eine große Sache. Wie immer geht es um Geld, das sammelt man jetzt auch von Straßen ferner Fußballprovinzen auf, viel Spaß Bremen, Schalke und Wolfsburg.
VW: Eingedenk des gerade etwas mäßigen Imagewertes, den der Fußball den Bayer-Werken in Leverkusen beschert, sollten die VWler in Wolfsburg ihr Engagement beim örtlichen VfL überdenken. Dass man Flair und Erfolg nicht kaufen kann, weil man im Zweifelsfall nur dickliche Egozentriker bekommt, wissen sie bereits aus eigener Erfahrung.
Weißes Ballett: eine Fata Morgana. Leider.
XY ungelöst: Was hatte eigentlich Robert Wieschemann, damals Aufsichtsratsvorsitzender des 1. FC Kaiserslautern, genommen, als er im August 2002 live im DSF schwadronierte: "Wir haben eine abnormale Satzung, die ich selbst ausgearbeitet habe"? Sowie: "Wir haben Defizite im Durchblick - alle." Eine Woche später trat Wieschemann beschämt zurück. Mit dem FCK ging es bergauf.
Na also, es hört gut auf. Die deutlich über zehn Millionen Zuschauer in den Stadien sind Rekord. Das Leben ist schwer, die Zukunft ungewiss, da geht man halt ins Stadion zum ewig gleichen, ewig neuen Ereignis, das 22 Männer und ein Ball zwischen zwei Toren austragen. Fußball ist so einfach. Und könnte so schön sein. Die Saison 2002/2003 war es nicht. Zum Glück ist sie vorbei. Naja, so denkt man jetzt. Aber in ein, zwei Wochen vermutlich schon nicht mehr. Deshalb die allerbeste Nachricht von allen: Der nächste Bundesligaspieltag ist nicht weit. Notiert werden kann: Sonnabend, der 2. August.