Bundesliga-Kommentar: Schuld ist immer der Trainer - DER SPIEGEL
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Bundesliga-Kommentar Schuld ist immer der Trainer

Das Rezept von krisengeschüttelten Bundesliga-Clubs ist scheinbar einfach: Trainer entlassen, neuen Trainer verpflichten, drei Punkte einfahren. Dass dies nicht so leicht funktioniert, zeigen die Beispiele Huub Stevens und Ottmar Hitzfeld. Die sollen nun ausbaden, was die Vereinsspitze vergeigt hat.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Studien sagen es schon lange: Trainerentlassungen helfen nicht. Zugegeben, nur drei Tage nach der beispiellosen Entlassungswelle schon bilanzieren zu wollen, ist etwas gewagt, und Jos Luhukay hat ja sogar gewonnen mit seinen Gladbachern. Solche Personalwechsel mitten in der Saison haben aber den Hauptzweck, kurzfristig zu wirken, nach den Entlassungen von München und Hamburg lautet die ernüchternde Einsicht deshalb erstmal: Der Horror hat einen neuen Höhepunkt erreicht.

"Der FC Bayern hat sich blamiert", sagte der sonst stets um sanfte Formulierungen bemühte Ottmar Hitzefeld nach dem 0:3-Debakel von Nürnberg, und HSV-Chef Bernd Hoffmann sprach nach dem 1:2 in Berlin von einem "absoluten Super-GAU."

Alles beim alten also. Sogar der Charakter der Niederlagen ist gleich geblieben. Die Bayern spielen "ohne Kreativität und mit wenig Selbstbewusstsein", wie Hitzfeld analysierte, und die Hamburger veredeln ihre Niederlagen weiterhin mit den Stilelementen einer kitschigen Tragödie. Wie gehabt.

Besonders im Falle des HSV ist das dramatisch. Denn das unglaubliche Pech, das längst nicht mehr als Ungerechtigkeit, die sich schon irgendwann ausgleicht, gelten kann, haftet nun auch Huub Stevens, Hamburgs Neuem, an. Natürlich hatte er in den paar Stunden, die er mit der Mannschaft verbrachte, kaum Zeit einzuwirken, doch im Club hatten sie ja gehofft, dass die Neigung zu Extremen mit der Person Doll verbannt sei.

Ein Schock, dass die neuerliche Hamburger Niederlage trotzdem doll’sche Dimensionen besaß: Sie lagen lange in Führung, hatten kurz vor Schluss eine Großchance, als Joris Mathijsen frei stehend vor dem Berliner Tor den eigenen Mitspieler Boubarcar Sanogo anschoss, und in der Nachspielzeit prallte ein gigantischer Fernschuss von der Unterkante der Latte ins Hamburger Tor. Wieder verloren. Wahnsinn. Es wird langsam unheimlich.

Nur in Mönchengladbach hat der Trainertausch sofort geholfen. Aber diesem Fall handelte es sich ja auch um einen Rücktritt und nicht um eine Entlassung, regelrecht befreit wirkte Mönchengladbach beim 2:0 in Bielefeld, ein Trainerwechsel wie aus dem Bilderbuch. "Wir waren eine Einheit und habe darüber hinaus ständig Chancen kreiert", sagte Luhukay und widmete diesen ersten Gladbacher Sieg seit zwölf Spieltagen seinem Vorgänger Jupp Heynckes.

Immerhin halten die Trainer, die in kleinen Kreidekästen gehalten werden wie Raubtiere in viel zu kleinen Käfigen noch zusammen. Trotz fürstlicher Gehälter sind sie auch arme Kerle als Schutzschild für Manager und Sportdirektoren. Die Verantwortung für Krisen, deren Ursache in einer schlechten Personalpolitik liegt, wird einfach dem Trainer zugeschoben. Sportdirektoren, die zurücktreten oder entlassen werden, weil sie die Mannschaft falsch zusammengesetzt haben, oder einen unpassenden Trainer einstellten, muss man in dieser Bundesliga mit der Lupe suchen. Gladbachs Peter Pander hat ebenso erfolglos Millionen verjubelt wie Dietmar Beiersdorfer in Hamburg und viele Kollegen an anderen Standorten.

Ganz besonders furchtbar war das Jahr 2006 aber für Uli Hoeneß. Es fing an mit dem schlimmen Champions-League-Ausscheiden gegen Milan, setzte sich fort mit der finanziellen Pleite von 1860 München, was die gesamte Finanzierung der Allianz-Arena ins Wanken brachte (und die Bayern zahlen nun kräftig drauf), Oli Kahns Verbannung aus dem Nationalmannschaftstor störte das Selbstverständnis des Clubs ebenso empfindlich wie der konsequente Abschied Michael Ballacks. Und im Sommer wurden dann lauter Spieler verpflichtet, die diese Mannschaft nicht wirklich besser machten. Die Hauptschuld für die Folgen bei Felix Magath zu suchen, war ziemlich unfair.

Und dass auch der vermeintlich bessere Hitzfeld keine magischen Kräfte besitzt, hat Hans Meyer am Freitagabend durchaus charmant erläutert: "Ich glaube dass der Ottmar etwas sehr Positives gewollt hat, als er in der Halbzeit einen dritten Stürmer brachte, aber nach dieser Umstellung haben die Bayern uns nicht mehr in Schwierigkeiten gebracht", sagte der alte Fuchs. Hitzfeld hat die eigene Mannschaft geschwächt mit seinem Wechsel, an diesem Abend war Meyer der bessere Stratege.

Die Geschichte dieses erstaunlichen Mannes zeigt übrigens wunderbar, wie die Bundesliga mit ihren Trainern umgeht. Meyer ist der vielleicht beste Mann, den es gibt im deutschen Fußball, er träumt von der Champions League, doch seit dem Fall der Mauer treibt er sich irgendwo im Mittelmaß herum. Er hat er überall Erfolg, doch nicht eine einzige Spitzenmannschaft hat sich auch nur im Ansatz darum bemüht, ihn einzustellen. Es geht um Reputation, Klüngel, alte Seilschaften. Der Versuch des HSV mitten in den Verhandlungen mit Stevens noch Magath, den Europapokalhelden von 1983, zu holen, ist nur der jüngste Auswuchs dieser allgegenwärtigen Stillosigkeit. Wenn man Trainer so behandelt muss man sich irgendwie auch nicht wundern, wenn sie keine Erfolge bringen.