Bundesliga-Kommentar Spaßfreie Zone
Schön ist es nicht, aber es ist wohl unvermeidlich. Irgendwann kommen diese Spieltage, an denen die Schiedsrichter in den Mittelpunkt rücken. Samstagabends treten dann errötet schimpfende Verantwortliche vor die Kameras, unter der Woche wird es in den einschlägigen Blättern Statistiken von Fehlentscheidungen geben, und es werden Hochrechnungen erstellt, wer wie viel Punkte hätte, wenn diese verdammte Welt doch nur gerecht wäre. Ist sie aber nicht, und so können sich alle herrlich über die Fehlbarkeit der Unparteiischen ärgern.
Matthias Scherz schimpfte nach der unglücklichen 2:3-Niederlage seiner Kölner in Bremen, "gegen zwölf Mann kann man nicht gewinnen", und Oliver Kahn fauchte empört, "wenn ein Schiri so ein Tor in England abpfeift, dann muss er sich zwei Wochen verstecken", nachdem seinen Bayern ebenso wie den Kölnern ein vermeintlich reguläres Tor aberkannt wurde. Dortmunds Trainer Matthias Sammer erregte sich nach dem Elfmeter, der Freiburg das 2:2 bescherte, "das ist das Lächerliste, was ich in meiner Laufbahn gesehen habe, das kotzt mich an", und Herthas Manager Dieter Hoeneß sieht in den Pfiffen gegen seinen Club langsam eine "gewisse Tendenz".
Willkommenes Alibi
Spaß macht diese Diskussion nicht. Einigen Verantwortlichen kommt die Verschiebung der Aufmerksamkeit von den Leistungen der Teams auf die Leistungen der Schiedsrichter trotzdem nicht so ungelegen. So muss man sich zumindest nicht mit der eigenen Fehlbarkeit beschäftigen. Vielen Clubs schwimmen langsam die Felle davon, aus dem Europapokal sind nun auch die letzten deutschen Mannschaften ausgeschieden, und spielerisch überzeugend agiert noch nicht einmal mehr Tabellenführer Werder Bremen.
Man kann wirklich besorgt sein um die Qualität der Bundesliga; 1958 bis 2002 stand stets mindestens ein deutscher Verein im Viertelfinale eines Europacups, nun zum zweiten Mal hintereinander keiner. Und die Spiele in der Liga leiden seit der Winterpause unter akuter Niveaulosigkeit. Wahrhaben will das niemand so recht.
Langsam fällt es schwer, Jupp Heynckes Samstag für Samstag aufs Neue zu glauben, dass sein Team "sehr gut" gespielt habe. Glaubt er das selber? Oder will er nur seine Spieler und sich selber schützen? Was mag in Matthias Sammer vorgehen, wenn er mit seiner immer noch großartig ausgestatteten Truppe einen zerfahrenen Durchschnittsfußball in Freiburg aufführt und danach behauptet: "Wir haben fantastisch gespielt." Will der uns etwas einreden? Oder sich selber? Oder denken diese Leute, dass die meisten Zuschauer ohnehin nur eine Zusammenfassung sehen - sich also kein eigenes Urteil bilden können?
Unsinn von Rummenigge
Dagegen spricht, dass Karl-Heinz Rummenigge selbst nach dem Rekord-Zuschauer-Quoten-Spiel der Bayern in Madrid folgenden Unsinn verkaufen wollte: "Wir können stolz sein, wir haben uns teuer verkauft. Letztes Jahr sind wir durch den Hinterausgang geschlichen, jetzt können wir mit erhobenem Kopf durch das Hauptportal gehen." Was hat der für eine Bayern-Mannschaft gesehen in dieser Champions-League-Saison? Wenig Herrliches gab es in der Vorrunde, und im Achtelfinale spielten die Münchner ebenso mittelmäßig wie Madrid. Die Journalisten von Sat.1 haben sich die verzerrten Bewertungen der Bayern auch noch einreden lassen.
Hält man das Fußballvolk für so manipulierbar und ahnungslos, dass es den Blödsinn von den erhobenen Häuptern und den fantastischen Spielen glaubt, wenn es den Leuten nur oft genug vorgeleiert wird? Wahrscheinlich schon, denn die Glaubwürdigkeit der Analytiker, Kommentatoren und Experten konnte noch nicht einmal Rudi Völlers Scheißdreck-und-Käse-Arie erschüttern.
Hier sind wir vielleicht wieder einmal an einem Punkt angelangt, an dem wir vom Fußball für das richtige Leben lernen können. Ein Spiel, das wir 90 Minuten mit eigenen Augen oder zumindest mit den Augen der Kameras gesehen haben, wird uns bisweilen eiskalt als fußballerische Glanztat verkauft, auch wenn es nicht mehr als ein durchschnittlicher Alltagskick war. Wie sind dann erst die Bewertungen von Renten-, Gesundheits-, oder Arbeitsmarktreform, deren Folgen kein normaler Mensch auch nur annähernd absehen kann, zu interpretieren, oder sind Politiker ehrlicher als die Funktionäre und Spieler aus der Fußballwelt?
Appetit einer ausgehungerten Tigerhorde
Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" schrieb vergangene Woche, dass sich diese Bundesliga "gegen Kritik wider besseres Wissen als resistent erweist". Dass sich Trainer, Spieler und Funktionäre an diesem Wochenende mit dem Appetit einer ausgehungerten Tigerhorde auf ein paar Schiedsrichterentscheidungen stürzten, mag diese Analyse belegen. In Wahrheit aber dürstet die Bundesliga nach etwas ganz anderem als Gerechtigkeit. Die 20-Jährigen Sebastian Schweinsteiger und Philipp Lahm haben vergangene Woche in der Champions League gezeigt, dass es etwas vollkommen Simples ist, was dem deutschen Fußball fehlt: die Freude am Spiel.
Mit dem Schiedsrichter-Theater lässt sich das Nachdenken über die wahren Ursachen der schlechten Lage, in der sich viele wähnen, wieder eine Woche länger umschiffen. Wirklich gut täte dagegen, wenn sich die Männer auf Spielfeld und Tribünen etwas weniger ernst nehmen würden, damit wieder mit Spaß Fußball gespielt wird. Denn der ist es, der dieser Liga unendlich viel mehr fehlt als perfekte Schiedsrichterleistungen, eine nachhaltige Jugendarbeit, große Trainer und Weltklassespieler.