Bundesliga-Kommentar Torsteher unter Tränen
Man weiß nie, was draus wird. Manchmal passieren die unglücklichsten Dinge und doch sind sie irgendwann nur noch eine Anekdote, die bei der Grundsteinlegung einer großen Laufbahn mit ins Fundament gemauert wurde. Und manchmal ist ein unglücklicher Tag schon der Anfang vom Ende.
Besonders bleibt die Tageskatastrophe haften, wenn sie Torhütern widerfährt. Ihre Fehler setzen sich eher in den Köpfen fest als die von Feldspielern. Selbst die Fehler von Stürmern, die aus guten Chancen keine Tore machen, werden selten so aufgeregt zur Kenntnis genommen und so nachhaltig erinnert wie verunglückte Paraden oder verhunzte Rettungsaktionen von diesen Männern, deren Trikots anders sind, die meistens den Ball nicht besonders gut mit den Füßen spielen können - und manchmal eben auch nicht mit den Händen, die in diesen lächerlich riesigen Handschuhen stecken.
Ein einziger mitleidsloser Spottgesang
Als an diesem Sonnabend Volkan Ünlü nach der Halbzeit seinen Platz vor der Tribüne der Bochumer Fans einnahm, wurde der Schalker Torwart mit Sprechchören seines Namens empfangen - es war ein einziger mitleidloser Spottgesang. Nach dem Abpfiff sprintete Ünlü wie vom Leibhaftigen gejagt zum Spielertunnel und verschwand. Selten hat ein Torhüter eine so schlechte Figur gemacht in einem Bundesligaspiel, ist so traurig an Bällen vorbei gesprungen, am ganzen Geschehen.
Später sagte Ünlü, 20 Jahre alt und Ersatzmann des Ersatzmannes, er habe sich zu sehr unter Druck gesetzt. Einer seiner Vorgänger bei Schalke 04, Jens Lehmann, war erfahrener, aber auch noch jung, als er sein Waterloo in Leverkusen erlebte: Lehmann war so schlecht, dass er zur Halbzeit ausgewechselt wurde.
In dieser Saison hat es schon viele Torhüterpannen mit Erinnerungswert gegeben. Einige der nachhaltigsten produziert von den beiden besten Torhütern des Landes, wenn sie international für ihre Clubs spielten. Auch der Nachwuchsnationaltorhüter Tim Wiese, der bereits beschlossen hat, Kahn und Lehmann circa 2006 im großen Auswahlteam zu beerben, hat munter mitgeholfen, Kaiserslautern gegen Teplice in der ersten Uefa-Cup-Runde scheitern zu lassen. Unlängst aber hat er ein paar Spiele für seinen Verein fast allein gewonnen, was eigentlich nicht geht. Weil es aber zum Beispiel gegen Stuttgart doch ging, sagt Wiese mit tagesstolzer Brust, die von Torhüterbodybuilding eh schon mächtig ist: "Wer keine Krisen durchmacht, wird nie ein Großer."
Der Spuk um Pralija
Aber erinnert sich noch jemand an Mladen Pralija? Wenn, ist alles was diese Erinnerung füllt, ein einziger Makel: Mladen, dieser Fliegenfänger! Pralija war im allerbesten Torwartalter von 28 Jahren, als er 1987 beim HSV die Nachfolge von Uli Stein antrat. Pralija führte sich ein mit einem 0:6 gegen Bayern München, das zu großen Teilen seine Verantwortung war. Nach 14 Einsätzen war der ganze Spuk vorbei.
Selbst ein traditionell guter Torhüter-Arbeitsplatz wie der bei Werder Bremen kann dunkle Kapitel nicht verbergen. Hermann Rülander beispielsweise heißt der Bremer Unglücksknabe zwischen den Pfosten, der in der Saison 1981/82 zwei Spiele unter Otto Rehhagel machen durfte. Einem 1:1 gegen Köln, als er 14 Minuten vor Schluss für den verletzten Dieter Burdenski ins Tor durfte, folgte ein denkwürdiges 2:9 bei Eintracht Frankfurt. In der 78. Minute ließ sich Rülander entnervt auswechseln und verschwand anschließend aus der Bundesliga. Ganze 92 Minuten hat diese traumatische Karriere gedauert. Volkan Ünlü hat nun drei Bundesligaspiele gemacht. Ein aufmerksamer Mitspieler hat ihn in Bochum aus dem Bauch des Stadions wieder raus auf den Rasen geschickt, damit er mit den anderen Spielern sei und auch zu den eigenen Fans gehen würde. Ünlü hat geweint, an einer Mitspielerschulter nach der anderen, alle haben ihn getröstet. Es war leicht für sie. Sie hatten das Spiel trotz all der Pannen gewonnen.
"Das ist ein Stahlbad, da muss er durch"
Oliver Reck, früher einer der besten Bundesligatorhüter und heute Schalkes Torwarttrainer sagte in der mitleidlos martialischen Sprache der Fußballer: "Das ist ein Stahlbad, da muss er durch." Reck hat es vermutlich selbst so erlebt in 471 Ligaspielen, von denen trotz aller Erfolge weniger die Paraden haften geblieben sind als die Patzer, die Reck zum Pannen-Olli für alle machten.
Jens Lehmann ist damals nach seinem Leverkusener Debakel allein nach Hause gefahren. Außer den Leuten, die ihm erklärten, wie S-Bahn-Fahren geht, war niemand nett zu ihm. Vielleicht waren es andere Zeiten. Vielleicht war es ein Wendepunkt für einen, der später lernte sich zu nehmen, was er haben will und der Nationaltorhüter wurde.
Volkan Ünlü hat Sonnabend in einem Interviewmarathon Selbsttherapie durch Reden über die Aussetzer betrieben. Am Ende hat er nicht mehr geweint, sondern versucht zu lächeln. Er sagte probeweise tapfer: "Das Spiel wird mich für meine Karriere stärker machen."
Dazu muss es diese Karriere jetzt nur noch geben.