Bundesliga-Kommentar Wackliger Fortschritt
An einem kalten Wintertag saßen in einer Wolfsburger Pizzeria zwei Männer. Sie redeten über den Stand der Modernisierung des deutschen Fußballs. Der eine Mann war Wolfgang Wolf, Trainer des Fußball-Bundesligisten VfL Wolfsburg. Der andere war ich. Wolf, 45, ist ein offener und vollkommen unprätentiöser Gesprächspartner, zweitens zählt er sich ohne falsche Bescheidenheit zu jener Generation der Um-die-40-Jährigen, die inspiriert von Innovatoren wie Finke und Daum den Fußball in der Bundesliga praktisch flächendeckend auf internationalen Standard gebracht haben.
"Viererkette, Dreierkette und so weiter, wir können das jetzt alles auch", sagte Wolf. Mal besser, mal schlechter, mag man versucht sein zu sagen, angesichts der aktuellen Verfassung seines Teams und des Ausputzer spielenden Stefan Schnoor - aber das wäre eine billige Pointe.
Wackeln im März
Später ging es jedenfalls um die scheinbar vorangeschrittene strukturelle Professionalisierung der Fußball-Unternehmen. Eine Frage war: Drückt die sich auch dadurch aus, dass heute mittelfristig Konzepte er- und abgearbeitet werden und weniger aktionistisch aus der Logik eines aktuellen Tabellenplatzes gehandelt wird? Es war kurz vor Weihnachten, und ich wies auf den positiven Stand der Dinge hin, nämlich gerade mal einen entlassenen Trainer (und das auch noch Andreas Brehme, und das auch noch in Kaiserslautern). Aber Wolf winkte ab. "Warten Sie mal Februar und März ab", sagte er, "da werden noch einige wackeln."
Tja: Inzwischen haben zwei schon ausgewackelt - Nr. 265 der Ligageschichte war Klaus Toppmöller (Bayer Leverkusen), Nr. 266 ist seit Samstag bekanntlich Hans Meyer (Mönchengladbach). Andere wackeln - soweit man das beurteilen kann - seit Beginn der Rückrunde. Nicht zuletzt Wolf selbst.
Heißt das, dass alles wie früher wäre? Heuern, feuern, neues Spiel, neues Glück? Nehmen wir Meyer: Man muss sich schon außergewöhnlich gut unter Kontrolle haben, um beim Gehen von jenen reden zu können, die man als Feinde, Informanten, "faule Äpfel" (Manager Hochstätter) und Skalpjäger identifiziert hat ("Bild", "Sport-Bild", Breitner, einige Profis) - und dabei nicht zu verkrampfen, sondern sogar grinsen zu können.
Respekt über den zweiten Bildungsweg
Ein Mann von 60 Jahren hat - zumindest unter Imageaspekten - einen ungewöhnlichen, ja einen "großen Abgang" ("Süddeutsche Zeitung") geschafft. Er geht so, wie er sich immer gab - als einer der wenigen Menschen der Fußball-Branche, die Humor haben - oder ihn sich öffentlich leisten wollen oder können. Meyer war schon immer ein Erfolgstrainer, aber schien zunächst typischer Verlierer des Untergangs der DDR zu sein: Er musste sich auf dem zweiten Bildungsweg (Niederlande) den angemessenen Job und Respekt neu erarbeiten.
In der Bundesliga und den angeschlossenen Medien hat er nicht zuletzt deshalb gleichzeitig Begeisterung und Schrecken verbreitet, weil er ungewöhnlich klug und witzig, aber auch ungewöhnlich wenig greifbar war. Er ist eben nicht nur "von Hause aus Kommunist", sondern auch der einzige, der im Zweifelsfall weiß, ob er das jetzt ironisch gemeint hat oder nicht. Meyer hat, so sieht es jedenfalls aus, dreieinhalb Jahre sein Konzept vom Kollektivfußball umgesetzt - und umsetzen dürfen. Und als es wirklich nicht mehr hinhaute, hat er aktiv den Zeitpunkt seiner Demission zumindest mitbestimmen können. Nicht schlecht.
Rücken an Rücken kämpfend
Auch im Falle von Klaus Toppmöllers Entlassung kann man Bayer nicht gerade Aktionismus vorwerfen. Das gilt auch für die überschaubaren Entlassungen 2002 (Lienen, Pagelsdorf, Funkel, Röber, Lorant). Und sonst: Armin Veh? Hat in Rostock offenbar auch in Problemphasen Kredit. Thomas Schaaf (seit 1999 bei Werder) und Sportdirektor Klaus Allofs lassen sich in Bremen zur Stunde nicht aus der Ruhe bringen. Andererseits müssen Ralf Rangnick (in Hannover) und Klaus Augenthaler (in Nürnberg) immer mit dem irrationalen Moment ihrer
Unternehmen beziehungsweise deren Chefs rechnen.
Und Wolfgang Wolf? Der ist erstens berühmt für seine "trick escapes": Zuletzt schaffte sein VfL unter rational ungeklärten Gründen mit neun Profis noch ein 1:1 gegen 1860, am Samstag gelang in Nürnberg der Ausgleich in der Nachspielzeit. Aber Wolf und Manager Peter Pander stehen außerdem auch Rücken an Rücken im Kampf gegen eine vorzeitige Vertragsauflösung. Benutzen in Verteidigungsreden auffällig oft die selben Schlüsselworte, lassen sich nicht gegeneinander ausspielen. Dahinter steckt erkennbar die Emotion, eine
nun fast fünfjährige und relativ erfolgreiche Zusammenarbeit im Mai so abschließen zu können, dass man sich "beim Abschied in die Augen sehen kann"(Wolf).
"Es findet sich immer einer"
Aber auch rational betrachtet: Welche Optionen hat man? Im Sommer soll ein
neuer Konzepttrainer Wolfsburg auf die nächste Qualitätsstufe heben. Kann man
da jetzt einen Interimstrainer holen? Und: Ein seriöser, mittelfristig planender Trainer mit Perspektive steigt heutzutage nicht mehr im März ein. Das behauptete ich damals in der Pizzeria von Wolfsburg. Vielleicht sei das ja ein Beweis für Fortschritt. Aber Wolfgang Wolf schüttelte den Kopf. "Es findet sich immer einer", sagte er. Er hat natürlich Recht: Ewald Lienen ist sein Beweis. Die Frage ist nur, ob das meine These widerlegt.