Bundesliga-Kommentar Wolfsburg als Ventil
Als Andre Lenz zur zweiten Halbzeit in das Tor vor der Nordkurve der VW-Arena lief, gab es freundlichen Beifall, aber auch Unsicherheit: Was war mit Stammtorhüter Simon Jentzsch? Er musste verletzt sein. Man wechselt doch den Torhüter nicht, wenn er nicht verletzt ist. Schon gar nicht einen langjährigen Eckpfeiler des Teams. Und bringt einen, der zweieinhalb Jahre kein Bundesliga-Spiel gemacht hat. Das macht man nicht - oder? Man nicht, Magath schon.
Wolfsburger Magath: Geschäftsführer, Sportdirektor und Trainer
Foto: DDPWer Felix Magaths kurze, aber intensive Zeit als Geschäftsführer, Sportdirektor und Trainer des VfL Wolfsburg aufmerksam begleitet hat, kann keine Sekunde mehr zweifeln, dass er auch einen Torhüter auswechselt, wann immer ER das Gefühl hat, es sei an der Zeit. Entsprechend nonchalant kommentierte er die Sache nach dem 2:2 gegen Eintracht Frankfurt. "Ich hatte das Gefühl, dass Simon unsicher ist und habe ihn deshalb aus dem Spiel genommen."
Selbstverständlich sollte man keine Kopfballtreffer aus drei Metern bekommen wie beim 1:1 von Chris (35.). Klar war Jentzsch generell unsicher. Das ist er bereits die gesamte Vorrunde. Aber Magath hätte den relativ verdienten Profi zumindest bis zur Winterpause durchschleppen können, ohne dass es großartig aufgefallen wäre. Wozu macht er diese Baustelle auch noch auf? Ein Vulgärpsychologe oder Leser von Magaths Vergangenheitsbewältigungs-Interviews könnte auf die Idee kommen, dass er in Wolfsburg seine Omnipotenz-Fantasien auslebt. Und zwar jene, die sich in seiner Zeit als ohnmächtiger Trainer des FC Bayern angestaut haben müssen, in der er sich der Achse Hoeneß-Rummenigge unterworfen sah und zudem einen Kader voller Spitzenpersonal bei Laune halten musste. Aber man kann auch argumentieren, dass der superrationale Magath aus nicht immer positiven Erfahrungen seine Schlüsse gezogen hat und nun in Wolfsburg ein Projekt gestartet hat, das über die Erneuerung eines Teams weit hinausgeht: Das Fußball-Unternehmen VfL aufzuwecken und auf eine neue Stufe zu bringen. Wolfsburg war ja lange Zeit ein Nirwana. Bei VW arbeitete man zwar vielleicht "entfremdet", aber für gutes Geld und gute Sozialleistungen nur 28,5 Stunden die Woche. Das mag sich ab und zu ein bisschen taub angefühlt haben, hatte aber eine hohe Lebensqualität und hat es immer noch.
Ein ähnliches Nirwana soll die VW-Tochter VfL Fußball GmbH gewesen sein. Nirwana, falls das jemand nicht weiß, ist nicht das Paradies, sondern ein Zustand der Zustandslosigkeit, in dem profane Wünsche wie ein Uefa-Pokal-Platz nicht erfüllt sind, sondern überwunden. Ab und zu rief es aus dem Werk herüber "Champions League", und regelmäßig kam ein neuer Trainer und erzählte, was er so vor hatte: Der Rest im Club nickte entspannt und wartete, bis der nächste Trainer kam. Ob das stimmt? Zumindest scheint man es Magath so dargestellt zu haben, denn er tut alles, damit die Ruhe dahin ist.
Sein Mantra hat er sich über diverse Entlassungen erarbeitet. Es lautet: Es liegt nicht am Trainer. Jedenfalls nicht am Trainer Magath. Erst muss ein Fußballunternehmen strukturell höchsten Ansprüchen genügen, dann kann der Trainer schuld sein. Magath ist als erster VfL-Trainer direkt von der VW-Unternehmensspitze gescoutet und verpflichtet worden. Er macht, was jeder Wirtschaftsmanager macht: Er baut ein Netz aus Vertrauten auf, die er für kompetent hält und die ihn stützen. Vertraut er jemandem nicht, wird's schwierig.
Mehrmals hat er darauf hingewiesen, dass er gern bereit sei, schuld zu sein. Aber dafür will er diesmal auch wirklich alles entscheiden, damit tatsächlich er schuld ist. Es ist eine große Aufgabe, und so fragen sich auch Leute, ob er sich mit diesem Multitasking nicht übernehmen könnte. Ist nicht allein die Erneuerung des Teams ein Fulltime-Job? Der Club, und damit der Automobilkonzern hat mehr als 30 Millionen Euro allein an Ablöse in die Mannschaft investiert, mit Josué einen Volltreffer gelandet und mit Simunek, Dejagah, Dzeko und eventuell auch Gentner potentielle Topspieler verpflichtet. Dennoch ist die Zwischenbilanz mit Platz 13 und gerade mal vier Siegen mager.
Um genau zu sein: Weniger als 17 Punkte nach 15 Spielen hatte der VfL in zehn Jahren Bundesliga nie. Dass man nicht wenigstens gegen ein solide arbeitendes, aber extrem ersatzgeschwächtes Team wie Frankfurt einen Heimsieg hinkriegt, hilft nicht gerade dabei, Grundvertrauen in die Richtigkeit der großen Veränderungen aufzubauen. Magath arbeitet zumindest bis zur Winterpause mit einem zu großen Kader von 29 Spielern, probiert dies und das, und lässt mehrere Profis kühl zwischen Tribüne und Stammelf rotieren.
Der Torwartwechsel, sagt er, sei eine "spontane Entscheidung" gewesen. Ersatzkeeper Lenz berichtete, dass der Trainer ihm nur gesagt habe: "Warm machen". Ob Jentzsch nach der demonstrativen, öffentlichen Abstrafung noch eine Zukunft in Wolfsburg hat? "Vielleicht hilft ihm das, zu alter Form zurück zu finden", sagte Magath. Auch einen solch knallharten Satz intoniert er so, dass er fast freundlich klingt. Letztlich heißt es aber: So hat er keine Zukunft.
Da ja nun aber die Bayern trotz Franck Ribéry die Bayern bleiben, und Berlin trotz Trainer Lucien Favre zunächst weiter Hoeneß BSC, ist Magaths Arbeit beim VfL Wolfsburg bis auf weiteres zwar nicht das sympathischste Projekt im deutschen Fußball, aber das weitgehendste und damit das spannendste. Allerdings kann man nicht behaupten, dass Wolfsburg deshalb vor Aufregung vibrierte. Da muss selbst Felix Magath noch einen Zahn zulegen. Mindestens.