Bundesliga-Kommentar Zauberlehrling mit Startproblem
VfB-Trainer Babbel: "Zu viel Potential, um in Schwierigkeiten zu kommen"
Foto: ddpDer VfB Stuttgart ist holprig in die Saison gestartet, nach der 1:3-Niederlage beim Tabellenführer Hamburger SV ist das Team von Trainer Markus Babbel auf Platz elf abgerutscht. In fünf Begegnungen gelang den Schwaben nur ein Sieg, bei zwei Niederlagen und zwei Unentschieden. Nur gegen Aufsteiger Freiburg konnte der VfB 4:2 gewinnen. Viel zu wenig, gemessen auch an den eigenen hohen Ansprüchen. Der VfB will den direkten Sprung in die Champions League schaffen. Vor Saisonbeginn wurden die Stuttgarter sogar als Titelanwärter gehandelt.
Horst Heldt, Vorstand Sport beim VfB, und Markus Babbel haben geduldig den Transfermarkt beobachtet. Sie wollten sich gezielt verstärken, um die anvisierten Ziele zu erreichen. Aliaksandr Hleb vom FC Barcelona und Pawel Pogrebnjak aus St. Petersburg sollten das Offensivspiel variabler gestalten und den Abgang von Stürmerstar Mario Gomez kompensieren. Der Acht-Millionen-Zugang Zdravko Kuzmanovic vom AC Florenz soll die Qualität im defensiven Mittelfeld anheben. Jetzt hat der VfB viele Stars, aber trotzdem zu wenig Punkte.
Dabei zeigte der VfB in der Hamburger Arena in der Anfangsphase einen Fußball, wie ihn sich Teamchef Babbel vorstellt: Taktisch diszipliniert verschoben sich die Stuttgarter im Raum und hinderten den HSV frühzeitig an der Spielentfaltung. Wo der Ball war, da waren auch schon Stuttgarter. "Wir taten uns zunächst schwer gegen einen sehr kompakt eingestellter Gegner", lobte HSV-Coach Bruno Labbadia. Es brauchte einen genialen Moment, um diese Ordnung zu zerstören. Erst nachdem Mladen Petric nach 30 Minuten einen Linksschuss begnadet im Tor unterbrachte, verlor der VfB die Orientierung - aber auch allzu schnell die Moral. "Uns hat der letzte Wille gefehlt", bemängelte Markus Babbel, "gerade im Spiel nach vorne."
Mangelnder Offensiv-Punch, schlampiges Passspiel
Es ist hübsch anzusehen, wie der Ball Hleb gehorcht, als sei er von ihm dressiert worden. Aber die individuelle Qualität, die Spiele entscheidet, fehlte dem VfB in Hamburg. Auch wenn Pogrebnjak der einzige Treffer gelang, der VfB hat mit sechs Toren in fünf Spielen ein Sturmproblem. Pogrebnjak läuft und ackert, Sturmpartner Cacau müht sich, aber dem VfB fehlt der Punch, einen Gegner empfindlich zu treffen. Wie ein konsequent zu Ende geführtes Offensivspiel aussieht, zeigte der HSV.
"Wir reden immer davon, wie gut wir sind. Jetzt müssen wir es auch mal zeigen", gab sich Thomas Hitzlsperger selbstkritisch. Der Kapitän und Nationalspieler zählte zu den schwächeren Stuttgartern. Zu viele seiner Pässe kamen nicht beim Adressaten an. Der VfB leistet sich momentan zu viele Fehler im System, das so nicht funktionieren kann. Als "schlampig" bezeichnete Horst Heldt das Passspiel und setzte dazu eine Miene auf, als ob er nicht gewillt sei, solche Vorführungen noch lange zu dulden. "Schlampig" ist ein gefährliches Wort bei der Analyse eines Fußballspiels. Weil es auch beschreibt, dass jemand mehr kann, als er zu zeigen gewillt ist.
Champions-League-Rang als Pflichtaufgabe
Babbel jedenfalls wirkte etwas ratlos nach der Niederlage. "Die Mannschaft hat viel zu viel Potential, um in Schwierigkeiten zu kommen", übte er sich in Zweckoptimismus. Aber ist es die neue Zielsetzung für die Saison, Schwierigkeiten zu vermeiden? Babbel leidet unter der Doppelbelastung, zwischen Stuttgart und Köln pendeln zu müssen. Die Hälfte der Woche verbringt er an der Sporthochschule in Köln, um seine Trainerlizenz zu erwerben. Er müsste in Stuttgart sein und schnellstmöglich versuchen, seine Stars zu einem funktionierenden Team zu formen. Dass Babbel weiß, wie man eine Mannschaft führt, hat er in der abgelaufenen Saison bewiesen - ohne Trainerlizenz. Da übernahm er im November von Vorgänger Armin Veh eine uninspirierte Truppe und führte sie im Stile eines Zauberlehrlings in einer sensationellen Rückserie noch auf Platz drei und in den Europapokal.
Für Babbel stehen schon nach wenigen Spieltagen entscheidende Wochen an: Er ist erst 37 Jahre alt und muss den Durchbruch als Trainer schaffen, mit einer pikanten Aufgabe. Gemeinsam mit Heldt muss er den VfB dauerhaft unter den Top-Teams der Liga etablieren: eine schwierigere Aufgabe als der Gewinn der Meisterschaft 2007, als niemand den VfB auf der Rechnung hatte und der unerwartet den Titel holte. Um sich in der Spitzengruppe der Liga zu platzieren, gehen die Stuttgarter ein hohes Risiko ein, gar nicht betulich schwäbisch-kalkulierend: Nach den hohen Investitionen ist das Erreichen der Champions League zur Pflicht geworden. Die Erwartungen sind enorm. Am kommenden Mittwoch (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) empfängt der VfB in der Gruppenphase der Champions League die Glasgow Rangers, am Samstag in der Bundesliga den 1. FC Köln. "Bis dahin müssen wir unsere Fehler abstellen", sagt Babbel. Es wird eine arbeitsreiche Woche für Babbel und seine Stars.