Bundestrainer Klinsmann: Sunnyboy im Hagelschauer - DER SPIEGEL
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Bundestrainer Klinsmann Sunnyboy im Hagelschauer

Jürgen Klinsmann steht heftig in der Kritik. Doch der Bundestrainer vertraut sich und seinem Konzept, den deutschen Fußball grundlegend zu verändern. Und er bekommt dafür volle Rückendeckung vom DFB.
Von Steffen Gerth
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Derart leidenschaftliche Auftritte des DFB-Präsidenten haben Seltenheitswert. Mit Verve trat Gerhard Mayer-Vorfelder bei der gestrigen Pressekonferenz in Hamburg vor die Mikrofone: "Alles, was dieser Trainerstab gemacht hat, hat nicht zu diesem Türkei-Spiel geführt, sondern auch zu großen Erfolgen. Es ist daher abenteuerlich, alles in Frage zu stellen."

Klinsmann sollte diese Worte von Mayer-Vorfelder als einen virtuellen Orden interpretieren. Dass sich ein Verbandspräsident derart deutlich hinter einen öffentlich stark kritisierten Trainer stellt, soll zeigen, dass der DFB an diesen Mann und seine Arbeit glaubt, die er am 26. Juli 2004 aufgenommen hat.

Man muss kein Parteigänger Klinsmanns sein, um seinem Tun Respekt abzunötigen. Denn wer nach diesem miserablen Spiel in der Türkei vom Samstag (1:2) mit einer derartigen Entschlossenheit an die Überlegenheit seines Konzepts glaubt, ist entweder nur ein stumpfer Trotzkopf - oder eben ein realistischer Reformer, der weiß, dass große Umgestaltungen immer mit Reibungsverlusten einhergehen.

Wahrscheinlich erlebt Klinsmann dieser Tage die wichtigste Phase seines Trainerseins, in der "Bild" sogar schon seine Leser fragt, was der Bundestrainer besser machen soll. Es ist daher ganz günstig, dass die Nationalelf am heutigen Mittwoch in Hamburg auf China trifft (20.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE), eine Mannschaft, die weder bei der Weltmeisterschaft 2006 dabei ist und schon gar nicht zu den internationalen Fußball-Großmächten zählt. Alle können durchschnaufen - und Klinsmann gewinnt etwas Zeit. Um dann weiterzumachen, wie bisher. Er spricht von einem Umbruch, den er eingeläutet habe, und er beschwört zum x-ten Mal, dass seine Spieler noch Zeit brauchen.

Aber als er am Dienstag in Hamburg während der offiziellen Pressekonferenz zum China-Länderspiel auf den Vorwurf von Bayern-Manager Uli Hoeneß antworten soll ("Ganz Deutschland ist derzeit in einem katastrophalen Zustand, und so ähnlich sehe ich das auch in der Nationalmannschaft"), ist es für einige Sekunden vorbei mit der schwäbelnden Freundlichkeitsoffensive. "Was das Land betrifft, soll man sich an Hoeneß wenden", faucht er. Ansonsten ist ihm anzumerken, was er sonst noch denkt: Hoeneß solle ihn in Ruhe lassen. Flankendeckung erteilt ihm auch hier wieder Mayer-Vorfelder, der sagt, dass der Trainerstab nicht 18 Einzelmeinungen folgen kann und damit die immer lauter nörgelnden Bundesliga-Trainer meint.

Dabei hat Hoeneß nicht einmal Unrecht. Deutschland hat großen Reformbedarf, und der Fußball des Landes auch. Zu fragen ist nur, ob auch die Fußball-Deutschen grundlegend Neues wirklich zulassen wollen?

Klinsmann hat den hiesigen Fußball verwirrt mit amerikanischen Fitnesstrainern, Power-Point-Vorträgen, Motivationsexperten, Experimenten bei Mannschaftsaufstellungen, ungewöhnlichen Trainingsmethoden. Doch überzeugende Kritik an seinem Tun kann niemand formulieren. Trainer Christoph Daum (Fenerbahçe Istanbul) spielt sich nach dem verkorksten Türkei-Länderspiel als Klinsmanns Chefkritiker auf, um zwei Tage später kleinlaut zugeben zu müssen, dass "jeder andere Trainer auch Probleme hätte". Und dass die von Franz Beckenbauer angebotene Hilfe der Liga für den Bundestrainer unrealistisch ist, beweist ein Satz vom Bremer Sportdirektor Klaus Allofs: "Wir werden Jürgen nicht an die Hand nehmen können." Es wird derzeit viel gesagt, was sich gut in der Zeitung macht. Daher mahnt Mayer-Vorfelder "nicht die Schlagzeilen zu suchen, sondern das direkte Gespräch".

Es kann gut sein, dass Klinsmann bei der Weltmeisterschaft 2006 grandios scheitert. Zum einen, weil er ja selbst noch Berufsanfänger im Trainergeschäft ist. Und vielleicht sind seine "25 besten deutschen Spieler", die er derzeit ausgewählt hat, auch im nächsten Jahr nicht mehr oder noch nicht gut genug für das ganz große Geschäft. Doch ein 19 Jahre alter Abwehrspieler Marcell Jansen gewinnt ja nicht dadurch Erfahrung, weil sein Bundestrainer in Geislingen an der Steige statt in Huntington Beach wohnt. Nach dieser Logik hätte unter Berti Vogts mit Wohnsitz Kleinenbroich feinster Ball gespielt werden müssen.

Klinsmann sagt, dass er zweimal im Monat in Deutschland weilen würde und dass er bestens informiert sei. Daran wolle er nicht rütteln. Nicht umsonst hat er ja sein Team vor Ort mit Trainer Joachim Löw und Oliver Bierhoff, von dem man freilich genauer wissen möchte, was er zwischen Bierwerbespots und Arbeit im Privatfernsehen eigentlich so macht, als Team-Manager der Nationalmannschaft.

Klinsmann weiß, dass er mit seinem Konzept ein großes Risiko eingeht. Prinzipiell hat er außerhalb seines engsten Kreises beim DFB kaum noch Verbündete, "aber ich habe auch keine Lust, es allen recht zu machen". Folglich läuft auch der französische Bayern-Verteidiger Valérien Ismaël ins Leere mit seinem wiederholten Angebot, die deutsche Staatsbürgerschaft anzunehmen, um für das DFB-Team zu spielen. "Er hat nicht diesen Bezug zu Deutschland, wie wir es von einem Nationalspieler erwarten", betont Klinsmann.

Es wirkt, als habe er sich als Bundestrainer in den Kopf gesetzt, ein marodes System aus eigener Kraft heraus zu verbessern. "Unser Anspruch ist höher als in der Bundesliga", sagt der Bundestrainer. Erstaunlich ist dabei, dass er niemals diese Liga kritisiert, die kaum noch deutschen Spielern Zeit für die Entwicklung gibt, und in der bei Hoeneß' Bayern deutsche Talente (Sebastian Deisler und Bastian Schweinsteiger) zur Schonung auf der Bank sitzen, aber 2006 das DFB-Team - bitteschön! - zum WM-Titel schießen sollen.

Es gibt genügend Kritikpunkte an Klinsmann: Dieses Marketingdeutsch mit Blähworten wie "proaktiv" oder "Optimierung" etwa. Ob nun eigens aus Amerika eingeflogene Fitnesstrainer mehr von Oberschenkeldehnung verstehen als deutsche Fachleute ist fraglich. Und wenn diese eigenwillige Torhüter-Rotation doch nicht nur eine wohldurchdachte Charakterprüfung für die Spieler ist, dann muss darüber ebenfalls ernsthaft nachgedacht werden. Aber: Unter Klinsmann besuchen deutsche Nationalspieler in ihrer Freizeit freiwillig ein Museum, darf Christoph Metzelder sein Comeback erst gegen China geben, um nicht schon in der Türkei verheizt zu werden, und hat die DFB-Elf 11 Siege, 5 Unentschieden und 4 Niederlagen als Bilanz.

Welche ernsthafte Alternative hatte der DFB im Sommer 2004?