Bundestrainer-Suche Chronik einer Chefsache
23. Juni 2004:
Die deutsche Nationalmannschaft unterliegt im letzten EM-Vorrundenspiel gegen Tschechien mit 1:2 und scheidet aus. In der Nacht bietet Teamchef Rudi Völler seinen Rücktritt an. Niemand stimmt ihn um.
24. Juni: Völler erklärt auf einer Pressekonferenz seinen Rücktritt. Jetzt müsse es "jemand machen, der unbefleckt ist", so Völler. Zum Nachfolgekandidaten Nummer 1 wird der ehemalige Bayern-Trainer Ottmar Hitzfeld. Der gilt als Erfolgsgarant und Mann mit reiner Weste. Hitzfeld erklärt, das Bundestraineramt sei für ihn eine "logische Folge".
30. Juni: Die "Bild"-Zeitung verkündet: "Alles perfekt mit Hitzfeld. Vier Millionen pro Jahr - seine Frau muss nur noch Ja sagen." Doch die Zeitung irrt. Beatrix Hitzfeld gibt zwar angeblich "grünes Licht", aber der Kandidat ziert sich. Und hält den DFB hin.
1. Juli: "Ich bin derzeit nicht in der Verfassung, der deutschen Nationalmannschaft bis zur WM 2006 weiterzuhelfen", heißt es in einer Erklärung Hitzfelds am Mittag. Die überraschende Absage des Wunschkandidaten setzt den DFB unter Schock. "Wir haben keinen Plan B", erklärt Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder.
4. Juli: Otto Rehhagel wird als Nationaltrainer Europameister - mit Griechenland. Der 65-Jährige gilt nach seinem Erfolg im Ausland sogar unter ehemaligen Intimfeinden wie Bayern-Manager Uli Hoeneß wieder als salonfähig. Beim DFB ist nun Rehhagel der Topkandidat.
5. Juli: Griechenland feiert - in Athen herrschen chaotische Zustände, als der Europameister mit Otto Rehhagel an der Spitze nach Hause kommt. Ähnlich chaotisch geht es in Deutschland zu. Der DFB blamiert sich zusehends im Bemühen, einen neuen Bundestrainer zu präsentieren und dann kommt es auch noch fast zu einer Palastrevolte: Theo Zwanziger - bisher Schatzmeister beim größten Sportfachverband - soll den in die Kritik geratenen Mayer-Vorfelder ("Die Bundestrainersuche ist Chefsache") als Präsidenten ablösen. Am Abend beschließen WM-OK-Chef Franz Beckenbauer, Liga-Präsident Werner Hackmann, DFB-Generalsekretär Horst R. Schmidt und "MV" die Gründung eines Such-Instruments: "Die Trainerfindungskommission" ist geboren.
10. Juli: Inge Meysel ist 94, als sie stirbt. Die Hoffnung auf den Bundestrainer Rehhagel wird nur fünf Tage alt. Er teilt Beckenbauer in einem Telefonat mit, dass er einen Vertrag mit Griechenland habe und diesen erfüllen werde. Fünf Tage, und wieder hat der DFB keinen "Plan B in der Tasche".
11. Juli: Via "Sport Bild"-Kolumne macht ein Job-Hopper auf sich aufmerksam. Lothar Matthäus, 43, ehedem Trainer bei Rapid Wien, Partizan Belgrad und zurzeit als Nationaltrainer Ungarns in Lohn und Brot, sagt "Ich bin alt genug als Bundestrainer". Franz Beckenbauer wird das später anders sehen: Matthäus sei zu jung. Der "Kaiser" favorisiert offenbar den Holländer Guus Hiddink und den Dänen Morten Olsen. Fast drei Wochen sind seit Völlers Rücktritt mittlerweile vergangen. Eine Entscheidung ist noch immer nicht gefallen - dafür hat der DFB mit Hiddink und Olsen sogar einen Plan B und C.
15. Juli: Kein Tag vergeht ohne einen neuen Namen. Kameruns Nationaltrainer Winfried Schäfer sei ein Kandidat, erklärt Franz Beckenbauer. Von der Trainerfindungskommission bekommt er dafür einen Rüffel - schließlich hat der DFB seit dem Hitzfeld-Rehhagel-Debakel ein öffentliches Schweigegelübde abgelegt. Doch es ist zu spät. Schäfer geistert als Kandidat durch die Gazetten - und macht sich in Interviews schon mal Gedanken über die Zukunft des deutschen Fußballs.
16. Juli: Die "Süddeutsche Zeitung" veröffentlicht ein Interview, in dem ein ehemaliger Nationalmannschafts-Kapitän harsche Kritik äußert. "Im Prinzip müsste man den ganzen Laden auseinander nehmen", heißt es. Der Laden ist der DFB, der Ex-Kapitän Jürgen Klinsmann. Das Interview sorgt für wenig Wirbel - schließlich ist Klinsmann weit weg. Der Stürmer lebt in Los Angeles, dort arbeitet er für den MLS-Klub Los Angeles Galaxy. Einen Trainerschein hat er auch.
18. Juli: Ausgerechnet von einem alten Bekannten erfährt der DFB von Klinsmanns Bereitschaft, sich einzubringen. Berti Vogts, als Bundestrainer Europameister 1996, steckt seinem ehemaligen Verband, der 39-Jährige habe Interesse an der Völler-Nachfolge.
20. Juli: Mayer-Vorfelder und Schmidt reisen nach New York. Sie wollen mit Klinsmann verhandeln, nachdem in den Tagen zuvor Hiddink und Olsen abgesagt hatten. Klinsmann sagt zu, dem DFB helfen zu wollen. Lothar Matthäus erklärt, unter ihm als Bundestrainer würde der Brasilianer Ailton für Deutschland stürmen.
24. Juli: Auf einer Pressekonferenz gibt Jürgen Klinsmann bekannt, dass er die Aufgabe als Teamchef übernehmen wolle. Holger Osieck, an der Seite von Franz Beckenbauer Weltmeister 1990, soll Co-Trainer werden. Die neu zu schaffende Position des Nationalmannschaftsmanagers wird ein weiterer alter Bekannter übernehmen: Oliver Bierhoff, zuletzt Seitenlinienanalyst für Sat1.
26. Juli: Jürgen Klinsmann einigt sich mit dem DFB auf einen Zweijahresvertrag und wird die Nationalmannschaft bis zur WM 2006 betreuen. Die Unterschrift von Osieck und Bierhoff gilt als Formalität. Mehr als einen Monat nach dem Rücktritt von Rudi Völler ist die Bundestrainersuche beendet.
28. Juli: Holger Osieck wird nicht Assistent von Jürgen Klinsmann. Nach einem Vier-Augengespräch erklärt der ehemalige Beckenbauer-Assistent, er habe sich mit Klinsmann nicht auf einen gemeinsamen Weg verständigen können.
29. Juli: Jürgen Klinsmann wird auf einer Pressekonferenz als neuer Bundestrainer vorgestellt. Somit ist klar: Der 39-Jährige wird die Nationalelf selbst trainieren. Oliver Bierhoff wird wie erwartet Team-Manager. Die Suche nach einem Co-Trainer für Klinsmann soll in den kommenden Tagen abgeschlossen sein.
30. Juli: Das Führungstrio der Nationalmannschaft ist komplett. Joachim Löw unterschreibt einen Zweijahresvertrag als Co-Trainer. Der ehemalige Coach des VfB Stuttgart gilt als Klinsmann-Intimus.