Shinji Kagawa: Wunderknabe in Schwarz-Gelb
BVB-Star Kagawa Das Super-Schnäppchen
Das erste, was Shinji Kagawa von Borussia Dortmund gesehen hatte, war ein überdimensionales Plakat auf der Südtribüne. "100 Jahre" stand darauf geschrieben, daneben das Wappen des BVB. Dahinter brannte bengalisches Feuer. Über 80.000 Zuschauer waren gekommen, um das Jubiläum des Clubs zu feiern. Es war der 19. Dezember 2009, Dortmund spielte am letzten Hinrundenspieltag gegen den SC Freiburg, siegte 1:0 durch ein Tor von Lucas Barrios. Es war bitterkalt, zweistellige Minusgrade ließen den Asiaten Kagawa auf der Tribüne frieren.
Und dennoch entschied er sich vielleicht in genau diesen Momenten, künftig für den BVB auflaufen zu wollen. Mittlerweile ist über ein halbes Jahr vergangen, Kagawa seit dem 1. Juli bei Borussia Dortmund unter Vertrag. Vor der laufenden Saison war er der große Unbekannte im BVB-Kader. Doch der Japaner begeisterte bislang in allen Pflichtspielen Fans und Verantwortliche gleichermaßen. Tolle Leistung im DFB-Pokal gegen Burghausen, zwei Tore in den Playoffs der Europa League gegen Quarag Agdam. An vier Spieltagen bislang drei Tore in der Bundesliga, davon zwei im Derby gegen Schalke.
Kagawa ist angekommen. "Sportlich hatte ich genau das erwartet", sagt sein Trainer Jürgen Klopp. "Überrascht hat mich nur, wie schnell er sich eingefunden hat." Wenn die BVB-Profis das Training auf dem Gelände in Dortmund-Brackel beenden, sind die Unterschriften Kagawas bei den Fans immer besonders begehrt. Auch das mediale Aufkommen hat sich seit seiner Ankunft stark erhöht. Kamerateams aus Japan sind regelmäßig zu Gast bei den Übungseinheiten. Das Europa-League-Duell gegen Karpati Lwiw wurde sogar live im japanischen Fernsehen übertragen.
"Da haben die Dortmunder Scouts richtig gut hingeschaut"
Maßgeblich für den Wechsel verantwortlich war neben Sportdirektor Michael Zorc der ehemalige Dortmunder Thomas Kroth. Kroth ist Geschäftsführer einer Spieleragentur, die auch eine Depandance in Japan hat. Er vermittelte bereits den Wolfsburger Makoto Hasebe, Schalkes Atsuto Uchida und Bochums Chong Tese in die Bundesliga. Auf Kroths Geheiß ließ Zorc Kagawa beobachten. "Da haben die Dortmunder Scouts richtig gut hingeschaut. Kagawa ist ein großes Talent, ein Offensivspieler, der alles mitbringt, ein Instinktfußballer", sagte der frühere Freiburger Trainer Volker Finke, der in Japan Urawa Red Diamonds trainiert, dem "Kicker" über Kagawa.
Körperlich wird Kagawa Zorc wohl kaum beeindruckt haben. Der 21-jährige wiegt bei einer Größe von 1,72 Meter gerade einmal 63 Kilogramm. Allerdings kommt die schmächtige Statur seiner Spielweise sehr entgegen. Kagawa ist ein dribbelstarker, technisch sehr gewandter Spieler, der immer wieder den Torabschluss sucht. Damit wurde beim BVB eine Schwachstelle behoben, denn in den vergangenen Jahren wurde zu wenig Gefahr aus dem Mittelfeld entwickelt.
350.000 Euro Ausbildungsentschädigung an Osaka
Großen Anteil an der schnellen Integration Kagawas hat ein Mann, den die Dortmunder Fans in den ersten Trainingseinheiten ebenfalls verwundert musterten. Meist mit einem grauen Jogginganzug bekleidet war Jumpei Yamamori in der Anfangszeit Kagawas in Dortmund stets an dessen Seite und übersetzte ihm die Ansagen von Trainer Klopp. Yamamori arbeitet derzeit als Dolmetscher für den BVB. Während der Spiele sitzt er mit auf der Bank, in der Kabine direkt neben Kagawa, um simultan zu übersetzen. Yamamori unterrichtet Kagawa täglich.
Kagawas fußballerische Ausbildung fand in den vergangenen Jahren bei Cerezo Osaka statt. Dort bekam er 2006 einen Profivertrag, stand aber zunächst vorwiegend in der Jugendmannschaft auf dem Platz. Nach dem Abstieg des Clubs die J. League Division 2 kam Kagawa 2007 in seiner ersten Spielzeit bei den Profis auf 35 Ligaeinsätze, erzielte fünf Tore. Ein Jahr später gelangen ihm in derselben Anzahl Spiele bereits 16 Treffer. In der folgenden Saison stieg der Club in die J. League auf, Kagawa half mit 27 Treffern in 44 Spielen maßgeblich mit. Auch in der höchsten japanischen Liga traf Kagawa, der bislang 15 Länderspiele absolviert hat, munter weiter, ehe ihn Zorc nach Dortmund lotste. Da der Vertrag auslief, musste Zorc nur 350.000 Euro an offiziell vorgeschriebener Ausbildungsentschädigung nach Osaka überweisen. Der Marktwert dürfte schon jetzt auf über das Zehnfache gestiegen sein.
So konnte sich BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke auch jüngst einen Seitenhieb gegenüber Wolfsburgs Manager Dieter Hoeneß nicht verkneifen. Nach dem Dortmunder Sieg am vorvergangenen Spieltag gegen den VfL sagte Watzke: "In finanzieller Hinsicht gab es ja gewisse Unterschiede bei den Transfers. Und bei der Leistung auch. Shinji war um Klassen besser als Diego."
Ob Kagawa es einmal ähnlich weit bringen wird wie der Brasilianer, muss abgewartet werden, aber eine Sache hat Dortmunds Trainer Jürgen Klopp in seiner gewohnt humoristischen Art bereits treffend festgestellt: "Es soll ja Deutsche geben, die denken, dass Japaner nur mit Fotoapparat in der Hand funktionieren. Aber manche können eben auch eine Menge mit dem Fuß."