BVB-Star Sahin Wie ein Pflaster
BVB-Profi Sahin: Abschied aus Dortmund scheint sicher
Foto: Markus Schreiber/ APHamburg - Nuri Sahin wird Borussia Dortmund verlassen. Glaubt man der "Bild"-Zeitung, verliert der BVB seinen wohl besten Spieler schon nach dieser Saison. Real Madrid soll Interesse haben, der 22-Jährige wird dem Werben des spanischen Rekordmeisters nur schwer widerstehen können. Damit sollte sich der BVB abfinden. Für den Club wäre der vorzeitige Abschied Sahins (sein Vertrag läuft noch bis 2013) ohnehin ein weitaus geringeres Risiko als für den Spieler selbst.
Die Aufregung der BVB-Anhänger über den bevorstehenden Verlust ihres Stars ist dennoch verständlich. Sahin hat einen wesentlichen Anteil an einer herausragenden Saison der Borussia, an deren Ende für den Tabellenführer womöglich der siebte Meistertitel der Vereinsgeschichte steht. Der türkische Nationalspieler hat bisher acht Torvorlagen gegeben und sechs Treffer erzielt - bei zusätzlich drei verschossenen Elfmetern. Sahin dürfte zu den gefährlichsten defensiven Mittelfeldspielern Europas zählen. Das Potential für Real ist vorhanden.
Sahin hat sich vom einst jüngsten Bundesliga-Spieler zum absoluten Leistungsträger entwickelt. In den letzten anderthalb Jahren konnte man deshalb beinahe vergessen, wie weit Sahin 2007 von diesem Status entfernt war. Damals war für Sahin beim BVB kein Platz mehr. Cheftrainer Thomas Doll sortierte ihn aus. Zu langsam, zu durchsetzungsschwach soll der Türke gewesen sein.
Die einzige Chance, Spielpraxis zu bekommen, bestand in einer Leihe zum niederländischen Erstligisten Feyenoord Rotterdam. Der dortige Trainer Bert van Maarwijk kannte Sahin noch aus seiner Zeit in Dortmund. Sein Vertrauen verhalf Sahin maßgeblich zu seinem erfolgreichen BVB-Comeback. Nach einem starken Jahr im Ausland kehrte er nach Dortmund zurück. Dort fand er in Jürgen Klopp den idealen Coach.
Es ist ein Verdienst des aktuellen BVB-Trainers, dass Sahin vom Außenseiter zu einem der notenbesten Feldspieler der Hinrunde aufstieg. Es ist aber auch der Grund, warum der jungen Dortmunder Mannschaft der Verlust ihres Taktgebers nur kurz schmerzen wird, in etwa so, als entferne man ein Pflaster. Kaum ein anderes Bundesliga-Team funktioniert in dieser Saison im Kollektiv besser als Dortmund. Nur wenige andere Mannschaften brachten in so kurzer Zeit so viele hoffnungsvolle Talente hervor. Der Verlust eines außergewöhnlichen Fußballers wie Sahin gehört zum Konzept. Das hat bei Alexander Frei ebenso funktioniert wie bei Mladen Petric.
Top-Spieler zum Spottpreis
Sahins Ersatz könnte Ilkay Gündogan heißen. Der Mittelfeldmann vom 1. FC Nürnberg soll bereits mit dem BVB verhandeln. "Wir würden ihn gerne verpflichten, wenn das Gesamtpaket stimmt", sagte Dortmunds Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke der "Bild am Sonntag". Etwa sechs Millionen müsste der Verein für den 20-Jährigen bezahlen und damit offenbar eine ähnliche Summe, die ein Sahin-Transfer in die Kassen spülen würde. Es soll in seinem Vertrag eine Klausel geben, nach der er für diesen Betrag gehen darf. Real Madrid bekäme einen Top-Spieler zum Spottpreis. Und Sahin?
Fakt ist: Real hat derzeit gleich drei Akteure auf seiner Position im Kader, die allesamt nicht in die Kategorie "Fallobst" gehören. Nach Xabi Alonso und Lassana Diarra haben die Spanier erst vor der Saison in dem ehemaligen Stuttgarter Sami Khedira einen weiteren Nationalspieler verpflichtet. Die Konkurrenz im Team von Trainer José Mourinho ist mit der beim BVB nicht zu vergleichen. Möglich, dass sich Sahin mit einem Wechsel zu diesem Zeitpunkt keinen Gefallen tut. Trotzdem wird es neben einem deutlich besser dotierten Vertrag in Spanien ein weiteres Argument geben, dass ihn zum Abschied drängt.
Im Sommer verlässt Sahin den BVB wahrscheinlich auf dem sportlichen Höhepunkt. Im Falle der Dortmunder Meisterschaft wird sein Name stets mit dem überraschenden Titel in Verbindung gebracht. Sahin weiß, wie unwahrscheinlich eine Wiederholung dieses Erfolgs 2012 ist. Das eint ihn mit den Verantwortlichen beim BVB.
Dort registriert man zudem seit einigen Wochen eine abfallende Leistungskurve bei Sahin. Genau wie der Rest der Mannschaft kann auch er nicht mehr an die Form der Hinrunde (14 Siege) anknüpfen. Auf Nachfragen zu seinen Zukunftsplänen reagiert Sahin ausweichend. "Es ist mir nicht verborgen geblieben, dass mein Name zurzeit mit vielen Vereinen in Verbindung gebracht wird", sagt er. Die Gespräche über eine Vertragsverlängerung mit dem BVB liegen seit Wochen auf Eis.
Ihm, aber auch seinem Verein, wäre zu wünschen, dass er bald Klarheit schafft. Das schmerzt womöglich, aber irgendwann ist alles vorbei. Wie bei einem Pflaster.