Calmund-Rücktritt: "Ich bin platt!" - DER SPIEGEL
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Calmund-Rücktritt "Ich bin platt!"

Nach 27 Jahren hat Reiner Calmund bei Bayer Leverkusen das Handtuch geworfen. Er müsse auch an seine Familie denken, sagte der bisherige Geschäftsführer in einem Interview.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Herr Calmund, was waren Ihre Gründe für den überraschenden Rücktritt?


Reiner Calmund:

Ich habe 27 Jahre immer an vorderster Front gestanden, immer auf dem Bock, immer in der Verantwortung, ob Jugend-, Marketing- oder Profibereich. So habe ich für den Verein gelebt. Ich muss nun sagen: Ich bin platt! Ich kann nicht mehr 100 Prozent geben. Diese Belastung halte ich nicht mehr aus. Wer mich kennt, weiß, dass ich in der letzten Saison immer in der 70. Minute meinen Tribünenplatz verlassen habe und in die Kabine gegangen bin. Der Arzt hat mich zuletzt noch einmal untersucht und gesagt, dass ich vollkommen gesund bin. Er hat aber auch gesagt, dass noch so ein Jahr nicht gut für mich ist. Ich habe auch Familie und Privatleben. Daran muss ich auch denken.


Ihr Nachfolger wird Wolfgang Holzhäuser sein. Begrüßen Sie die Entscheidung?

Calmund: Viele wissen, dass wir beide nicht die gleiche Mentalität haben. Es ist aber zu 100 Prozent richtig, dass er mein Nachfolger wird. In dieser Situation ist Kontinuität sehr wichtig, vor allem weil Ilja Kaenzig gerade erst zu Hannover 96 gegangen ist.


Sie sprechen den Weggang von Kaenzig an. Stand er nicht zur Diskussion als Ihr Nachfolger?

Calmund: Ich hatte nicht mehr die Zeit, einen Mann als Nachfolger einzuarbeiten. Da tickt auch meine biologische Uhr. Der Abgang von Kaenzig war für mich eine persönliche Niederlage.


Sie hatten immer eine enge Bindung zu Sportdirektor Jürgen Kohler. Was geschieht nun mit ihm?

Calmund: Jürgen Kohler hat gesagt, dass er Trainer werden will. Seine Zukunft liegt auf dem Platz, nicht im Büro. Es wird vernünftige Gespräche geben. Wir werden die Sache lösen. Ich kann ihm auf jeden Fall ein gutes Zeugnis ausstellen.


Warum kam der Rücktritt zu diesem Zeitpunkt und nicht beispielsweise nach der Horror-Saison im Vorjahr?

Calmund: Der Verein steht nun sehr gut da. Wir haben in der nächsten Saison eine sehr gute Mannschaft, Trainer Klaus Augenthaler ist ein Glücksfall und sportlich haben wir beste Chancen, in die Champions League einzuziehen. Die Planungen sind sehr weit fortgeschritten, auch wenn wir mit Lucio einen gigantischen Abgang zu verzeichnen haben. Das spart uns in drei Jahren aber auch 28 Millionen Euro.


Was werden Sie nun machen?

Calmund: Rudi Völler hat mich angerufen und gebeten, nach Portugal zu kommen. Ich habe lange mit Hackmann, Straub und Völler gesprochen, ob das ratsam ist. Alle haben mich darum gebeten. Deshalb fahre ich am Wochenende zur Nationalmannschaft und werden helfen, dass sie das Viertelfinale erreicht.


Wie fühlen Sie sich, nachdem die Entscheidung nun bekannt ist?

Calmund: Das ist für mich ein emotionaler Erdrutsch. Momentan bin ich erleichtert, weil ich nicht mehr in der Verantwortung stehe. Was mich belastet sind die Anrufe von den Mitarbeitern, den Spielern oder den Freunden. Es tut aber auch gut, wenn die Sekretärin knatscht. Dann kann ich nicht so ein Drecksack gewesen sein.


Was bleibt nach 27 Jahren hängen?

Calmund: Wir haben im Kaninchenstall Haberland-Stadion angefangen, haben es vom Abstiegskandidaten bis zur internationalen Adresse geschafft. Bayer war ein Teil von mir. Von der Bezahlung her, habe ich immer auf einem Abstiegsplatz gestanden. Als wir 1993 den Pokal geholt haben, habe ich 150.000 Mark verdient. Ich habe auch Sprünge gemacht, das endete aber bei 350.000 Euro. Das ist weniger als die Nummer 20, aber so bekloppt bin ich. Ich bin aber auch in Zukunft finanziell abgesichert. Dafür möchte ich Bayer danken.


Wie sieht die weitere Zukunft von Ihnen aus?

Calmund: Ich werde ausspannen, meinen Akku aufladen und dann schaun mer mal. Ich werde Bayer aber immer als Ratgeber und Fan zur Seite stehen.
aufgezeichnet von Stefan Tabeling, sid