Edin Dzeko: Wolfsburg, Manchester, Rom
Rom-Stürmer Dzeko Tottis Erbe
Sollte Edin Dzeko gegen Bayer Leverkusen zunächst auf der Bank sitzen, ist nur das Knie Schuld. Der Stürmer vom AS Rom hat seit seinem Wechsel im Sommer wieder an Selbstbewusstsein gewonnen, er ist der Star der Mannschaft. Die Zeiten, in denen er trotz seines Könnens kein Stammspieler war, sind vorbei. Wenn dem Bosnier am Abend seine Knieverletzung nicht mehr zu schaffen macht, wird Roms Trainer Rudi Garcia gegen Bayer (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) kaum auf ihn verzichten.
Das ist neu für Dzeko. In seinen rund viereinhalb Jahren bei Manchester City, wo der Angreifer bis zum Sommer unter Vertrag gestanden hatte, war er selten unangefochtener Stammspieler. Von den 161 Premier-League-Partien, die Dzeko für Manchester hätte absolvieren können, stand er 74-mal in der Startelf. Also nicht einmal in jedem zweiten Spiel.
Einst galt er als kommender Weltklassestürmer
Dabei war Dzeko von vielen eine goldene Zukunft prophezeit worden, als er im Januar 2011 aus Wolfsburg für die damalige Bundesliga-Rekordablöse von 35 Millionen Euro nach England wechselte. Beim VfL hatte er in 142 Pflichtspielen 85 Tore erzielt, 2009 schoss er den Klub gemeinsam mit Grafite zur Meisterschaft.
Es gibt Stürmertypen, die an den Schnittstellen der gegnerischen Abwehr auf Pässe in die Tiefe lauern. Andere fühlen sich im Strafraum wohl und warten dort auf Flanken. Mancher Angreifer lässt sich ins Mittelfeld zurückfallen, um am Kombinationsspiel teilzunehmen. Wieder andere suchen das Dribbling. Edin Dzeko passt ein bisschen in all diese Kategorien. Der Bosnier ist ein kompletter Stürmer.
Dzeko vereint Technik mit Robustheit, den Spielwitz eines Zehners mit der Durchsetzungskraft eines Mittelstürmers. Mal guckt er sich den Torhüter aus, mal trifft er mit Wucht. Er kann Bälle direkt verwerten oder vorher einen Verteidiger aussteigen lassen. Von den 50 Toren, die Dzeko in der Premier League für City insgesamt geschossen hat, erzielte er 25 mit rechts, 15 mit links und zehn mit dem Kopf.
Dzekos Abschlüsse aus den vergangenen Saisons in der Champions League: Der 29-Jährige schießt aus allen Lagen, mit rechts, links und per Kopfball
Foto: OptaGerne arbeitet er mit kleinen Ablenkungsmanövern, täuscht einen Lauf zum Passgeber an, als suche er den Doppelpass, nur um dann plötzlich in die entgegengesetzte Richtung zu sprinten. Wartet Dzeko im Strafraum auf eine Flanke, macht er einen Schritt hin zum Verteidiger, um sich dann umgehend wieder abzusetzen. So verschafft er sich den entscheidenden Zeitvorsprung.
Stagnation statt Weltruhm
Doch all das hatte er schon zu Wolfsburger Zeiten im Repertoire. In manchen Bereichen hat Dzeko sich seither verbessern können: Seine Passquote hat er stetig erhöht, er bringt sich mehr ins Spiel ein. Doch die Entwicklung zum Top-Star blieb aus, Dzeko fehlte es an Konstanz, verschlechterte sich gar in Teilbereichen: Torschussvorlagen wurden seltener, auch Tore gelangen nicht mehr so selbstverständlich. In der vergangenen Saison traf Dzeko im Schnitt alle 233 Minuten; in seiner ersten vollen Spielzeit in England hatte er weniger als die Hälfte benötigt (107 Minuten).
Roms Champions-League-Spiel gegen Barcelona (1:1): Dzeko wich weit ins Mittelfeld zurück, orientierte sich zudem auf die Flügel. Im Strafraum tauchte er selten auf
Foto: OptaEs folgte der Wechsel nach Rom. Schon bei seinen ersten Auftritten fielen die vielen Szenen auf, in denen Dzeko sich ins Mittelfeld zurückfallen ließ und es oft auch unter Bedrängnis schaffte, den nachrückenden Mitspieler anzuspielen. Die Taktik der Roma war bereits in den vergangenen Spielzeiten häufig darauf ausgerichtet, dass das Sturmzentrum kurzzeitig unbesetzt bleibt, weil der Angreifer auf Höhe der Mittelfeldspieler weicht, während die Flügelspieler in Richtung Tor starten.
Damit wandelt Dzeko auf den Spuren der derzeit verletzten Roma-Legende Francesco Totti (39), der die Rolle des spielstarken Stürmers prägte wie wenige andere.
Dzekos Pässe bei Romas 2:1-Sieg gegen Juventus Turin am zweiten Spieltag: Der Stürmer diente im Zentrum und in den Halbräumen als Anspielstation und sorgte so für Verbindungen zwischen Mittelfeld und Angriff
Foto: OptaGegen Leverkusen wird es für die Italiener wichtig sein, dass der Mittelstürmer jene Wege zurück ins Mittelfeld macht. Denn Bayer versteht es, dem Gegner bei dessen Spielaufbau die Passwege nach vorne zu versperren. Sollte Dzeko spielen, ist es an ihm, für eine zusätzliche Anspielstation im Zentrum zu sorgen und gleichzeitig in den entscheidenden Momenten vor Leverkusens Tor aufzutauchen.
In den vergangenen Jahren tat sich Dzeko in der Champions League schwer. In seiner Karriere gelang ihm dort im Schnitt nur alle 308 Minuten ein Tor - zu wenig für jemanden mit seinem Potenzial. Die Zeit bei Roma könnte für ihn der letzte Anlauf werden, das Projekt Weltklassestürmer doch noch zu verwirklichen.