Fans von Legia Warschau: Und wieder einmal Krawall
Legia Warschaus Fanproblem Die Rache der "Rasierklinge"
Was sangen die Legia Warschau-Fans? "Nutte, Nutte BVB", oder doch eher "Jude, Jude BVB"? In den ersten Tagen nach dem Champions-League-Hinspiel zwischen Legia Warschau und Borussia Dortmund Mitte September, das der BVB 6:0 gewann, war das die entscheidende Frage.
Der polnische Klub ist Wiederholungstäter. Bis zur Partie gegen den BVB wurde Legia seit 2013 bereits zu drei Europa-League-Spielen unter Ausschluss der Öffentlichkeit verurteilt. Im selben Jahr verdonnerte die Uefa den ehemaligen Armeeverein dazu, für das entscheidende Champions-League-Qualifikationsspiel gegen Steaua Bukarest eine Tribüne zu schließen. Dazu kommen Geldstrafen von insgesamt rund 500.000 Euro. Und allein wegen der antisemitischen Gesänge drohte dem Verein laut Uefa-Regularien die Schließung des Stadions für zwei Heimspiele in der Königsklasse. Für den Verein hätte solch ein Urteil große finanzielle Einbußen zur Folge gehabt.
Bei der Debatte, ob nun "Nutte" oder "Jude" gesungen wurde, ist der Angriff der Warschauer Hooligans auf den Block der BVB-Fans fast untergegangen. In der ersten Halbzeit versuchten Maskierte zu den Dortmunder Fans vorzugelangen und konnten erst durch Polizeieinsatz zurückgedrängt werden. Die Szenen bestätigten das Klischee polnischer Stadien, die mit der Realität aber eigentlich selten etwas gemein haben. Statistiken des polnischen Fußballverbandes PZPN und der Polizei verzeichneten in den vergangenen Jahren einen starken Rückgang der Gewalt in den Arenen. Im Legia-Stadion kam es letztmals im März 2014 während der Ligapartie gegen Jagiellonia Bialystok zu Auseinandersetzungen zwischen rivalisierenden Fangruppen.
"Das war eine Art Rache"
Doch galt der Angriff der Legia-Hooligans tatsächlich nur allein den Dortmunder Fans? Zumindest aus dem Umfeld der "Zyleta", der Rasierklinge, wie die Kurve der Warschauer Ultras heißt, kursiert eine andere Version der Ereignisse. Demnach wollten einzelne Hooligan-Gruppen der Klubführung einen Denkzettel verpassen, weil diese sie nicht an den Einnahmen aus dem Fanartikel-Verkauf beteiligen möchte. "Das war eine Art Rache", heißt es aus dem Zyleta-Umfeld.
Es ist eine Version der Ereignisse, die von der Legia-Führung jedoch zurückgewiesen wird und dabei auf den Fanshop verweist, den die Vereinigung der Fans von Legia Warschau auf dem Stadiongelände mit dem Einverständnis des Klubs betreiben darf. Vertrieben werden dort Fanartikel, die zwar den Vereinsfarben entsprechen, auf denen jedoch das offizielle Wappen fehlt. Der lukrative Verkauf von Produkten, auf denen das bekannte "L" zu sehen ist, ist dagegen, so wie in anderen professionellen Ligen, allein dem Klub vorbehalten.
Fans von Legia Warschau: Und wieder einmal Krawall
Zusätzlich angefeuert wird diese Version durch die aktuellen Querelen in der Vereinsführung. Bei der Frage, wie man langfristig gegen gewalttätige Anhänger vorgehen soll, zerstritten sich die drei Klubbesitzer Boguslaw Lesnodorski, Maciej Wandzel und Dariusz Mioduski nach dem BVB-Spiel so heftig, dass der Letztere bereits Anfang Oktober seinen Rückzug aus dem Klub bekannt gab. "Mein entschiedener Widerstand richtet sich (...) gegen die Tolerierung, ja sogar die Unterstützung von Personen, die dem Klub bewusst schaden und sich unter dem Banner Legias gegenüber der 100-jährigen Tradition des Klubs unwürdig benehmen", hieß es in einer Stellungnahme Mioduskis, der sich zu dem Thema "aus Angst um die Sicherheit seiner Familie" auch weiter nicht äußern möchte.
Dass die Angst Mioduskis nicht ganz unbegründet ist, zeigen die Ereignisse von Madrid, als es im Vorfeld des Spiels gegen Real Madrid zu schweren Auseinandersetzungen zwischen polnischen Fans und der spanischen Polizei kam. Zum Gesicht der Krawalle wurde Tomasz Czerwinski, ein Krimineller, der sich gegenüber der spanischen Polizei damit brüstete, 17 Jahre in polnischen Gefängnissen verbracht zu haben, weshalb "die zwei Tage hier in einem Kerker mir auch nicht mehr viel ausmachen". Czerwinski ist ein führendes Mitglied der berüchtigten Hooligan-Gruppe "Teddy Boys 95".
Schlechtes Verhältnis zwischen Fans und Klubführung
Handfeste Beweise dafür, dass die Ausschreitungen beim Spiel gegen den BVB nicht mehr als eine Rache an der Klubführung waren, gibt es aber nicht. Fakt ist jedoch, dass die jüngsten Gewaltexzesse zu einer enormen Verschlechterung des Verhältnisses zwischen den Fan-Gruppierungen und der Klubführung geführt haben. Als Reaktion auf die Krawalle in Warschau und Madrid verhängte der Verein über 100 Stadionverbote und stellte auch die Zusammenarbeit mit der Fanvereinigung bei der Organisation von Auswärtsfahrten ein. Bisher war diese für die Vergabe der Tickets verantwortlich.
Eine Entscheidung, die eine Kehrtwende in der bisherigen Klubpolitik gegenüber den Anhängern bedeutet. "Man suchte den Dialog sowie eine Einigung mit den organisierten Fans, wodurch einige Konflikte gelöst werden konnten und auf gewisse Art und Weise sich auch das Verhalten der Fans kontrollieren ließ", erklärt Radoslaw Kossakowski, einer der renommiertesten polnischen Fanforscher. Stattdessen wird bei Legia nun ein neuer Konflikt befürchtet, wie er schon in den Jahren 2008 bis 2010 stattfand, als die Zyleta sich einen regelrechten Krieg mit dem damaligen Klubbesitzer, dem Medienkonzern Iti lieferte.
Und eine erste Belastungsprobe dürfte das heutige Spiel in Dortmund werden. Als Strafe für die Krawalle in Madrid dürfen zwar keine Auswärtsfans organisiert anreisen, dies wird jedoch nicht wenige daran hindern, sich auf eigene Faust auf den Weg ins Ruhrgebiet zu machen.