Champions-League-Partie bei Juventus Rausch mit drei Buchstaben: VfB
El Bilal Touré (2.v.l.) und Kollegen bejubeln den Auswärtssieg
Foto:Tom Weller / dpa
Dem Joker sei Dank: Die Turiner Fans warfen den Blick gen Anzeigetafel. Wann ist es endlich geschafft, wann dürfen wir diesen einen Punkt bejubeln, der schmeichelhaft wie selten gewesen wäre? Doch da war ja noch El Bilal Touré. Der 23-Jährige aus Mali, in der zweiten Hälfte eingewechselt, nahm ein Zuspiel in den Strafraum technisch herausragend mit und vollendete knallhart ins rechte Eck (90.+2).
Ergebnis: Der VfB Stuttgart hat beim 36-maligen italienischen Meister Juventus aus Turin 1:0 (0:0) gewonnen und dabei den ersten Sieg gegen ein italienisches Team im Europapokal seit mehr als 45 Jahren geholt. Im September 1979 hatte es ebenfalls ein 1:0 (0:0) gegeben – gegen den Turiner Stadtrivalen AC.
Serie A gegen Serie mies: Nacht acht Saisonspielen ist Juventus in der heimischen Liga immer noch ungeschlagen und in Schlagdistanz zu Spitzenreiter Napoli. Auch in der Champions League hatte das Team des neuen Trainers Thiago Motta beide Partien gewonnen. Der VfB hingegen steht in der Bundesliga nach der 0:4-Klatsche in München nur auf Rang zehn, in der Königsklasse gab es zu Beginn eine Niederlage bei Real Madrid (erwartbar) und ein Remis gegen Sparta Prag (zu wenig).
Erste Hälfte: Die 2700 mitgereisten Gästeanhänger sahen von Beginn an einen starken Auftritt ihrer Mannschaft. Der wieder in die Startelf gerückte Maximilian Mittelstädt hatte die erste Gelegenheit, sein Schuss Richtung Mattia Perin geriet allerdings zu mittig (3. Minute), kurz darauf köpfte Josha Vagnoman knapp vorbei (7.). Auch die nächste gute Gelegenheit für den VfB: Ausgelöst von Angelo Stiller kam der Ball zu Deniz Undav, der aus 15 Metern knapp über das Tor schoss (12.). Weiter nur der VfB: Ermedin Demirović traf aus elf Metern halbrechter Position den Pfosten (29.). Auch die letzte Aktion der ersten Hälfte gehörte dem Bundesligazweiten der vergangenen Saison. Stiller mit einem herrlichen Lupfer auf Undav, dessen Kopfball Perin nur mit Mühe über die Latte lenken konnte (41.).
Turiner Zweikampfgewinne waren eher die Ausnahme
Foto: Marco Bertorello / AFPTraditionell selten: Juventus wurde 1897 gegründet, der VfB Stuttgart 1893. Zwei Namen, die national und international im Laufe der Jahrzehnte Spuren hinterlassen haben. Addiert mehr als 300 Spiele haben beide Teams im Europapokal der Landesmeister beziehungsweise in der Champions League absolviert, und doch war diese Begegnung am 3. Spieltag der reformierten Königsklasse das erste Aufeinandertreffen der beiden Klubs in ihrer mehr als 125-jährigen Geschichte.
Sag es mit Zahlen: Statistiken verraten nicht immer alles, aber häufig helfen sie bei der Einordnung. In der ersten Hälfte hatte der VfB mehr Ballbesitz (57:43 Prozent), mehr Abschlüsse (12:2), mehr Ecken (4:1), mehr gelungene Zuspiele (246:172), mehr gewonnene Bälle, eine höhere Passgenauigkeit und so weiter und so fort. Nur die Zahlen auf der Anzeigetafel stimmten nicht mit dem Geschehen überein.
Mattia Perin im Turiner Tor war stärkster Akteur der Gastgeber
Foto: Marco Alpozzi / APZweite Hälfte: In der 48. Minute belohnte sich der VfB endlich durch Undav, doch nach Ansicht der Videobilder wurde der Treffer zurückgenommen. Der Angreifer soll den Ball im Vorfeld mit dem Oberarm gespielt haben. Eine Entscheidung, die sich auch nach mehrmaliger Wiederholung nicht auflösen ließ. Weil das Juve-Offensivspiel nach wie vor nicht stattfand, wechselte Motta in der 55. Minute gleich dreifach. Perin, der für den Rot-gesperrten Michele di Gregorio im Turiner Tor stand, musste sein Team allerdings im Spiel halten. Gegen Demirović (61.) parierte er ebenso glänzend wie gegen Enzo Millot (62.). In der 66. Minute dann die erste Torchance für Juve durch Khephren Thuram. Die Chance zum Siegtreffer dann für Millot (86.) per Strafstoß, doch der Franzose scheiterte erneut an Perin. Da Danilo in dieser Szene Gelb-Rot sah, spielte Juventus die restlichen Minuten in Unterzahl – und musste doch noch das 0:1 schlucken.
So wie einst bei Real Madrid: Bereits beim Champions-League-Auftakt bei Real Madrid erhielt der VfB überschwänglich viel Lob für sein mutiges Auftreten, das Ergebnis (1:3) spiegelte allerdings nicht die gezeigte Leistung wider. Die italienische »Gazetta dello Sport« attestierte dem Stuttgarter Auftritt damals »Frechheit, Qualität und Schnelligkeit«. Das Lob lässt sich getrost aus der Schublade holen, dieses Mal sogar mit den dazugehörigen Punkten.
Trainer Sebastian Hoeneß und seine Spieler feierten den ersten Sieg in dieser Champions-League-Saison
Foto: Marco Bertorello / AFPTriste Offensive: Was für Namen, was für Könner bot Juve in vorderster Reihe auf. Kenan Yıldız, Francisco Conceição und natürlich Dušan Vlahović. Doch der VfB stoppte das Angriffsspiel der Gastgeber bereits im Ansatz, Trainer Sebastian Hoeneß hatte seinem Team genau die richtigen Ideen für das Spiel gegen das Könnertrio mitgegeben. Nichts war von den dreien zu sehen, Conceição und Vlahović wurden sogar ausgewechselt.
Geister der Vergangenheit: Es darf gelöscht werden: Seit Dezember 2009 hatte der VfB kein Spiel mehr in der Champions League gewinnen können. Damals siegten die Stuttgarter 3:1 gegen Unirea Urziceri. Der Name sagt Ihnen nichts? Nun, der rumänische Klub existiert bereits seit 13 Jahren nicht mehr. In der wohligen Erinnerung der VfB-Fans wird er nun von einem 1:0 bei Juventus ersetzt.
So geht es weiter: Juventus tritt am 4. Spieltag bei Lille OSC (Dienstag, 5.11., 21 Uhr) an, der VfB empfängt am Tag darauf Atalanta aus Bergamo, ebenfalls um 21 Uhr.
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