Charly Dörfel "Ich war kein Kussverächter"
11 Freunde: Charly Dörfel, draußen schneit es, das Thermometer zeigt minus zwei Grad, der Kaffee ist heiß und Elvis guckt cool aus dem Bilderrahmen. Ein perfekter Morgen zum Schallplattenauflegen und Musikhören.
Dörfel: Wissen Sie was: Wenn wir jetzt anfangen, Schallplatten aufzulegen, dann sitzen wir morgen noch hier. Das geht nicht so nebenher.
11 Freunde: Reden wir über Ihr zweites großes Hobby: den Fußball. Oder war Fußball für Sie mehr als ein Hobby?
Dörfel: Ich habe während meiner Fußballkarriere als Buchhalter gearbeitet. Fußball war für mich wichtig, doch es war weniger Beruf, sondern tatsächlich vielmehr ein Hobby. Fußball war für mich immer die schönste Nebensache der Welt.
11 Freunde: Heute heißt es häufig, Sie hätten viel mehr aus dieser Nebensache machen können.
Dörfel: Vielleicht hätte ich noch mehr erreichen können als Beckenbauer oder Seeler, vom Talent her hätte ich sicherlich 100 Länderspiele machen müssen. Aber ich war eben kein Diplomat, ich hatte zu häufig ein zu lautes Mundwerk. Einen ständigen Schalk im Nacken, der mich allerdings auch gerettet hat.
11 Freunde: Inwiefern?
Dörfel: Wenn ich nicht so ein Witzbold gewesen wäre, wenn ich nicht einen solchen Galgenhumor gehabt hätte, wäre ich an den Machenschaften und Klüngeleien im Profifußball vermutlich zerbrochen.
11 Freunde: Sie meinen die Seilschaften in den Führungsetagen der Vereine?
Dörfel: Auch auf dem Platz. Beim HSV gab es in jenen Jahren einen unglaublich starken Futterneid. Dass ich so viele Jahre beim HSV gespielt habe, verdanke ich eigentlich nur Uwe Seeler. Einige bezeichnen mich als seine Braut auf dem Platz. Ich sage heute: Ich war Seelers Subunternehmer.
11 Freunde: Waren Sie der Protegé von Seeler?
Dörfel: Seeler war mein Idol. Das war er schon, bevor ich zum HSV kam. Dabei sind wir ganz andere Typen, teilweise total konträr. Aber Gegensätze ziehen sich ja an.
11 Freunde: Auf dem Platz gab es manchmal Unstimmigkeiten.
Dörfel: Das fing beim Training an. Jürgen Werner oder Uwe Reuter die Studenten spielten gerne mal Hacke-1-2-3, durch die Beine, Tunnel, Übersteiger und so etwas. Das mochte der Trainer nicht und Uwe erst recht nicht. Der hatte oft keine Lust mehr und rief: "Ihr mit eurem Scheiß, dann kann ich ja in die Kabine gehen." Und die Trickser riefen zurück: "Du Arsch, geh mal nach vorne und mach deine Torschussübungen."
11 Freunde: Und im Spiel?
Dörfel: Da meckerte der Dicke auch mal. Wenn ich gemeinsam mit meinem Bruder Bernd spielte er auf Rechts- und ich auf Linksaußen , schossen wir uns die Bälle hin und her. Wir perfektionierten den Seitenwechsel. Außerdem wollte ich Bernd gerne in Szene setzen. Doch Uwe schrie meistens: "Dann kann ich ja auch nach Hause gehen." Ich antwortete umgehend: "Dicker, die nächste Flanke schieße ich drei Zentimeter höher, dann renkst du dir den Hals aus."
11 Freunde: In den 60er Jahren galten Sie als bester Linksaußen der Bundesliga. 1964 wurden Sie von der "L'Équipe" gar zum besten Linksaußen Europas gekürt. Was machte Sie so stark?
Dörfel: Ich war schnell und wendig. Und ich konnte mich sehr gut von hinten heranschleichen, so wie eine Katze, und dem Gegner den Ball vom Fuß stiebitzen. Das habe ich auch mal mit Pelé gemacht und ihn dabei umgehauen. Dann lag er da, die Spieler protestierten und ich massierte derweil Pelés Oberschenkel.
11 Freunde: Sie liebten die kleine Provokation.
Dörfel: Als wir einmal gegen Real Madrid spielten, rief ich meinen Mannschaftskameraden zu: "Guckt euch die Pinkel an, die riechen ja über den ganzen Platz nach Parfüm! Die hauen wir doch locker weg." Dabei wäre ich ja auch gerne ein solcher Pinkel gewesen. (lacht)
11 Freunde: In manchen Spielen tauchten Sie aber auch unter. Woran lag das?
Dörfel: Oft an der Hitze. Ich konnte bei hohen Temperaturen nicht spielen. 1960 trafen wir im Endspiel um die Deutsche Meisterschaft auf den 1. FC Köln und es war unfassbar heiß. Ich stellte mich während des Spiels in den Schatten eines Flutlichtmastes, um der Hitze zu entkommen. Das müssen 45 Grad gewesen sein. Es war ein einziger Hitzekessel.
Kaum Spiele für Deutschland: "Schön war humorlos"
11 Freunde: Es gab auch unangenenehme Gegenspieler.
Dörfel: Berti Vogts war einer. Der ist immer mit nach vorne gegangen, ich hatte allerdings wenig Lust die ganze Zeit hinter dem her zu rennen. Deshalb hab ich Jürgen Kurbjuhn zu meinem Ausputzer gemacht. In Spielen gegen Borussia Mönchengladbach rief ich die ganze Zeit: "Kubbi, übernehmen Sie!"
11 Freunde: Und Sie sind derweil auf die Tribüne.
Dörfel: Das kam ein paar Mal vor. Es gab etwa dieses eine Spiel am Rothenbaum, bei dem ein guter Freund von mir zu Gast war und ich vor dem Spiel mit ihm scherzte: "Ich finde dich im Publikum." Während des Spiels schaute ich ständig auf die Zuschauerränge, konnte ihn aber nicht finden. Kurz vor der Halbzeit sah ich ihn dann doch. Ich bin also auf die Tribüne, habe ihm inmitten der johlenden Fans die Hand geschüttelt und gerufen: "Ich habe ihn gefunden!" Ihm war das ziemlich unangenehm.
11 Freunde: Das Spiel lief währenddessen weiter?
Dörfel: Ja, während ich mit dem Kumpel einen kurzen Klönschnack hielt, rief ein Zuschauer: "Charly, der Ball!" Zack, rannte ich wieder aufs Spielfeld, habe Ball vor der Außenlinie noch angenommen und bin wieder die Linie auf und abgelaufen.
11 Freunde: Gab es für solche Aktionen nie Geldstrafen?
Dörfel: Fast nie, die HSV-Verantwortlichen wussten, dass ich für Seeler unverzichtbar war.
11 Freunde: Und die Zuschauer vergötterten Sie.
Dörfel: Am Rothenbaum auf jeden Fall. Neben Vogts gab es noch einen Spieler, gegen den ich sehr ungern spielte. Das war Sepp Piontek. Der konnte einfach kein Fußball spielen, ist nur in die Knochen gegangen. Bei einem Spiel beförderte er mich mit einer harten Grätsche vor die Tribüne des Rothenbaums. Da kam ein Zuschauer und schlug ihm mit dem Regenschirm auf den Kopf. Ich war tatsächlich so etwas wie ein Heiligtum dort.
11 Freunde: Im Gegensatz zu Ihrem Status im Nationalteam.
Dörfel: Anfangs war ich Herbergers Liebling. Er nominierte mich, als ich 20 war. Und ich revanchierte mich mit zwei Toren im ersten Spiel gegen Island. In der Qualifikation zur WM 1962 schoss ich drei weitere. Dennoch nahm mich Herberger nicht mit nach Chile.
11 Freunde: Ließ er Sie grundlos zu Hause?
Dörfel: Vielleicht weil ich kein Taktikspieler war, dieses starre Einhalten von Positionen war nichts für mich. Ich brauchte Narrenfreiheit. Herberger aber wollte 1962 defensives Catenaccio spielen lassen.
11 Freunde: In einigen Länderspielen wurden Sie auch von Ihren Nebenleuten gemieden.
Dörfel: Sie sprechen die Länderspiele 1963 gegen die Türkei und Brasilien an. Das waren tatsächlich seltsame Spiele. Konietzka, Schütz und Libuda passten und flankten sich die Bälle zu, während ich wie ein Wahnsinniger in die Gassen sprintete und mich immer wieder anbot. Das war ganz klar Westen-Klüngelei.
11 Freunde: Unter Helmut Schön kamen Sie nur noch einmal zum Einsatz. Waren Sie ihm zu unbequem?
Dörfel: Vermutlich. Schön war humorlos. Vielleicht zwickte es mich deswegen bei Gesprächen mit ihm umso mehr im Zwerchfell. Schön kam etwa einmal während der Halbzeitpause eines HSV-Freundschaftsspiels zu mir und fragte: "Na Charly, wie sind Sie in Form?" Da hab ich zu ihm gesagt: "Herr Schön, ganz gut, aber ich habe da auf dem Nebenplatz einen Außenstürmer gesehen, der ist echt super." Da hat Schön bedröppelt dreigeschaut. Ironie mochte der gar nicht.
11 Freunde: Bereuen Sie es eigentlich manchmal, dass Sie sich solche Scherze nicht verkniffen haben? Angepasster hätten Sie sicherlich mehr Länderspiele gemacht.
Dörfel: Einige Dinge würde ich heute vermutlich nicht mehr so machen. Wissen Sie, mein Vater hat mir noch im Testament Vorwürfe gemacht. Der konnte es bis zuletzt nicht verknusen, dass ich Länderspiele abgesagt habe. Doch ich hatte manchmal einfach keine Lust.
11 Freunde: Gab es für Sie noch etwas anderes außer Fußball?
Dörfel: Andere liefen seit Babytagen mit Lollis rum, wir Dörfels liefen seit der Geburt mit einem Ball durch die Gegend. Doch es gab nicht nur Fußball. Es gab die Musik, und es gab die Frauen. Ich war bekanntlich kein Kussverächter. Allerdings konnten meine Freundinnen nie etwas mit Fußball anfangen. Sie wollten romantische Abende im Kerzenschein und sie wollten heiraten. Ich war aber lange Zeit kein Freund der Ehe.
11 Freunde: Und heute sind Sie auch verheiratet.
Dörfel: Das stimmt. Und daher muss ich auch ab und zu mal seriös rüberkommen. (lacht) Mein Sohn Steffen ist übrigens gar kein Freund von dem Clownsgehabe, der sagt immer: "Papa, dafür bist du zu alt."