Chelsea-Analyse: Warum Ballack so stark ist - DER SPIEGEL
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Chelsea-Analyse Warum Ballack so stark ist

Der FC Chelsea ist für viele ein Rätsel. Kann diese wechselhafte Mannschaft das Champions-League-Finale gegen Manchester United gewinnen? Die SPIEGEL-ONLINE-Videoanalyse gibt eine Antwort - und erklärt die starken Leistungen von Michael Ballack.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wer dem FC Chelsea in den vergangenen Wochen zuschaute, konnte sich nicht immer einen Reim darauf machen, was es mit dieser Mannschaft eigentlich auf sich hat. Mal zeigte sie beeindruckende Leistungen, dann wieder waren ihre Auftritte uninspiriert und blutleer. Auch eine klare Spielidee konnte nicht immer ausgemacht werden. Und so verspotten vor allem die englischen Zeitungen Trainer Avram Grant schon länger und behaupten, dass bei Chelsea längst die Spieler selbst die Sache in die Hand genommen haben.

Auch für den Fußball-Analysten Christopher Clemens war der Finalist der Champions League "eine ganz schön harte Nuss". Um diese zu knacken, unternahm er zunächst eine Rückschau auf den FC Chelsea unter José Mourinho - das Ziel: jenes Team besser verstehen, das heute im Finale von Moskau gegen den englischen Meister Manchester United (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) um die wichtigste Trophäe des europäischen Vereinsfußballs spielt.

Der eigenwillige Portugiese ließ bis zu seinem Rauswurf im September 2007 nach einem klar erkennbaren Muster spielen. Sein Team war stets bestens geordnet und überließ dem Gegner zwar gerne den Ballbesitz, ohne ihm aber Spielraum zu gewähren. Hatte Chelsea den Ball erobert, versuchte die Mannschaft es mit Überfallfußball und war bei ihrem wuchtigen Kontern hoch erfolgreich.

Schaut man sich im Vergleich dazu die heutige Spielweise an, offenbart sich ein radikaler Wechsel. Der Architekt des neuen Chelsea-Spiels ist vermutlich Henk ten Cate, der im Trainerteam von Grant eine ähnliche Rolle spielt wie Joachim Löw früher bei Jürgen Klinsmann.

Der Holländer hat bis vor zwei Jahren mit Frank Rijkard beim FC Barcelona gearbeitet und dort das geduldige Zirkulieren des Balles etabliert. Genau das sieht man in Ansätzen nun auch bei Chelsea.

Das Ziel ist es nicht mehr, den Ball möglichst schnell nach vorne zu bringen, sondern den Gegner durch längere Zeit am Ball zu dominieren. Chelsea hat vom Tempofußball auf Passfußball umgestellt.

Dieser Stilwandel ist sogar messbar. Die durchschnittliche Zeit am Ball pro Spieler und Spiel ist von 60 bis 70 Sekunden unter Mourinho auf nun 80 bis 90 Sekunden gestiegen. Die Zeit bis zum Abspiel hat sich von durchschnittlich 1,1 Sekunden auf 1,4 Sekunden erhöht. Und die Zahl der Ballkontakte ist von 1,8 bis 2,0 auf 2,0 bis 2,3 gestiegen.

Insgesamt sind die Profis von Chelsea also länger am Ball als früher. Sie sind nicht nur als Beschleuniger des Spiels gefragt, sondern dürfen und sollen verstärkt ihre Kreativität einbringen. In guten Momenten wirken sie dann so überzeugend wie beim Rückspiel im Halbfinale der Champions League gegen den FC Liverpool. Doch weil der Umstellungsprozess noch läuft und nicht alle Akteure ideal für die neue Spielweise sind, gab es immer wieder richtig missratene Begegnungen, in denen weder neue Kreativität noch alter Schwung zu sehen waren.

Ballack klagt und profitiert am meisten

Trotzdem ist es keineswegs so zufällig, dass Chelsea es ins Finale der Champions League geschafft hat, wie mancher Experte behauptet. Das liegt auch an der phantastischen individuellen Klasse vieler Spieler. Die Innenverteidiger Ricardo Carvalho und John Terry etwa gewinnen im Schnitt der Saison sensationelle 90 Prozent ihrer Zweikämpfe. Der alle überragende Michael Essien liegt bei fast allen Werten, ob der Sprintleistung oder auch erfolgreichen Pässen, um 25 Prozent über den durchschnittlichen Ergebnissen und wird als Außenverteidiger eigentlich verschwendet.

Wenn man in den vergangenen Wochen Interviews mit Michael Ballack gelesen hat, konnte man den Eindruck gewinnen, dass er Mourinho immer noch ein wenig hinterhertrauert. Offensichtlich hat der Kapitän der Nationalmannschaft noch gar nicht realisiert, dass er einer der großen Gewinner des neuen Chelsea-Stils ist.

Seine zuletzt guten Leistungen haben natürlich auch mit seiner nach langer Verletzungspause ständig besser werdenden Form zu tun. Aber während unter Mourinho das Spiel früher oft im Wortsinne an ihm vorbeilief, ist seine Position unter Grant und ten Cate deutlich gefragter. Mittelfristig könnte Ballack sogar zum Schlüsselspieler einer Mannschaft werden, die den kreiselnden Stil von Barcelona mit britischer Direktheit kombiniert.

Doch obwohl diese Entwicklung noch lange nicht abgeschlossen ist, ist es nicht unrealistisch, dass die Mannschaft unterwegs die Champions League mitnimmt. Und vielleicht beginnen die Experten dann sogar, Avram Grant ernst zu nehmen - oder zumindest Henk ten Cate.

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