CL-Triumph: Barças Ballkünstler im Feierrausch
CL-Triumph Gut, besser, Barcelona
Fußball ist auch deswegen immer wieder so überraschend und faszinierend, weil er oft ungerecht ist. Wie häufig siegt nicht das bessere Team, sondern das glücklichere. An diesem Samstagabend im Londoner Wembleystadion jedoch wurden die Dinge ins rechte Licht gerückt. Nach dem 3:1-Sieg des FC Barcelona gegen Manchester United im Endspiel der Champions League kann man ruhigen Gewissens festhalten: Die beste Mannschaft der Welt hat den wichtigsten Vereinstitel der Welt gewonnen.
Es war eine magische Nacht, die allerdings durch schwere Ausschreitungen in der katalanischen Hauptstadt getrübt wurde. Am frühen Sonntagmorgen, so berichten spanische Medien, sollen 89 Menschen bei Auseinandersetzungen zwischen Jugendlichen und der Polizei verletzt worden sein.
Die Krawalle in Spanien wollen so gar nicht zu diesem außergewöhnlichen Endspiel passen. Wer nach dem Finale von London noch den Vorwurf erhebt, der Fußball des FC Barcelona mit seinen berückenden Kurzpasskombinationen sei langweilig, der ist als verstockter Real-Madrid-Anhänger entlarvt. Es mag sein, dass mancher die Zuspiel-Arien des Teams von Josep Guardiola als ermüdend empfindet. Aber keine Mannschaft auf diesem Erdball wird per se daran gehindert, den Kombinationsfußball der Katalanen zu unterbinden. Nur: Es schafft keine Mannschaft. Auch Manchester United nicht, das zweitbeste Team der Welt.
Barça-Trainer Guardiola ist erst 40 Jahre alt - und dennoch fragt man sich, was er künftig mit diesem Team noch erreichen soll. Er hat jetzt nach 2009 bereits zum zweiten Mal die Champions League errungen, er hat die spanische Meisterschaft mit komfortablem Vorsprung auf Real Madrid gewonnen, er hat eine Mannschaft zur Verfügung, die dem Anspruch nach Perfektion in diesem Jahr noch ein Stückchen näher gekommen ist. Was kommt als nächstes? Was kann überhaupt als nächstes kommen?
Guardiola verspürt noch "die nötige Leidenschaft"
"Ich werde auf jeden Fall weitermachen. Ich verspüre noch die nötige Leidenschaft", hat Guardiola nach dem Match gesagt. Man möchte sich wünschen, dass er auf ewig dem FC Barcelona, dem Club, den er schon als Spieler als Mittelfeldregisseur geprägt hat, treu bleiben möge. Allein: Man kann es sich nicht recht vorstellen.
Der Coach ist ehrgeizig. Irgendwann wird es Guardiola reizen, das Modell Barcelona in die Welt zu tragen, beispielsweise zum FC Chelsea oder zu Inter Mailand. Oder gar zum Gegner vom Samstag, Manchester United, der bereits zum zweiten Mal innerhalb von zwei Jahren die Überlegenheit von Barça in einem Finale anerkennen musste. Die Ära des Alex Ferguson als Big Boss bei United neigt sich dem Ende zu. Ewig wird der 69-Jährige das Team nicht mehr betreuen. Ohnehin geht bei den Engländern eine Epoche zu Ende: Torwart Edwin van der Sar, 40, beendet seine einzigartige Karriere; Ryan Giggs (37) und Paul Scholes (36) werden ihm in absehbarer Zeit folgen. Manchester wird sich wieder einmal neu erfinden müssen. Wie nach Eric Cantona, wie nach Ruud van Nistelrooy, wie nach Cristiano Ronaldo.
Für einen wie Guardiola wäre es eine Herausforderung, allen zu beweisen, auch anderswo erfolgreich zu sein. Nur ein Coach, der es schafft, unter unterschiedlichen Bedingungen gleichermaßen erfolgreich zu sein, hat es verdient, in den Trainer-Olymp aufgenommen zu werden. Diesen Beweis ist Guardiola noch schuldig.
Paradiesische Bedingungen bei Barça
Bei Barça hat er ideale Voraussetzungen vorgefunden. Er kennt den Verein in- und auswendig. Er hat im Grunde nie einen anderen wirklich kennengelernt. Die Jugendarbeit des Vereins ist beispielgebend, hier wird von der ersten Mannschaft bis hin in den Nachwuchsbereich sportlich durchregiert, ein einheitliches Spielsystem nicht nur gelernt, sondern eingebläut.
Vor allem aber hat Guardiola Spieler zur Verfügung, die man nicht erfinden oder klonen kann. Der Samstagabend von London hat eindrucksvoll belegt, wie unersetzlich ein Lionel Messi ist. Wie genial ein Xavi vorbereitet, wie punktgenau die beiden von einem Andres Iniesta unterstützt werden. Das Trio der kleinen Männer. Das System Barça ist auch ein System Messi-Xavi-Iniesta. Diese Achse ist einzigartig im Weltfußball.
Barça ist mehr als Messi, aber der Erfolg der Elf ohne Messi ist schwer abzuschätzen. Zwölf Treffer hat der Argentinier in dieser Champions-League-Saison erzielt, dazu kommen 31 Tore in der spanischen Liga - und all das, ohne wirklich als Stürmer ganz vorn in der Spitze zu gelten. Eine phänomenale Bilanz. Messi war 2011 so stark wie möglicherweise noch nie. Und der Argentinier ist erst 23 Jahre alt.
Von daher darf sich Guardiola auch glücklich schätzen, eine goldene Generation zur Verfügung zu haben, die man noch um Dani Alves, Sergi Busquets oder David Villa ergänzen kann. Ein solches Team gibt es so schnell nicht wieder. Pep Guardiola sollte es sich sehr gut überlegen, ob er dies für einen FC Chelsea unter dem launischen Geldgeber Roman Abramowitsch oder ein Manchester United im Umbruch der Post-Ferguson-Phase eintauscht.
Manchmal ist es gut, das festzuhalten, was man hat. Etwas Besseres findet er zurzeit ohnehin nirgends.
FC Barcelona - Manchester United 3:1 (1:1)
1:0 Pedro (27.)
1:1 Rooney (34.)
2:1 Messi (54.)
3:1 Villa (69.)
Barcelona: Valdes - Alves (88. Puyol), Mascherano, Pique, Abidal - Busquets - Xavi, Iniesta - Pedro (90.+2 Afellay), Messi, Villa (86. Keita)
Manchester: van der Sar - Fabio (69. Nani), Ferdinand, Vidic, Evra - Carrick (77. Scholes), Giggs - Valencia, Park - Rooney, Chicharito
Schiedsrichter: Kassai (Ungarn)
Zuschauer: 87.695 (ausverkauft)
Gelbe Karten: Alves (2), Valdes - Carrick, Valencia