Copado-Comeback Des Partylöwen Zähmung
0:2 lag die TSG 1899 Hoffenheim am 19. Spieltag der vergangenen Saison zur Pause gegen Borussia Mönchengladbach zurück. 45 Minuten lang hatte Hoffenheims Kapitän Francisco Copado auf der Bank geschmort und war dabei derart in Rage geraten, dass er sich selbst nach seinem Einsatz in der zweiten Halbzeit noch nicht beruhigt hatte. Aufgebracht diktierte er den Journalisten nach dem Spiel in die Blöcke, Trainer Ralf Rangnick habe "sich wohl nicht daran erinnert, wer die Tore bislang erzielt hat".
Am nächsten Tag war Copado seine Kapitänsbinde los.
Nicht wenige erinnerten sich in diesem Moment an den exzentrischen Hitzkopf, der in seiner Laufbahn schon für so viele Schlagzeilen gesorgt hat leider viel zu selten durch seine Qualitäten als Offensiv-Allrounder. Bei TeBe Berlin tanzte Copado einmal vor einem Testspiel gegen Bayern München bis drei Uhr morgens auf einem Flügel im Mannschaftshotel, schlief ein anderes Mal nach durchzechter Nacht in der Pause eines Laktat-Tests ein. Dazu prügelte er sich auf dem Trainingsplatz mit Ansgar Brinkmann, schon allein deshalb eine amüsante Vorstellung, weil Brinkmann 1,86 Meter misst und Copado gerade einmal 1,71 Meter groß ist.
Auch bei der Spielvereinigung Unterhaching sorgte der in Kiel geborene Spanier mit regelmäßigen Ausflügen ins Münchner Nachtleben für Unruhe und wurde suspendiert, nachdem er sich bei einer Disco-Schlägerei den Arm gebrochen hatte. Dabei hatte er bei der Spielvereinigung in Lorenz-Günther Köstner einen Trainer, der ihm aufgrund seines enormen Talents sogar ein paar Freiheiten zugestanden hatte, die den Teamkollegen verwehrt blieben.
Copados Problem in Unterhaching waren die Mitspieler, die in der ersten Bundesliga-Saison einen für die dortigen Verhältnisse hervorragenden zehnten Platz erkämpft hatten. Der Kampfeswille der Truppe gründete in Harmonie und Zusammenhalt im Mannschaftsgefüge. In diese verschworene Gemeinschaft fand Copado nie hinein, beschwerte sich stattdessen häufig und brachte so die Mannschaft gegen sich auf. "Die anderen mussten immer hart trainieren, viele hätten normalerweise nie Bundesliga gespielt. Bei Copado war das aufgrund seiner Klasse anders", erinnert sich Köstner. "Schließlich kamen Spieler zu mir und sagten: 'Trainer, Sie müssen ein Zeichen setzen. Das kotzt uns an'." Auf diese Weise verlor Copado den Rückhalt im Verein, seine Karriere schien vorbei, ehe sie richtig begonnen hatte. Beinahe zehn Monate blieb er suspendiert.
Als er schließlich zurückkam, war er kein anderer Mensch. Er hatte aber begriffen, dass auch ihm, dem immer bescheinigt wurde, das Potential für jede Mannschaft der Welt zu haben, nichts in den Schoß fallen würde. Mit 26 Jahren fing er an, solider zu leben, nicht mehr jede Party zu feiern und, so erstaunlich es für einen Fußballprofi klingt, endlich "auch im Urlaub laufen zu gehen", wie er im Rückblick zugibt. Gleichzeitig entwickelte er sich nach und nach auch als Sportler. Er versuchte, die Mitspieler mehr von seiner Klasse profitieren zu lassen und die Mannschaft zu führen. "Mit Sicherheit bin ich reifer geworden. Ich bin nicht mehr so ein Egoist und versuche, nicht mehr so zu polarisieren wie früher", glaubt er selbst.
In Hoffenheim hat der mittlerweile 34-Jährige den Beweis für seine Einschätzung angetreten. Dort läuft derzeit alles nach Plan. Genaugenommen läuft es sogar besser, denn der Plan hatte vorgesehen, innerhalb von vier Jahren von der Regionalliga in die erste Liga aufzusteigen der Projektverein des Mäzens Dietmar Hopp brauchte dafür nur zwei Spielzeiten. Dabei war der Wechsel von Eintracht Frankfurt, wo Copado zwischenzeitlich gelandet war, zurück in die Regionalliga kein leichter Schritt, nicht im Alter von 32 Jahren. Doch Copado braucht die absolute Rückendeckung des Trainers, die jeder Spieler gerne spürt, die für Typen wie ihn aber geradezu lebensnotwendig ist. Bei der Eintracht war Friedhelm Funkel dafür nicht zu haben.
In Hoffenheim ist er die zentrale Gestalt des Spiels. Er ist es, der die Offensive organisiert und junge Talente wie Demba Ba und Chinedu Ogbuke Obasi in Szene setzt. Trainer Rangnick gibt ihm das Gefühl, gebraucht zu werden, lässt ihm auf dem Platz seine Freiheiten. Vor allem aber sucht er das Gespräch, meistens zumindest. Vor dem Spiel gegen Mönchengladbach tat er es nicht, und das war es, was Copado so auf die Palme brachte: "Ich hatte mich aufgeregt, dass er nicht mit mir geredet hat, weil er das sonst immer macht."
Auch wenn Copado danach öffentlich vom Trainer gemaßregelt wurde, wird Rangnick ihm seinen Ausraster schnell verziehen haben. Denn nach einem 0:2-Rückstand gewann Hoffenheim das Spitzenspiel noch mit 4:2. Francisco Copado schoss in der zweiten Halbzeit zwei Tore und bereitete ein weiteres vor.