Daum-Prozess: "Ich rannte gegen eine Wand" - DER SPIEGEL
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Daum-Prozess "Ich rannte gegen eine Wand"

Reiner Calmund bemühte sich als Zeuge im Kokain-Prozess gegen Christoph Daum um Fairness. Für Aufklärung der haarigen Angelegenheit konnte der ehemalige Vertraute des angeklagten Fußballtrainers aber nicht sorgen. Das Mammutverfahren in Koblenz will einfach nicht vorankommen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Am 20. September 2000, einem Freitag, war das Gutachten über Christoph Daums Kopfhaare fertig, aber noch nicht geschrieben. Am Montag könne es abgeholt werden, teilte das Kölner Institut für Rechtsmedizin mit. Es gab ein kurzes Hin und Her, denn Reiner Calmund, der Geschäftsführer des Fußball-Bundesligisten Bayer Leverkusen, wollte das Gutachten noch am selben Tag in Köln abholen, um es zwei Tage später auf einer Sitzung des Deutschen Fußball-Bundes zu präsentieren. Also strengte man sich an mit dem Schreiben, und um 14 Uhr konnte die Übergabe stattfinden.

Calmund am Dienstag als Zeuge im Koblenzer Kokain-Prozess gegen Daum, der damals kurz davor stand, vom Bayer-Coach zum Bundestrainer aufzusteigen: "Ich machte den Umschlag auf. Da sah ich lauter negative Werte. Nur bei Kokain war was positiv. Ich fragte, wie das zu bewerten sei?"

Herbert Käferstein, der Gutachter, nahm Calmund beiseite. Sehr, sehr hoch sei der Wert, "einer der höchsten, der je gemessen wurde", ein solcher Wert stehe in keinem Lehrbuch, am Kölner Institut habe man so etwas noch nie erlebt! "Wenn Sie was für Herrn Daum tun wollen", so Käferstein, rate er dringend zu einer Unterbringung in einer Klinik.

"Du musst uns jetzt helfen"

"Sie sollen damals entsetzt gesagt haben", wirft der Berichterstatter der Koblenzer Strafkammer ein, "Daum sei dann ja abhängig. Stimmt das?" - "Nein", antwortet Calmund, "davon war nicht die Rede. 72 Nanogramm sagten mir gar nichts. Heißt das nun eine Tablette im Kaffee oder zwei? Keine Ahnung." Für Calmund waren gleichwohl das Ergebnis, das ihm nichts sagte, und die Empfehlung des Gutachters so gut wie "amtlich". Nachgedacht habe er nicht, sagt er vor Gericht, sondern sofort gehandelt.

Er rief den Vereinsarzt an, man brauche auf der Stelle eine Entgiftungsmöglichkeit. Dann bestellte er Rudi Völler, damals Sportdirektor in Leverkusen: "Du musst uns jetzt helfen." Und Calmund informierte den Gesellschafterausschuss des Vereins: Daum sei nicht mehr zu halten. Entlassung, das Prozedere, die Formalitäten. Auf keinen Fall dürfe Daum am Samstag, wenn Bayer gegen Borussia Dortmund spiele, noch auf der Trainerbank sitzen. Wenn das rauskommt!

Nur die Mannschaftsbesprechung um 22 Uhr solle er noch machen und seine Jungs gut vorbereitet "in den Schlaf entlassen". Calmund, den damals mit Daum ein enges Verhältnis verband, überlegte nicht einen Wimpernschlag lang, ob ein solch unerhört hoher Kokainwert angesichts der übrigen Umstände überhaupt möglich war. Denn noch heute ist er des Lobes über Daum voll: "Wir hatten vier sehr, sehr gute Jahre miteinander. Fachlich ist er einer der Besten überhaupt, alle Experten sind sich da einig. Von morgens bis abends war er auf der Anlage, er hat kein Lotterleben geführt. Er hat wirklich außerordentlich gut und erfolgreich gearbeitet."

Auch in der anschließenden "Nacht der langen Messer", wie sie der Vorsitzende Richter Ullrich Christoffel nannte, als eine Bayer-Abordnung Daum mit dem Testergebnis konfrontierte, fragte keiner, der das Sagen hatte: Kann das wirklich sein, ein so hoher Wert, den man in Köln noch nie gemessen hat und der in der wissenschaftlichen Literatur nicht vorkommt? Ist es möglich, dass unser Trainer ein derart schwerstabhängiger Süchtiger ist, der dringend der Behandlung bedarf? Keiner schlug vor, erst einmal Ruhe zu bewahren und besonnen einen Schritt nach dem anderen zu planen.

Zwar sagten die Vereinsärzte: Unmöglich! Das passt nicht zu Daums Verhalten, es ist nie etwas aufgefallen, er hat alle Leistungstests und Untersuchungen der Mannschaft unbeanstandet mitgemacht. Zwar verteidigten ihn auch sein Assistent Roland Koch und sein Masseur Dieter Trzolek ("Tscholli"). Doch ihre Stimmen gingen offenbar im Konzern-Konzert unter.

"Und wenn das nicht meine Haare sind?"

"Der Calli ließ sich auf nichts mehr ein", sagt Daum heute. "Der Völler war schon inthronisiert, der Ausschuss hatte bereits getagt. Ich rannte gegen eine Wand. Ich schrie: Und wenn das nicht meine Haare sind?" - "Egal, das Arbeitsverhältnis ist beendet", schrie Calmund zurück. Kokain (oder vertauschte Haare): verheerend für das Ansehen des Vereins in jedem Fall, ein GAU wie Lipobay oder die Explosion einer Giftfabrik von Bayer. Jeder kennt die Bilder von den Fußballern, die mit kleinen Buben an der Hand ins Stadion einlaufen. Und dann ein Trainer, der kokst.

"Mein erster Gedanke war", so Daum am Dienstag in Koblenz vor Gericht, "dass wir ja noch die Schamhaarprobe in der Schublade hatten. Wir hätten die doch in einem anderen Institut anonym testen lassen können. Aber Calli hat mich nicht mehr gehört. Es war natürlich auch für ihn ein Schock. Er hatte nun schon alles am Laufen, da konnte er nicht gleich wieder eine Rolle rückwärts machen - um ein Uhr nachts. Aber eine Überreaktion des Konzerns war das schon."

Calmunds Auftritt im Gerichtssaal lief weit weniger spektakulär ab als jene hektische Nacht der langen Messer. Er bemühte sich durchaus um Fairness. Böswillige Ohren, die gern nur die Hälfte des Gesagten hören, mögen es anders werten. Calmund beschrieb einen "völlig geschockten und dann sehr niedergeschlagenen" Daum, der immer wieder beteuerte, seine Haare seien das nicht, die 72 Nanogramm Kokain enthielten. Der von einer "Riesenmanipulation" redete und dass er nicht wisse, in welchem Film er sich denn befinde.

"Deshalb hab ich andere Haare genommen"

Daum, so Calmund als Zeuge, habe ihm damals im Nebenzimmer gesagt: "Das sind gar nicht meine Haare, das kann nicht stimmen. Ich hab im Juni auf einer Party mal Kokain genommen. Ich war mir unsicher, ob da noch was war, deshalb hab ich andere Haare genommen."

"War die Abgabe falscher Haare denn überhaupt möglich", fragt Richter Christoffel nach. "Ich kann mir das nicht vorstellen", antwortet Calmund. "Ich dachte, das ist nur eine Schutzbehauptung, er klammert sich jetzt an irgendetwas. Wenn wir es geglaubt hätten, hätten wir ja auch den Koch und den Tscholli als seine Helfer entlassen müssen, zwei absolut zuverlässige Leute. Wir haben alles genau nachgeprüft."

Vielleicht die Haare vom Bruder? Calmund meint sich an eine solche Bemerkung Daums zu erinnern. Sicher ist er sich nicht. Daum wiederum sagt, dies kolportierten nur die Medien. Es seien definitiv nicht die Haare seines Bruders gewesen. Den Prozess brachte Calmunds Auftritt nicht voran. Allenfalls rundete er das Bild ab von einem Menschen, der, wenn es denn stimmt, dass er Koks nur mal auf Partys genommen habe, nie aber beim Sport, eine Dummheit begangen hat wie eine ganze Menge anderer Leute auch. Er aber hat damit seine Karriere ruiniert, sein Ansehen und sein Existenz. Ein Mensch, der an der Wand steht und nur noch schreit: Das sind nicht meine Haare.

"Eindeutig parteiische Aussagen"

Dienstag am sage und schreibe dem 20. Verhandlungstag taten Daums Anwälte einmal etwas Richtiges. Sie entbanden den Gutachter Käferstein noch nicht vollständig von seiner Schweigepflicht. Er solle sein Gutachten erst in Gegenwart anderer Rechtsmediziner, etwa von der Universität München, darlegen. "Ein Gerichtsverfahren darf nicht dazu dienen, Professor Käferstein eine Bühne für seine Selbstdarstellung und Wiederherstellung seiner Reputation zu bieten", so Verteidiger Nikolaus Schmitte. Käferstein habe Daum als "realitätsfremd" dargestellt, obwohl er ihn nie gesehen habe, er habe unzutreffende Werte veröffentlicht und "eindeutig parteiische Aussagen" zu Lasten des Mandanten abgegeben.

Nachzutragen bleibt noch, dass Daums Mitangeklagter K., einer, der oft Kokain in den Taschen hatte, über seine Anwälte eine Erklärung zur Anklage abgab. Wenn es den Medien nicht ausschließlich um Daum ginge, hätten sie hören können, auf welche feine Zeugen sich die Staatsanwaltschaft Koblenz beruft. Zum Beispiel den Franz Robens, auf den sich die Ermittler seit Jahren besonders gern verlassen.

Haarschlacht und unselige Käferstein-Diskussion

Nur einige Sätze: "Herr Robens wollte Herrn K. dazu verleiten, Herrn Daum auf Drogen anzusprechen und ihm Kokain anzubieten. Zur Begründung gab Herr Robens an, Herr K. könne sich doch so eine zusätzliche Einnahmequelle verschaffen. Herr K. ging auf dieses Ansinnen jedoch nicht ein." Wie viele Personen dieser Robens schon zu Straftaten verleitet und wie viele erfundene Geschichten er schon zum Besten gegeben haben mag?

Ein Letztes: Zu der Haarschlacht und der unseligen Käferstein-Diskussion wäre es nie gekommen, wenn, ja, wenn Daum dieses Gutachten nicht einfach zu Hause liegen gelassen hätte. Bis dahin wusste kein Staatsanwalt von den unglaublichen 72 Nanogramm. Nur wegen des Drucks der Medien, sagt er, habe er das Gutachten überhaupt machen lassen, sagt Daum heute. Beweis für seinen Realitätsverlust? Oder dafür, "dass ich mir nichts vorzuwerfen habe"?