Daum-Rückkehr: Im Fegefeuer der Eitelkeiten - DER SPIEGEL
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Daum-Rückkehr Im Fegefeuer der Eitelkeiten

Fröhlich gab er bei seiner Heimkehr die Einnahme von Kokain zu. Für seine Zukunft will Christoph Daum nichts ausschließen - nicht einmal, dass er doch noch Bundestrainer wird.
Von Andreas Leimbach
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Köln - Die Meute ist hungrig. "Herr Daum, bitte hierher schauen!" Die Fotografen drängeln sich im gläsernen Hotel Hyatt um den vordersten Platz. Der Kampf am Kölner Rheinufer um das beste Foto ist hart. "Abschießen" heißt das im Jargon. "Herr Daum, hier oben, bitte!" Sogar Leitern haben sie mitgebracht.

Sie haben lange auf ihn gewartet, die Journalisten. 82 Tage war Christoph Daum, Ex-Coach des Fußball-Bundesligisten Bayer Leverkusen und Beinahe-Bundestrainer, einen Ozean weit entfernt untergetaucht. Angesichts der Hysterie, die pünktlich mit seiner Landung am Donnerstag auf dem Frankfurter Flughafen wieder aufflammt, könnte man Daums Geschichte für die deutsche Variante von Tom Hanks Kinohit "Verschollen" halten. Nur dass hier zu Lande der lästige Gang ins Kino eingetauscht wird mit der bequemeren Live-Schaltung gleich über mehrere TV- und Radiokanäle mitten hinein in die Wohnzimmer, Autos und Büros der Republik. Reality-Soap made in Germany, am besten als Serie, ist eben doch besser als Hollywood.

"Hinsetzen", schreit die schreibende Zunft. Dem Publikum wird schnell langweilig, auch wenn das unerbittliche Blitzlichtgewitter bestätigt, dass man aufs richtige Pferd gesetzt hat. Reporter-Legende Werner Hansch eröffnet die Pressekonferenz gewohnt altväterlich. Christoph Daum kann erst einmal durchatmen. Er sieht aus wie vor seiner Flucht, adrett in feinem Tuch, das mausgraue Sakko allerdings dezenter als noch zum Saisonauftakt das taubenblaue Stück. Die Augen tasten den Raum ab, suchen wie früher nervös andere Augenpaare, als gelte es sich zu wappnen. Der Dompteur versucht, Sicherheit auszustrahlen. Noch sitzen die Löwen stumm auf ihren Plätzen und glotzen zurück.

Still ist es, doch Daum lässt nicht locker

Dann der Peitschenknall. Er sei gekommen, sagt Daum, um Klartext zu reden. Ja, er habe Kokain genommen. Allerdings nur "gelegentlich" und "nur im privaten Bereich". Still ist es, doch Daum lässt nicht locker: Nein, "es war keine Sucht oder Krankheit", aber auch kein Kavaliersdelikt. Natürlich übernehme er die volle Verantwortung, denn: "Es war nicht richtig."

Eigentlich hätte die Medieninszenierung hier enden können, denn um nichts Anderes geht es im "Fall Daum". Öffentliche Menschen müssen Mythen sein, wenn sie Karriere machen wollen. Dazu zählte auch Daum, der Aufsteiger, der Kämpfer und doch der ewige Verlierer. Und gerade deshalb war er dem Fußballvolk sympathisch. "Ich habe immer ehrliche Arbeit abgeliefert, jederzeit", sagt er trotzig, und Nachbar Hansch nickt milde.

Erst gesundheitliche Probleme, eine Hüftarthrose, hätten ihn in Berührung mit der Droge gebracht, die Schmerzen waren einfach zu groß. Und dann dieser Druck. Auch der "wurde immer größer" und das ausgerechnet kurz vor der Erfüllung seines Lebenstraums, Bundestrainer zu werden. Eigentlich war er es schon, nur der Amtsantritt musste im Sommer noch vollzogen werden. "Dafür war ich bereit, alles zu riskieren", sagt Daum kämpferisch wie an der Seitenlinie. Dann kamen die Gerüchte, die Attacken von Uli Hoeneß aus München und Daums Idee, es mit der Haaranalyse allen zeigen zu wollen. "Im Nachhinein muss ich sagen, das war natürlich 'n Fehler", sagt er und lacht mit dem Publikum, "und die anschließenden Erklärungen waren auch Mist." So sympathisch können Verlierer sein.

Der Mythos des Aufsteigers Daum ist tot

Und mit einem Mal, fast unmerklich, beginnt eine neue Geschichte, eigentlich eine ganz neue Pressekonferenz. Okay, der Mythos des Aufsteigers Daum ist tot. Er hat gelogen, manipuliert, sich selbst und andere, und berauscht von Drogen und Macht sich selbst überschätzt und getäuscht. Doch "diese Sache" ist jetzt "abgeschlossen", und schon arbeitet Daum wieder an der Karriere, mit der er sich und vor allem anderen seine ehrliche Haut beweisen will. Da ist es wieder, Daums feines Gespür dafür, was von ihm verlangt wird, und wieder glaubt er, dass das auch seine eigenen Wünsche sind.

Blitzschnell schwenkt die Journalistenmeute um und fragt zahm nach neuen beruflichen Plänen: "Kehren Sie zurück in die Bundesliga?". Daum schließt wenig später auch das Amt des Bundestrainers für die Zukunft nicht mehr aus. Die Fragen mitten hinein in die schmerzende Vergangenheit werden wie unangenehme Gäste durch einstudierte Spontaneität ("Werner, lass ihn ruhig, wenn er es halt noch mal hören will") und Hinweise auf schwebende Verfahren der Staatsanwaltschaften Köln und Koblenz sanft aber nachdrücklich abgebügelt.

So wie die Frage nach den Kindern, die er in den Weihnachtsferien über seine Drogenerfahrungen aufklären musste. "Auch sie müssen lernen, dass der Vater nicht unfehlbar und die Sache kein Freibrief für sie ist." Das Leben ist hart, wer wüsste das besser als Daum. Es gehe nicht anders, fährt er fort, "man muss ehrlich sein". Punkt, Feierabend.

Auch Daum ist ungeduldig. Die Geschichte ist für ihn längst erledigt, wiederholt er sich. Er habe viel geredet in den USA, auch "professionelle Gespräche" geführt, um endlich mehr über sich zu erfahren. Dazu intensives Fitnesstraining und die Arbeit für ein US-Nachwuchscamp für Soccer-Kids, das habe ihm gut getan. Jetzt noch den Rest in Deutschland durchstehen, und dann ran an die Arbeit.

Wo ist der Mensch Daum?

Ob er Angst gehabt habe, fragt plötzlich jemand. Wo ist der Mensch Daum? Seine Gefühle, seine Fehlbarkeit, seine innere Harmonie als Folge des Scheiterns? Hat er sich gefunden, hat er gelernt, auf sich zu hören, sich besser als früher zu verstehen, anstatt sich auf Siege, Freunde und den kurzen Rausch zu verlassen? Doch nichts dergleichen in der Antwort. Nein, sagt er knapp, er habe verdrängt damals, aber Angst habe er nicht gehabt. Das war's, die Fragen jagen ungeduldig zu neuen Themen, wirr geht es durcheinander. Der Junge vom Musiksender fragt, ob Daum in Zukunft mit eigenen CD-Aufnahmen Geld verdienen wolle. TV-Clown Stefan Raab ("Moment, Herr Hanf!") witzelt, ob Daum das Angebot von "Sturm Gras" annehmen werde. Der missversteht und antwortet ehrlich, von einer Offerte aus Graz nichts zu wissen.

Die Läuterung Christoph Daums - ein großes Missverständnis? Niemand versteht sich mehr, keiner hört noch zu, die Fragen suchen trotzdem weiter hartnäckig nach Quotenträchtigem, wie ein Arzt, der den ganzen Körper abtastet, um endlich den Schmerzpunkt zu finden. Doch Daum zuckt nicht, er ist wie früher. Der Profi ist zurück. "Was ist mit denen, die Ihnen nicht glauben werden?", fragt einer zum Schluss. "Ich will alles tun, auch die letzten Zweifler zu überzeugen", sagt Daum und lächelt siegesgewiss. Sein Kampf um Zuneigung, Erfolg und Anerkennung war nur unterbrochen, jetzt kann er in die zweite Runde gehen.