Deutsch-spanische Duelle: Olé, oje, o weh! - DER SPIEGEL
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Deutschland vs. Spanien: Ein Jahrhunderttor führt zum Sieg

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Deutsch-spanische Duelle Olé, oje, o weh!

Deutschland gegen Spanien - das ist mehr als ein Länderspiel. Mal gab es rund um das Duell Zoff im DFB-Team, mal fiel ein Jahrhunderttor. SPIEGEL ONLINE erinnert an vier mitreißende Partien: von der "Wembley-WM" bis zur "Tiki-Taka-Taktik".
Von Michael Baltes und Frieder Schilling
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Luis Aragonés wird in die Luft geworfen. Immer wieder nähert sich der 69-Jährige dem Wiener Nachthimmel und fällt anschließend zurück in die Arme seiner Spieler. Spaniens Team feiert mit seinem Trainer den Gewinn des Europameistertitels. Wenige Minuten zuvor hat Schiedsrichter Roberto Rosetti das Finale gegen Deutschland abgepfiffen, die Mannschaft Aragonés' beschert ihren Fans den ersten großen Triumph seit 44 Jahren. Deutschland dagegen bleibt geschlagen zurück, verlässt am Abend des 29. Juni 2008 enttäuscht das Ernst-Happel-Stadion.

Es war die letzte Begegnung zwischen beiden Teams vor der deutschen 0:1-Niederlage im Halbfinale der Weltmeisterschaft in Südafrika.

Insgesamt hat die deutsche Elf eine positive Bilanz gegen Spanien. 21 Mal stand man sich gegenüber. Acht Partien entschied Deutschland für sich, sieben Mal gewann Spanien, sechs Mal trennten sich die beiden Mannschaften unentschieden. Das Torverhältnis aus der Sicht Deutschlands: 27:23. Der jüngste Sieg allerdings ist zehn Jahre her, im August 2000 gelang ein 4:1.

Erinnerungswürdige Geschichten bieten die Partien genug. Es geschah Unvergessenes auf dem Spielfeld, aber auch Denkwürdiges abseits des Stadions. SPIEGEL ONLINE blickt zurück auf vier spektakuläre Duelle:

WM 1966 in England - Lothar Emmerich peilt instinktiv die Lage

Der Abend des 20. Juli 1966 sollte in die Fußballgeschichte eingehen. Im dritten Vorrundenspiel der WM trifft das Team von Bundestrainer Helmut Schön auf den Geheimfavoriten aus Spanien. Vor 51.000 Zuschauern im Birminghamer Villa Park jedoch gewinnt Deutschland die Partie 2:1 und qualifiziert sich fürs Viertelfinale. Das Ergebnis allein ist es aber nicht, was die Fußballwelt in Erstaunen versetzt - es ist Lothar Emmerichs Jahrhunderttor.

Denn der deutsche Stürmer trifft aus schier unmöglich erscheinendem Winkel zum zwischenzeitlichen Ausgleich. Auf Höhe der linken Torauslinie kommt Emmerich zum Abschluss. Der Ball fliegt fast parallel zur Linie in Richtung des spanischen Tors und schlägt dann in den Winkel ein.

"Emmerich präsentierte eines der majestätischsten Tore in der Geschichte des alten Villa Parks", wird der "Daily Mirror" später schreiben. Der Kunstschütze selbst beschreibt die Situation kühler: "Ich habe nicht einfach draufgeknallt, sondern instinktiv die Lage gepeilt und den richtigen Winkel gewählt."

Dass es zu diesem Tor überhaupt kommt, schien lange nicht möglich. Bundestrainer Schön lässt Emmerich in den ersten beiden Gruppenspielen auf der Bank schmoren. Erst durch die Verletzung von Albert Brülls ergibt sich die Chance für den Bundesliga-Torschützenkönig der vorangegangenen Saison - Emmerich nutzt sie. Für den zweiten deutschen WM-Titel nach 1954 reicht es trotzdem nicht. Im Finale unterliegt das Team Gastgeber England 2:4 nach Verlängerung - unvergessen das Wembley-Tor zum 3:2.

Deutschland - Spanien 2:1 (1:1)
0:1 Fusté (24.)
1:1 Emmerich (39.)
2:1 U. Seeler (84.)
Deutschland: Tilkowski - Höttges, Schulz, Weber, Schnellinger - Beckenbauer, Overath - Krämer, U. Seeler, Held, Emmerich
Spanien: Iribar - Sanchis, Gallego, Reija, Zoco - Glaria, Amancio, Adelardo - Marcelino, Fusté, Lapetra
Zuschauer: 51.000
Schiedsrichter: Marques (Brasilien)

WM 1982 in Spanien - "Hier geht doch alles den Bach runter"

Die Stimmung vor der Partie gegen Spanien ist mies. "Hier geht doch alles den Bach runter", sagt Libero Uli Stielike. Stürmer Pierre Littbarski sieht sich "in nur fünf Tagen vom angeblichen Weltklassespieler zum Kreisligaspieler" verwandelt. Und Horst Hrubesch kündigt an: "Von heute an habe ich Urlaub." Sie alle hadern mit der Teamführung von Bundestrainer Jupp Derwall, der Spieler ohne Angabe von Gründen auf die Tribüne gesetzt hat. Hrubesch nennt Derwall anschließend "einen Feigling". Es gibt Rücktrittsgerüchte um den Bundestrainer.

Zu diesem Zeitpunkt hat die deutsche Mannschaft bei der WM 1982 in Spanien schon vier Spiele absolviert. Gegen Algerien 1:2 verloren, Chile 4:1 besiegt und sich in der legendären "Schande von Gijon" mit Österreich auf ein 1:0 geeinigt. In der zweiten Finalrunde, ebenfalls eine Gruppenphase, trennt man sich zunächst torlos von England - und wartet nun schlecht gelaunt auf Spanien.

Am 2. Juli steht das Team vor 90.089 Zuschauern dem Gastgeber im Madrider Bernabéu-Stadion gegenüber. Der Himmel ist bedeckt, es regnet gelegentlich, die Temperaturen sind um 21 Uhr Ortszeit erträglich. Beide Mannschaften müssen siegen, um die Chance aufs Halbfinale zu wahren. Es wird keine hochklassiges Partie, aber spannend: Kurz nach der Pause zieht Wolfgang Dremmler aus rund 20 Metern ab, Spaniens Torhüter Luis Arconada kann nur abklatschen, Littbarski verwandelt zur Führung. Das 2:0 fällt eine Viertelstunde vor Schluss, Klaus Fischer braucht nach schöner Vorarbeit von Littbarski nur noch einzuschieben. Jesus Zamoras Anschlusstreffer (82.) ist zu wenig für die Spanier.

Später ärgern sich die Spieler über viele vergebene Chancen, das Torverhältnis kann eine Rolle im Kampf um das Halbfinale spielen. Doch den bereits ausgeschiedenen Spaniern gelingt ein 0:0 gegen England, Deutschland steht unter den letzten vier. Es folgt ein Sieg im Elfmeterschießen gegen Frankreich (5:4) und eine 1:3-Finalniederlage gegen Italien.

Und Jupp Derwall darf noch zwei Jahre Bundestrainer bleiben - bis zum Vorrunden-Aus bei der EM 1984. Sein letztes Spiel: ein 0:1 gegen Spanien.

Deutschland -Spanien 2:1 (0:0)
1:0 Littbarski (50.)
2:0 Fischer (75.)
2:1 Zamora (82.)
Deutschland: Schumacher - K-H. Förster, B. Förster, Stielike, Briegel, Kaltz, Dremmler, Breitner, Rummenigge (46. Reinders) - Littbarski, Fischer
Spanien: Arconada - Urquiaga, Alexanko, Tendillo, Gordillo - Camacho, Miguel Alonso, Juanito (46. Lopez Ufarte), Zamora, Santillana, Quini (65. Sanchez)
Zuschauer: 90.089
Schiedsrichter: Casarin (Italien)

WM 1994 in den USA - Eine unheimlich schwache Vorstellung

Berti Vogts zeigt sich selbstsicher: "Wir werden eine unheimlich starke Mannschaft gegen Spanien präsentieren", sagt der Bundestrainer vor dem zweiten Vorrundenspiel der Deutschen Mannschaft bei der WM 1994 in den USA. In einem Punkt soll er Recht behalten, unheimlich wird die Vorstellung seiner Mannschaft sein - unheimlich schwach.

Lothar Matthäus, Jürgen Kohler, Andreas Brehme - nur einige der gestandenen Weltmeister von 1990, die an diesem Abend vor 63.113 Zuschauern im Soldier Field Stadion von Chicago nicht ihre Topleistung abrufen können. Spanien ist die Mannschaft mit der besseren Spielanlage. Das Team von Trainer Javier Clemente bestimmt die Partie und geht in der 14. Minute verdient durch Andoni Goikoetxea in Führung. Ein wohl als Flanke gedachter Schuss senkt sich über Deutschlands Torhüter Bodo Illgner in die Maschen.

Jürgen Klinsmann gelingt zwar kurz nach der Pause per Kopf noch der 1:1-Ausgleich, Kritik hagelt es nach dem Spiel trotzdem: "So verlieren wir den Titel, an diesem deutschen Spiel ist nichts Weltmeisterliches mehr", schreibt später das "Hamburger Abendblatt".

Auch intern wird die Unzufriedenheit deutlich. Nach der Partie streiten Spieler und Trainer über Taktik und Aufstellung - zwei Manndecker für einen nominellen Stürmer der Spanier. Trainer Vogts muss sich falsche Aufgabenverteilung vor allem im Defensivbereich vorwerfen lassen.

Die WM in den USA wird Deutschland auch so nicht in guter Erinnerung bleiben. Neben dem 1:2-Aus im Viertelfinale gegen Bulgarien bleibt von dem Turnier vor allen Dingen der "Stinkefinger-Skandal" von Stefan Effenberg im Gedächtnis. Weltmeister wird Brasilien durch einen 3:2-Sieg im Elfmeterschießen über Italien.

Deutschland - Spanien 1:1 (0:1)
0:1 Goikoetxea (14.)
1:1 Klinsmann (48.)
Deutschland: Illgner - Matthäus - Kohler, Berthold - Strunz, Effenberg, Sammer, Brehme - Häßler, Möller (62. Völler), Klinsmann
Spanien: Zubizarreta - Hierro - Alkorta, Abelardo - Ferrer, Guardiola (77. Camarasa), Sergi - Goikoetxea (64. Bakero), Caminero, Luis Enrique - Julio Salinas
Zuschauer: 63.113
Schiedsrichter: Filippi (Uruguay)

EM 2008 in Österreich und der Schweiz - Chancenlos gegen "Tiki-Taka"

Während die Spanier im Konfettiregen feiern, steht Jens Lehmann wieder im Tor. Der 38-Jährige hat sich nach dem verlorenen EM-Finale die Medaille für den Unterlegenen abholen müssen, ist dann zurückgekehrt in seinen Kasten. Verharrt dort minutenlang. Einsam. Über den Platz verstreut sitzen seine Mannschaftskollegen, lassen enttäuscht die Köpfe hängen. Der Traum ist geplatzt, der Titel in Hand der Spanier. "Verdient", sagt Thomas Hitzlsperger. "Wenn sie eine Chance haben, schlagen sie zu."

Anderthalb Stunden zuvor ist die deutsche Mannschaft an diesem Sommerabend des 29. Juni 2008 hoffnungsvoll in die Partie gegangen. Der an der Wade verletzte Kapitän Michael Ballack kann auflaufen, ebenso Torsten Frings trotz Rippenbruchs. Spanien muss dagegen auf Torjäger David Villa verzichten. 51.428 Zuschauer im Wiener Ernst-Happel-Stadion werden eine temporeiche Partie zu sehen bekommen - größtenteil bestimmt vom "Tiki-Taka" genannten Kurzpassspiel der Spanier.

Das Team von Bundestrainer Joachim Löw ist klar unterlegen, wirkt nur zu Beginn und Mitte der zweiten Halbzeit gefährlich. Ballack muss zudem minutenlang wegen einer Platzwunde am Kopf behandelt werden, Philipp Lahm mit einer Risswunde am Fuß nach der Pause auf der Bank bleiben.

Die Entscheidung gelingt Fernando Torres, der bereits zuvor mit einem Kopfball den Innenpfosten getroffen, dabei Abwehrriese Per Mertesacker übersprungen hat. In die Gasse geschickt von Mittelfeldgenie Xavi überläuft er kraftvoll Abwehrspieler Philipp Lahm und lupft den silbernen Ball über den sich ihm entgegenwerfenden Lehmann.

Deutschland schießt in 90 Minuten nur vier Mal aufs Tor. Zu wenig für Konfetti.

Spanien - Deutschland 1:0 (0:0)
1:0 Torres (33.)
Deutschland: Lehmann - A. Friedrich, Mertesacker, Metzelder, Lahm (46. Jansen) - Frings, Hitzlsperger (58. Kuranyi), Schweinsteiger, Ballack, Podolski - Klose (79. Gomez)
Spanien: Casillas - Sergio Ramos, Puyol, Marchena, Capdevila - Senna - Silva (66. Santi Cazorla), Xavi, Iniesta - Fabregas (63. Xabi Alonso) - Fernando Torres (78. Guiza)
Zuschauer: 51.428
Schiedsrichter: Rosetti (Italien)