Deutsche Fans Hupkonzerte gegen Frust
Berlin/Hamburg - Zwar wurden nach der Niederlage die meisten Siegesfeiern in Deutschland abgesagt, in vielen Innenstädten bilden sich aber sofort nach Ende des Spiels Autokorsos, in denen neben brasilianischen Fahnen auf deutsche Flaggen geschwungen wurden.
Wie Hunderttausende anderen Fans hatte sich auch der Student Thomas Hove mehr erhofft, der das Spiel auf einer Großleinwand am Potsdamer Platz in Berlin verfolgt hatte: "Ich bin furchtbar enttäuscht. Olli hätte das erste Tor verhindern können und sollen", sagte der 31-Jährige. Andere Fans lagen weinend auf dem Boden. Auch der 21-jährige Zimmermann Karsten Schulze äußerte sich enttäuscht über die Niederlage der deutschen Mannschaft, der zu Beginn des Turniers allerdings kaum jemand den Einzug ins WM-Finale zugetraut hatte. "Es ist Herz zerreißend." Deutschland habe seine Chancen nicht genutzt. "Ohne Kahn wäre Deutschland nie ins Endspiel gekommen", nahm der Ingenieur Frank Partey den Münchner Torhüter in Schutz.
Doch die Fans im Berliner Sony-Center verdauten die Niederlage recht schnell. Schon eine Viertelstunde nach dem Schlusspfiff hielten sie wieder Großbuchstaben hoch und feierten mit "Olli"- und "Rudi"-Rufen Torwart Kahn trotz seines Fehlers und Trainer Völler.
Auch in anderen deutschen Städten litten Hunderttausende mit der deutschen Elf - und feierten anschließend, egal, welcher Nationalität sie angehörten.
In Bayern nahmen die Fans die Niederlage bei strahlendem Sonnenschein locker. Nach Angaben der Polizei sahen allein 40.000 Fans das Finale auf einer Großleinwand auf der Münchner Leopoldstraße. "Die Deutschen haben super gespielt - aber die Brasilianer hatten Ronaldo", sagte ein bayerischer Fan.
In Stuttgart feierten viele Anhänger des deutschen Teams in einem brasilianischen Lokal. Dort lagen sich Deutsche und Brasilianer in den Armen und tanzten unter dem Motto "Feiern bis zum Abwinken" auf der Straße vor dem Restaurant. Dazu gesellten sich viele Menschen, die zwar brasilianische Kleidung trugen, sich aber als Türken, Amerikaner oder Belgier entpuppten. Fans verschiedener Nationalitäten fuhren in einem gemeinsamen Autokorso durch Stuttgart. Nach Angaben der Polizei waren 600 Fahrzeuge beteiligt.
Die Kölner Polizei berichtete von vereinzelten Einsätzen gegen betrunkene Randalierer. Auch in Karlsruhe kam es vereinzelt zu Schlägereien. "Bei den deutschen Fans zeigt sich der Frust, wir mussten fünf Personen in Gewahrsam nehmen", sagte ein Polizeisprecher. "Der Tag ist noch nicht vorbei; der Alkohol wird noch seine Wirkung zeigen. Wir rechnen damit, dass wir weiter präsent sein müssen."
Allein in Hamburg kamen auf St. Pauli 50.000 Fans im strömenden Regen zusammen. Auf dem Gelände der Hafencity verfolgten weitere 15.000 Fußballbegeisterte den fünften Weltmeisterschaftserfolg der brasilianischen Mannschaft. Dort heizte die Band "La Rocca" mit dem Ohrwurm "Rudi Völler" die Stimmung an.