Deutsche Nullnummer Hektisch, harmlos, fußlahm
Die letzte böse Überraschung für Joachim Löw versteckte sich in einer kleinen Flasche Mineralwasser. Der Bundestrainer kam lächelnd in den Presseraum der Frankfurter Commerzbank-Arena, setzte sich und rieb sich die Hände, bevor er sich entschloss, die vor ihm stehende Flasche zu greifen und aufzudrehen. Kurze Zeit später hatte sich der sprudelnde Inhalt auf seinem schwarzen Jacket verteilt. Löw guckte kurz irritiert und wischte das Wasser dann weg. Wie ein lästiges Problem.
Die andere böse Überraschung des Abends hatte keine Spuren auf Kleidern hinterlassen - an den Spielern war sie nach der Partie trotzdem abzulesen. Matt standen sie unten auf dem Rasen, ließen die Köpfe hängen, lugten hinter einem Transparent scheu hervor wie hinter einer Mauer. "Danke Fans, mit Euch zur Euro 2008" stand auf dem Spruchband. Als sich die Nationalspieler mit dem Transparent langsam um die eigene Achse drehten, wurden sie aus 40.000 Kehlen niedergepfiffen.
Was sich nach dem 0:0 gegen Wales auf dem Rasen und den Rängen abspielte, war so tragisch wie der Auftritt der deutschen Mannschaft in den 90 Minuten zuvor. Aus dem erhofften positiven Abschluss des Länderspieljahres war ein Trauerspiel geworden, und aus den Fähnchen schwenkenden Fans eine erboste Menge. "Vielleicht ist das Publikum etwas verwöhnt", sagt Löw später, er habe sich "etwas mehr Unterstützung gewünscht". Philipp Lahm fand es ebenfalls "schade", äußerte aber zaghaftes Verständnis. Sicher hätten "die Fans sich mehr erhofft, wir haben ja immer ordentlich gespielt".
Es war sogar ganz gewiss diese klaffende Lücke aus Anspruch und Wirklichkeit, Erwartung und Realität, der krasse Kontrast zwischen Gewohntem und Gezeigten, der die Reaktion des Publikums provozierte - das bei Länderspielen schließlich ein anderes ist als in der Bundesliga. Die DFB-Anhänger wollen unterhalten werden, und wenn sie zu einem Länderspiel gehen, dann ist das wie ein Opernbesuch. Der Beifall ist heftig bei grandiosen Vorstellungen, aber es wird der Daumen gesenkt, sobald das Orchester mal falsch spielt.
Oder, wie gegen Wales, überhaupt nicht.
John Toshack, dieser knorrige Trainer der Waliser, schien ebenfalls überrascht ob der Darbietung des Gegners, auch wenn er maßlos übertrieb, als er von einem "schweren Spiel" sprach. Toshack, der vor 38 Jahren seine Nationalmannschaftskarriere für Wales ebenfalls in Frankfurt mit einem Unentschieden (1:1) begonnen hatte, hätte mit jeder Berechtigung auch den Kopf schütteln können über die vielen Fehlpässe des DFB-Teams. Über die hektischen und durchsichtigen Offensivaktionen. Über die fehlende Breite im Spiel oder die frappierende Langsamkeit.
Aber Toshack blieb respektvoll und lobte lieber sein junges Team, in dem "jeder seine Aufgabe voll erfüllt hat". Dann sprach er noch vom besten Spiel seiner Trainerzeit in Wales und ging lächelnd davon.
Nun kann man sich auch die Frage stellen, was denn nun zu einem der schwächsten Spiele in Löws Amtszeit geführt hat - die eigenen Unzulänglichkeiten oder die Verteidigungskünste der Waliser. Löws Ursachenforschung blieb im Ungefähren, seine Diagnose ("haben aus irgendwelchen Gründen unseren Rhythmus nicht gefunden") wirkte ratlos, auch wenn er den Gegner dafür lobte, es seinem Team "enorm schwer" gemacht zu haben. Vor allem die in V-Form angeordnete Fünferkette der Gäste und das frühe Attackieren von Mittelfeldzentrale und Außenspielern ließ den Spielfluss der Deutschen zu keiner Zeit erst entstehen. "Im Keim erstickt" nannte das Löw. Passwege taten sich auch nicht auf, und wenn es der Ball mal 30 Meter vors Tor zum Fuß eines DFB-Akteurs schaffte, war er wenig später scheinbar mühelos entwendet.
Oder er landete eben in den Fangnetzen hinter Wayne Hennesseys Tor. Denn ebenso verblüffend wie die Ordnung der Waliser wirkte die Konzeptlosigkeit des deutschen Spiels. Drei der fünf Torchancen waren Fernschüsse, ob von Thomas Hitzlsperger in der ersten Halbzeit oder Lukas Podolski in der zweiten. Besser platziert war Tim Borowskis Ball, der erst am Pfosten und dann bei Hennessey landete. Und dann waren da noch zwei Kopfbälle, einer knapp vergeben von Miroslav Klose und einer unglücklich von Simon Rolfes. Erschreckend deutlich wurde außerdem die Schwäche in Standardsituationen.
Das alles war zu wenig für eine Mannschaft, die so leicht und locker und torreich durch die EM-Qualifikation marschiert ist, die sich im Zug Richtung Euro 2008 meist im Speisewagen aufhielt und dort spielerische Köstlichkeiten anbot. Warum sie sich ausgerechnet zum Abschluss eines grandiosen Jahres in den Schlafwagen begab? Philipp Lahm, mit seinen Vorstößen über links noch einer der besseren DFB-Kicker, nannte die frühzeitig geschaffte EM-Qualifikation als möglichen Grund für Einstellungsprobleme. "Das kann schon im Hinterkopf gewesen sein", räumte er ein, "doch wir wollten auf jeden Fall gewinnen, ganz klar."
Auch Löw beteuerte das hinterher, aber beim Bundestrainer hatte sich auch die Erkenntnis breit gemacht, dass es der jungen Mannschaft eben doch ein bisschen an Erfahrung fehlt. Die verletzten Führungsspieler Michael Ballack, Torsten Frings oder Bernd Schneider, allesamt 30 und älter, können zwar ersetzt werden. Aber in Spielen wie diesem würden sie schlicht einen entscheidenden Unterschied machen: gelassen bleiben, während die 20-Jährigen in bestimmten Situationen "vielleicht etwas die Ruhe verlieren", sagte Löw. Er meinte die Pfiffe im Stadion, die die Spieler schon in die Halbzeit begleitet hatten.
Für die Waliser hingegen endete das Länderspieljahr perfekt, was aber nicht am Unentschieden in Frankfurt lag. Die Fans feierten noch lange nach Schlusspfiff Kroatiens Sieg in England und das EM-Aus des Erzfeindes. Auch das war eine Überraschung dieses Abends - aber für viele eine freudige.