Deutsche Uefa-Cup-Pleiten Dreck und Durchhalteparolen
Hamburg - Es war ein eigenartiger Vergleich, mit dem sich Schalkes Trainer Mirko Slomka nach der Enttäuschung von Nancy Mut machen wollte: "Wir müssen den Kopf hoch nehmen, auch wenn der Hals dreckig ist." Eigentlich wollte der 39-Jährige damit seine Hoffnung ausdrücken, dass "solche Spiele auch zusammenschweißen" können, doch seine Wortwahl legte eine andere Interpretation nahe: Der Club steckt bis zum Hals im Dreck.
Zwar ist der Start in die Bundesliga mit zehn Punkten aus fünf Spielen ordentlich verlaufen, doch nach diversen internen Querelen um Trainerkritik, gegenseitigen Verdächtigungen und Maulwürfen in der Mannschaft wirkt das frühe Ausscheiden im Uefa-Cup wie der vorläufige Tiefpunkt einer desaströsen Entwicklung. Dass in einem solchen Moment, in dem das Team ohnehin wankt, auch noch Nationalstümer Gerald Asamoah mit einem Schien- und Wadenbeinbruch für ein halbes Jahr ausfällt, ist besonders bitter.
Dass sich Schalke von den international allenfalls mittelprächtigen Franzosen zeitweise an die Wand spielen ließ, zeigte, wie wenig strukturiert der für teures Geld zusammengekaufte Kader tatsächlich ist. Selbst Kapitän Marcelo Bordon hatte schon vor der Partie kritisiert, dass mit der Mannschaft derzeit "dauerhafter Erfolg nicht möglich" sei, weil es kein "eingeschworenes Team" gebe. Manager Andreas Müller glaubt hingegen nicht, dass die Diskussionen der vergangenen Tage "Spieler so beeinflusst haben, dass sie dann Fehlpässe spielen, unkonzentriert und überhaupt nicht präsent sind". Die Frage bleibt, woran es dann liegen mag.
"Das ist eine Momentaufnahme", betonte Müller, "es war einfach ein Tag, an dem alles gegen uns gelaufen ist. Wir haben einen auf den Deckel bekommen. Jetzt müssen wir wieder aufstehen und noch enger zusammenrücken. Ich bin sicher, die Jungs werden schon in Leverkusen beweisen, dass sie eine gute Mannschaft sind". Solche Durchhalteparolen klangen schon beim HSV nach der 0:1-Niederlage in Moskau am Dienstag nicht gerade überzeugend.
Die Hamburger können trotz aller spielerischen Defizite immerhin mit den garantierten Geldern aus der Champions-League-Vorrunde kalkulieren, während den mit etwa 90 Millionen Euro hoch verschuldeten Schalkern nun rund rund drei Millionen Euro fehlen, die als Einnahme aus der Uefa-Cup-Gruppenphase eingeplant waren. Das Erreichen eines Champions-League-Platzes wird damit zur Pflicht, der Druck in Gelsenkirchen nimmt erheblich zu.
Schlecht, aber etwas weniger dramatisch ist die Lage bei Hertha BSC, obwohl die 0:1-Niederlage bei Odense BK nahtlos an die miserablen Uefa-Cup-Partien der Berliner aus der Vorsaison anknüpfte. Doch die im Vergleich zum Schalker Star-Ensemble gleich mit einer Reihe junger Talente angetretene Hertha drücken mit rund 50 Millionen Euro Verbindlichkeiten zumindest weniger Lasten als die klammen Schalker, auch sind die eigenen Ansprüche in der Hauptstadt nicht ganz so vermessen wie bei den Königsblauen. "Die Mannschaft ist in einem Lernprozess", entschuldigte Hertha-Manager Dieter Hoeness das junge Personal, forderte aber zugleich: "Wir müssen Lehren ziehen."
Beste Stimmung herrscht dagegen bei Bayer Leverkusen und Eintracht Frankfurt, die gegen den FC Sion und Bröndby Kopenhagen die Gruppenphase erreicht haben. Insbesondere der klare Erfolg der Frankfurter, die nach dem 4:0-Hinspiel-Triumph in Dänemark souverän ein 2:2 herausspielten, war überraschend. Feiern wollte Trainer Friedhelm Funkel trotzdem nicht.
"Wichtig ist, dass die Spieler sich erholen", kommentierte der Eintracht-Coach das Weiterkommen und ließ keinen Zweifel an den Prioritäten: "Unser Hauptaugenmerk liegt weiter auf der Liga. Der Europapokal bleibt ein Zubrot." Das fällt nun sogar noch etwas üppiger aus als die erhofften 2,5 Millionen Euro. "Das Aus der anderen deutschen Clubs ist gut für uns, weil der Pott mit den Fernsehgeldern jetzt durch weniger Mannschaften geteilt wird", sagte Vorstands-Chef Heribert Bruchhagen.
Im Gegensatz zur Frankfurter Nüchternheit zeigte sich Leverkusens Coach Michael Skibbe begeistert nach dem 3:1-Sieg seines Teams gegen Sion: "A la bonheur. Die Mannschaft hat gezeigt, dass sie richtig geil Fußball spielen kann. Wir haben 90 Minuten hochkonzentriert und mit Leidenschaft gespielt.". Nach der dramatischen Schlussviertelstunde, in der die Schweizer mit dem zwischenzeitlichen Ausgleich zum 1:1 beinahe den Einzug in die nächste Runde geschäfft hätten, war die Erleichterung in Leverkusen groß. Im Vorjahr war Bayer in der ersten Runde an ZSKA Sofia gescheitert und daraufhin auch in der Bundesliga in eine Formkrise geraten.
all/sid/dpa