Deutsche Zitterspiele: Als Icke den Kaiser erlöste - DER SPIEGEL
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WM-Qualifikation: Die knappsten Entscheidungen

Foto: STF/ ASSOCIATED PRESS

Deutsche Zitterspiele Als Icke den Kaiser erlöste

Schweden, Albanien, Ukraine: Diese Gegner hätten Deutschland beinahe die Teilnahme an Fußball-Weltmeisterschaften vermasselt. Vor der Partie gegen Russland erinnert SPIEGEL ONLINE an die knappsten und spannendsten WM-Qualifikationen des DFB-Teams.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Franz Beckenbauer

Eine Fußball-Weltmeisterschaft ohne Deutschland? Das erscheint wohl nicht nur "unvorstellbar". Schließlich hat die Auswahl des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) seit 1954 an 14 Turnieren in Folge teilgenommen. Zu Hause kassierte sie in WM-Qualifikationsspielen lediglich zwei Niederlagen, auswärts ist sie sogar noch ungeschlagen. Doch vor der Partie in Russland am Samstag (17 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) muss die Deutsche Nationalmannschaft trotz bislang überzeugender Bilanz (sieben Siege, ein Unentschieden) um die Qualifikation für Südafrika 2010 bangen. Nicht zum ersten Mal steht damit der Start Deutschlands bei einer Weltmeisterschaft auf der Kippe.

Die Geschichte des großen Zitterns von DFB-Mannschaften in der WM-Qualifikation beginnt 1965. Deutschland und Schweden kämpfen in der Gruppe zwei um die Teilnahme an der Endrunde in England. Im Hinspiel hatten sich beide Teams 1:1 getrennt, nun geht es am 26. September punktgleich vor 52.943 Zuschauern im Råsunda-Stadion von Stockholm um alles. Die Gastgeber erwischen den besseren Start und treffen früh. Der Meidericher Werner Krämer besorgt noch vor der Pause den Ausgleich für das deutsche Team - in dem ein junger Mann namens Franz Beckenbauer sein Debüt feiert.

Was im zweiten Durchgang folgt, ist der große Auftritt des Uwe Seeler. Eine Achillessehnen-Operation hatte den Hamburger lange pausieren lassen, die Ferse ist noch nicht verheilt. Mit einem Spezialschuh ausgerüstet, plädierte der damals 30-Jährige bei Bundestrainer Helmut Schön trotzdem vehement auf einen Einsatz - und bekommt seinen Willen. Den Treffer zum 2:1 in der 54. Minute, der den Sieg und damit die Vorentscheidung in der Gruppe bedeutet, bezeichnet er noch heute als einen der wichtigsten seiner Karriere.

Libuda trifft zum Zittersieg gegen Schottland

Nur vier Jahre später, es geht um das Ticket zur WM 1970 in Mexiko, wird es erneut eng: Deutschland holpert durch die Gruppenphase, müht sich zu Siegen gegen Österreich und Zypern. Das Duell mit Schottland muss die Entscheidung bringen. Am 16. April reicht es für die deutsche Mannschaft zu einem hart umkämpften 1:1 in Glasgow. Gerd Müller schießt das DFB-Team in Durchgang eins in Führung, fünf Minuten vor Schluss kommen die Gastgeber durch Robert Murdoch zum Ausgleich.

Am 22. Oktober treten beide Teams zum Rückspiel in Hamburg an. Schon nach drei Minuten der Schock: Schottland trifft durch Jimmy Johnstone, doch der Schalker Klaus Fichtel besorgt noch vor der Pause den Ausgleich. Im norddeutschen Regen entwickelt sich nun eine packende Partie. Müller gelingt in Halbzeit zwei die erneute Führung für die deutsche Mannschaft, doch die Gäste kontern mit einem Treffer durch Alan Gilzean. Elf Minuten vor dem Ende der regulären Spielzeit erlöst Reinhard Libuda Team und Zuschauer mit dem Siegtor per Heber: Deutschland fährt nach Mexiko.

Nervenprobe gegen den Außenseiter aus Wales

Kaum weniger spannend geht es in der Quali zur WM 1990 zu. Deutschland liegt vor dem letzten Spieltag der Gruppe vier hinter den Niederlanden auf Platz zwei und muss in der abschließenden Partie im November 1989 gegen Außenseiter Wales unbedingt gewinnen, um sich sicher als einer der besten Gruppenzweiten für die Weltmeisterschaft in Italien zu qualifizieren. Doch in der elften Minute gerät die DFB-Auswahl plötzlich in Rückstand - zum Entsetzen von 60.000 Fans im Müngersdorfer Stadion.

Rudi Völler

Der Ausgleich von (25. Minute) lässt zwar die Hoffnung zurückkehren, ein Remis wäre aber zu wenig. Vor der Pause gelingt kein weiterer Treffer. Und: Nur der Pfosten verhindert den erneuten Rückstand gegen Wales, das in dieser Qualifikation noch kein Spiel gewinnen konnte.

Pierre Littbarski

Thomas "Icke" Häßler

Die zweite Halbzeit prägen zwei Profis des 1. FC Köln: und . Littbarski setzt sich in der 48. Minute auf der linken Seite durch, flankt nach innen, ein walisischer Abwehrspieler verlängert per Kopf die Hereingabe. Der Ball verändert leicht seine Flugbahn. Häßler, der auf Höhe des rechten Pfostens elf Meter vor dem Tor lauert, kann ihn daher nicht wie üblich mit dem rechten Fuß annehmen. Stattdessen schießt er mit links, volley, flach ins Tor. Häßlers erster Länderspieltreffer bereitet den Weg zum Titelgewinn in Rom. "So ein wichtiges Tor werde ich vielleicht nie wieder schießen", sagte der damals 23-Jährige nach der Partie. Dass für Teamchef Beckenbauer trotzdem bis zum Schlusspfiff "das Zittern weitergegangen ist", lag auch am verschossenen Foulelfmeter Littbarskis (75.). Im darauffolgenden Sommer wird Deutschland in Italien Weltmeister.

Vom Langweiler zum Fußball-Krimi

Die nächste Zitterpartie steigt im Oktober 1997. Eigentlich ist für das DFB-Team bereits alles klar. Deutschland braucht im letzten Spiel der Gruppe neun noch einen Punkt, um als Tabellenerster die direkte Qualifikation für die WM in Frankreich zu schaffen. Gegner in Hannover ist der krasse Außenseiter Albanien. Doch nach 55 Minuten liegt der dreimalige Weltmeister vor 44.000 Zuschauern im Niedersachsenstadion 0:1 zurück, durch ein Eigentor von Innenverteidiger Jürgen Kohler ("Mein schlechtestes Länderspiel").

Berti Vogts

Oliver Bierhoff

Die WM ist plötzlich in Gefahr. Aus einem vermeintlichen Langeweiler wird ein spektakulärer Fußball-Krimi mit sieben Toren. 3:3 steht es nach 88 Minuten. Ein weiterer Gegentreffer, und das Team von Bundestrainer müsste als Gruppenzweiter in die Playoffs. Erst beendet mit seinem Kopfballtor zum 4:3 in der Schlussminute das Bangen.

Noch dramatischer geht es im Herbst 2001 zu. Punktgleich liegen England und Deutschland vor dem letzten Spieltag an der Tabellenspitze der Gruppe neun. Die Briten haben nach dem 5:1-Erfolg in München jedoch die deutlich bessere Tordifferenz. In der Arena auf Schalke fallen gegen Finnland keine Tore, während England gleichzeitig nach dem Ende der regulären Spielzeit 1:2 gegen die von Otto Rehhagel trainierten Griechen zurückliegt. Das würde für die Deutschen zu Platz eins und damit der direkten Qualifikation für die WM in Japan und Südkorea reichen. Aber David Beckham gelingt per Freistoß in der dritten Minute der Nachspielzeit doch noch der Ausgleich für England.

Flanke, Kopfball, Tor

Teamchef Rudi Völler muss dadurch mit der DFB-Auswahl in die Relegation, Gegner ist die Ukraine. Die Klatsche gegen England und der erschreckend schwache Auftritt gegen Finnland lassen Schlimmes befürchten, auch nach dem 1:1 in Kiew rechnen viele Beobachter noch damit, dass eine Fußball-WM erstmals seit 52 Jahren ohne Deutschland stattfinden wird. Der Respekt vor Andrej Schewtschenko, dem Stürmerstar der Ukraine, ist gewaltig.

Michael Ballack

Doch nach einer Viertelstunde im Rückspiel zweifelt wohl keiner der 52.000 Zuschauer im Dortmunder Westfalenstadion mehr daran, dass Völlers Mannschaft in Asien dabei ist. Zuvor hat sie eindrucksvoll demonstriert wie einfach Fußball sein kann. Flanke, Kopfball, Tor - dieses Schema funktioniert dreimal in den ersten 15 Minuten. (4.) und Marko Rehmer (15.) sind so direkt erfolgreich, Rehmer bereitet zudem per Kopf das 2:0 von Oliver Neuville (11.) vor. Am Ende heißt es 4:1, siebeneinhalb Monate später unterliegt Deutschland erst im WM-Finale in Yokohama Brasilien.

Bislang hat das DFB-Team also alle brenzligen Situationen in WM-Qualifikationen gemeistert. Mit einem Sieg in Moskau wäre Deutschland sicher in Südafrika dabei. Doch bei einem Remis oder einer Niederlage könnte das nächste Kapitel in der Geschichte des großen Zitterns bereits am Mittwoch in Hamburg (18 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) gegen Finnland geschrieben werden. Dann käme es auch auf Russlands Ergebnis in Aserbaidschan an, ob die Deutsche Nationalmannschaft erneut in die Playoffs muss.