Deutsches Nationalteam Die Poldi-Schweini-Dämmerung
Selbst in der schönen neuen Welt des Fußballs nimmt die Düsseldorfer LTU-Arena eine besondere Rolle ein, denn dort gibt es einen sogenannten "Dachstatus". Als "geschlossen" wurde er zum Länderspiel der deutschen Nationalmannschaft gegen die Schweiz gemeldet, was aber nicht nur bedeutete, dass die Mannschaft von Bundestrainer Joachim Löw beim Kicken den Himmel nicht sah. Sie trat auch, während draußen die Temperaturen den Nullpunkt umspielten, in der beheizten Fußballhalle in eher frühlingshafter Atmosphäre an. Zum Glück sorgte das jedoch nur beim lahmen Düsseldorfer Publikum für die entsprechende Müdigkeit, denn auf dem Platz tat sich geradezu Spektakuläres. Innerhalb der 90 Minuten gegen die Schweiz verschob sich die Tektonik des deutschen Teams nämlich so deutlich wie schon lange nicht mehr. Zum ersten Mal nach Ende des weltmeisterlichen Sommermärchens drängte sich neues Personal auf, das bald schon eine wichtige Rolle spielen könnte. Der Stuttgarter Angriffs-Debütant Mario Gomez und Sturm-Rückkehrer Kevin Kuranyi vom FC Schalke 04 trugen nicht nur je einen Treffer zum lockeren 3:1 (2:0)-Sieg über den biederen EM-Gastgeber und WM-Teilnehmer 2006 bei. Die beiden boten sich dem Bundestrainer als Alternativen im Sturm an - jeder für sich, aber auch gemeinsam.
"Beide haben ihre Chance genutzt", sagte Löw und lobte, dass sie "torhungrig" gewesen seien. Er fand zwar, dass Kuranyi und Gomez, die aufgrund ihres ähnlichen Körperbaus mit so eckigen Schultern und mit ihrer sehr geraden Haltung aus der Ferne nur schwer zu unterscheiden waren, "immer wieder das Zentrum gesucht haben". Dennoch passten sie gut zusammen. In den meisten Situationen der knappen Stunde, die sie gemeinsam auf dem Platz standen, wirkten sie sogar verblüffend gut aufeinander abgestimmt. "Wir haben früher sehr oft miteinander trainiert", erinnerte sich Kuranyi. Nur zusammen mit Gomez gespielt hatte er damals beim VfB Stuttgart bestenfalls in Freundschaftsspielen.
"Gomez war sehr, sehr stark", lobte der Schweizer Nationalcoach Jakob "Köbi" Kuhn den jüngeren der beiden Stürmer. Und der Trainer fand auch: "Das Fehlen von Miroslav Klose ist gar nicht aufgefallen." Von Lukas Podolski war schon gar nicht mehr die Rede, die Nicht-Berücksichtigung könnte dem Stürmer vom FC Bayern in der Nationalmannschaft dauerhaft drohen. "Lukas ist normalerweise bei uns immer gesetzt", sagte Löw. So wird es auch im nächsten Spiel sein, dem wichtigen EM-Qualifikationsspiel in Tschechien (24. März), in dem der gegen die Schweiz verletzte Klose wegen einer Sperre fehlen wird. Doch seit der Partie gegen die Schweiz muss Podolski dieses Naturgesetz durch Leistungen bestätigen. Etwas wackelig wirkt in diesem Zusammenhang seine Strategie, sich Entschlossenheit nur für die Einsätze im Nationalteam aufzuheben und den Club mehr oder weniger als Vorbereitung dafür zu benutzen.
Zum Aufstieg echter Konkurrenz für Podolski passte es auch, dass der zweite Teil von Poldi & Schweini in Düsseldorf der schwächste deutsche Spieler war. Die Idee, dass sich Bastian Schweinsteiger im Trikot der Nationalmannschaft das Selbstbewusstsein zurückholen würde, das er beim FC Bayern verloren hatte, verflüchtigte sich weitgehend. Bei Schweinsteigers Auswechselung nach 74 Minuten gegen den Gladbacher Marcell Jansen, der auch bei der Borussia nun weiter vorne agiert und nicht mehr als Linksverteidiger, mischten sich in den höflichen Beifall sogar ein paar Pfiffe. Zwar wurden ihm von Löw aufgrund seines Alters (22 Jahre) auch noch weitere schwache Spiele zugestanden, aber die Partie gegen die Schweiz hatte insgesamt etwas von einer Schweini-Poldi-Dämmerung.
Kuranyi und Gomez mochten zu ihren weiteren Aussichten nicht wirklich etwas sagen, und flüchteten auf das sichere Terrain der Allgemeinplätze. Gomez, 21, etwa wollte sich "über die Spiele beim VfB weiter anbieten". Kuranyi, 24, hingegen erklärte, dass er in den langen Monaten seiner Abwesenheit vom Nationalteam "viel gelernt" hätte. Was er indes gelernt hatte, vermochte er auf Nachfrage nicht zu sagen. Vielleicht war es Rechnen, denn Kuranyi kündigte an, sich mittelfristig eine bessere Rückennummer erkämpfen zu wollen als die 31 gegen die Schweiz. "In der Kabine habe ich zu Torsten Frings gesagt, dass es beim nächsten Mal vielleicht schon die 27 ist", sagte er. Eher sollte Löw ihm die 30 geben und dann jedes Mal eine Nummer weniger, um die Spannung hoch zu halten, bis Kuranyi wieder bei der Rückennummer 22 von früher angelangt ist.
Deutschland - Schweiz 3:1 (2:0)
1:0 Kuranyi (7.)
2:0 Gomez (30.)
3:0 Frings (66.)
3:1 Streller (71.)
Deutschland: Lehmann (37 Jahre/43 Länderspiele) - Arne Friedrich (27/49), Mertesacker (22/30), Metzelder (26/29), Lahm (23/31) - Fritz (26/4), Frings (30/65 - 74. Hitzlsperger 24/21), Ballack (30/76 - 46. Borowski 26/29), Schweinsteiger (22/42 - 74. Jansen 21/12) - Gomez (21/1 - 58. Hanke 23/11), Kuranyi (24/36 - 83. Schlaudraff 23/2)
Schweiz: Benaglio (23/5) - Philipp Degen (23/24), Senderos (FC Arsenal/21/17), Grichting (27/12), Magnin (27/39 - 59. Dzemaili 20/6) - Vogel (29/94 - 58. Streller 25/19) - Behrami (21/8), Yakin (29/53 - 58. Vonlanthen 21/19), Margairaz (23/8 - 78. Inler 22/4), Barnetta (21/21 - 70. David Degen 23/5) - Frei (27/54 - 58. Spycher 28/27)
Schiedsrichter: Bossen (Niederlande)
Zuschauer: 51.333 (ausverkauft)
Gelbe Karten: keine