DFB-Asienreise: Dribblings im Mentalbereich - DER SPIEGEL
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DFB-Asienreise Dribblings im Mentalbereich

DFB-Coach Jürgen Klinsmann hat seinen Trainerstab um einen Sportpsychologen erweitert. Bei der WM 2006 im eigenen Land sollen die Spieler in der Lage sein, auch psychisch topfit zu agieren. Während Torhüter Oliver Kahn über die Seelenhilfe begeistert ist, nähern sich andere dem Neuzugang nur vorsichtig.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Yokohama - Nachdem sich der neue Mentalcoach den Spielern vorgestellt hatte, wurden die ersten Scherze gemacht. "Interessant" nannte Kapitän Michael Ballack höflich seine erste Begegnung mit dem Sportpsychologen Hans-Dieter Hermann, der heute mit einem 30-minütigen Vortrag ein neues Zeitalter in der Nattíonalelf eingeläutet hat. Erstmals in der Geschichte des DFB steht der deutschen Kicker-Elite ein Mentalcoach zur Seite, der Konzentrationsfähigkeit und Selbstbewusstsein der Spieler steigern soll.

"Mit einem richtigen Sportpsychologen war es das erste Mal, aber ich hatte eine ähnliche Begegnung einst bei Christoph Daum - da lief es anders ab", erinnert sich Ballack an seine Zeit in Leverkusen, als die Spieler schon mal barfuß durch ein Scherbenmeer waten mussten. Solche Mutproben sind allerdings beim DFB-Team nicht geplant, versicherte Hermann.

"Ich habe den Eindruck, dass mich die Spieler akzeptieren und für das Thema offen sind", so der 44-Jährige, der bereits in anderen Sparten des Leistungssports seine Erfahrungen weitergegeben hat. So betreute der Schwabe vor den Olympischen Spielen in Athen die deutschen Turner, die nach dem Trainingsunfall des seitdem querschnittsgelähmten Ronny Ziesmer um Rat fragten. Auch das alpine Skiteam der Österreicher kennt Hermann, als er mit den Athleten nach dem tödlichen Rennunfall der Skiläuferin Ulrike Maier im Januar 1994 kooperierte.

"Training im Kopf und für den Kopf"

Schlimme Vorfälle wie jene sind in der deutschten Fußball-Nationalmannschaft derzeit zum Glück nicht zu beklagen. Dennoch hofft Bundestrainer Jürgen Klinsmann, mit der Verpflichtung Herrmanns die Voraussetzungen für ein erfolgreiches Abschneiden bei der WM 2006 geschaffen zu haben. "Was wir tun, ist in erster Linie Training im Kopf und für den Kopf", beschreibt Hermann das Langzeitprojekt, "es geht darum Probleme zu bewältigen." Mit welchen Maßnahmen der Sportpsychologe die Nationalspieler geistig auf Vordermann bringen will, wollte Hermann allerdings nicht verraten. Nur so viel: Die Spieler können, aber müssen nicht mit ihm zusammenarbeiten.

Nationalkeeper Kahn will auf jeden Fall den Kontakt zum Mentaltrainer suchen. "Gerade für Torhüter sind psychologische Aspekte sehr wichtig", erläuterte Kahn, "das kann einen nicht nur Millimeter, sondern Zentimeter nach vorn bringen." Auch Assistenztrainer Joachim Löw äußerte sich begeistert über den neuen Arbeitskollegen. "In den Gesichtern der Spieler hat man gesehen, dass sie sehr interessiert und konzentriert waren", so Löw, der hofft, selbst von Hermanns Erfahrung profitieren zu können: "Auch für die Trainer ist ein solches Angebot enorm wichtig. Wie die Spieler stehen wir ebenso unter Stress und können von den Erfahrungen eines Sportpsychologen profitieren."

Debüt von Owomoyela und Schulz

Doch vor dem Länderspiel gegen Japan (Donnerstag, 12.10 Uhr, Liveticker bei SPIEGEL ONLINE) in Yokohama steht nicht nur die Seelenmassage der Spieler zur Debatte. Klinsmann muss die gegenüber dem Kamerun-Länderspiel bewährte Abwehr gleich auf drei Positionen umbauen. In die neu formierte Viererkette werden aller Voraussicht nach mit Patrick Owomoyela (Arminia Bielefeld) auf der rechten Seite und Christian Schulz (Werder Bremen) gleich zwei Spieler ihr Nationalmannschaftsdebüt feiern.

"Ich habe mir zum Ziel gesetzt, das Ganze so positiv wie möglich zu gestalten, und ich bin schon jetzt dabei, es in vollen Zügen zu genießen", beschreibt Owomoleya seine ersten Tage im DFB-Tross. Über ausreichen Selbstbewusstsein verfügt der Sohn einer deutschen Mutter und eines nigerianischen Vaters auf jeden Fall. Bei der heutigen Trainingseinheit im Yokohama International Stadium fuhr er seinem Gegenspieler Thomas Brdaric derart in die Beine, dass der Wolfsburger Stürmer danach medizinische Betreuung benötigte. "Letztendlich bin ich in Ballbesitz gekommen, also kann es so unsportlich nicht gewesen sein", kommentierte der Bielefelder Außenverteidiger ohne schlechtes Gewissen die Szene, die Brdaric sichtlich in Rage brachte.

Die deutsche Innenverteidigung bilden Christian Wörns und Per Mertesacker. "Wir haben eine schöne Mischung aus alten und jungen Spielern", macht sich Klinsmann hinsichtlich der Aufstellung und Einstellung seines Teams keine Sorgen: "Wir haben unseren Weihnachtsurlaub für diese Spiele gekürzt, deshalb wird sich hier niemand hängen lassen."

Im Mittelfeld baut der Bundestrainer auf Ballack, Bernd Schneider und Fabian Ernst. In der Offensive agieren Miroslav Klose, Gerald Asamoah und Lukas Podolski drei Spitzen. Der Kölner Podolski soll in seinem sechsten Länderspiel erstmals in der Anfangsformation stehen.

Die voraussichtlichen Aufstellungen:
Deutschland: Kahn/Bayern München (34 Jahre/74 Länderspiele) - Owomoyela/Arminia Bielefeld (25/0), Wörns/Borussia Dortmund (32/60), Mertesacker/Hannover 96 (20/2), Schulz/Werder Bremen (21/0) - Ernst/Werder Bremen (25/11), Ballack/Bayern München (28/48), Schneider/Bayer Leverkusen (30/36) - Asamoah/Schalke 04 (26/22), Klose/Werder Bremen (26/43), Podolski/1. FC Köln (19/5)
Japan: Kawaguchi/Nordsjälland (29/66) - Kaji/FC Tokio (24/20), Tanaka/Jubilo Iwata (29/13), Chano/JEF United Ichihara (28/2), Alex/Urawa Red Diamonds (27/45) - Inamoto/West Bromwich Albion (25/50), Fukunishi/Jubilo Iwata (28/38), Ogasawara/Kashima Antlers (25/27), Fujita/Jubilo Iwata (33/23) - Takahara/Hamburger SV (25/31), Suzuki/Kashima Antlers (28/44)
Schiedsrichter: Shield (Australien)