DFB-Aufsteiger Müller Der Unbekümmerte
Thomas Müller sagt, er habe Mühe, einen Spieler zu finden, dessen Spielstil annähernd so komisch aussehe wie sein eigener.
Der linke Arm steht oft senkrecht in der Luft, der rechte sucht derweil die Balance zu halten, dabei flattert das Trikot. Der Ball ist mal links, mal rechts am Fuß. Irgendwie schiebt sich Müller am Gegenspieler vorbei und schießt dann den Ball am liebsten mit dem Innenrist ins Tor.
Müller weiß, dass er kein Künstler am Ball ist wie der Argentinier Lionel Messi. Stolz empfindet er trotzdem, wenn er auf die vergangenen zwei Jahre zurückschaut. Vor eineinhalb Jahren spielte er noch für die zweite Mannschaft Bayern Münchens, gab erst im Spätsommer 2008 sein Debüt im Profiteam. In der vergangenen Saison traf er 19-mal für den Deutschen Meister, zweimal davon in der Champions League. Schon im dritten Länderspiel erzielte er seinen ersten Treffer - zum Auftakt der Weltmeisterschaft gegen Australien.
Er ist der deutsche Hoffnungsträger der WM 2010. Und er ist erst 20 Jahre alt.
DFB-Stürmer Thomas Müller: Es "Müllert" wieder
Franz Beckenbauer lobt den vom Mittelstürmer zum Flügelspieler umfunktionierten Müller für seine Spielintelligenz. Deutschland fühlt sich dank seiner Pässe auf Lukas Podolski oder Miroslav Klose bereit, um den Titel mitzuspielen. Doch was steckt eigentlich in diesem so unbekümmert spielenden jungen Mann? Ist er wirklich schon so reif, wie er wirkt?
Auch der weiteste Weg beginnt mit einem Schritt
Er gehe nicht gerne auf Partys, sagt Müller. Schon früher nicht. Dafür habe er keine Zeit. Die reichte gerade so, um vor zwei Jahren neben dem Fußball das Abitur zu machen. Schon immer motiviere er sich mit dem Gedanken, dass auch der weiteste Weg mit einem Schritt beginne. Aber es können nicht nur kluge Sätze wie dieser sein, die den jungen Oberbayern auf höchstem Niveau im internationalen Fußball bestehen lassen.
Hermann Gerland ist einer der Menschen, die einen großen Anteil an der Leistungssteigerung Müllers tragen. "Beobachten war schon immer meine Stärke", sagt er. Gerland erkannte schnell Müllers Talent. Er trainierte ihn im zweiten Team und im vergangenen Jahr auch als Assistenztrainer von Louis van Gaal in der Profimannschaft Bayerns. Gerlands Schule durchliefen bereits Müllers Nationalmannschaftskollegen Bastian Schweinsteiger, Philipp Lahm oder Piotr Trochowski. Gerland, der aus dem Ruhrgebiet stammt, 204 Spiele für den VfL Bochum bestritt und sich selbst als "Malocher" bezeichnet, rühmte schon vor Jahren Müllers Willen und Fleiß.
"Der heutige Spieler muss über eine große Ausdauer verfügen", sagt Bundestrainer Joachim Löw, der Müller das erste Mal im März 2010 beim 0:1 gegen Argentinien einsetzte, "vor allem aber muss er über 90 Minuten hinweg immer wieder sprinten können." Genau diese Herausforderung des modernen Fußballs ist eine der Stärken Müllers. Er sprintet so oft, dass nicht nur neutrale Beobachter auf der Tribüne, sondern auch die Gegner seine Laufwege nicht nachvollziehen können. Da stecke kein Geheimnis dahinter, sagt Müller. "Ich folge einfach meinem Instinkt."
Lockerheit keine Garantie für dauerhaften Erfolg
Instinktentscheidungen sind nichts Außergewöhnliches im Fußball. Und vielleicht liegt genau hier auch eine mögliche Schwäche Thomas Müllers. Er wird zu Recht als großes Talent des deutschen Fußballs gefeiert. Er ist schnell, steht oft am richtigen Platz, schießt entscheidende Tore, aber er beherrscht keine spezielle Technik. Viele seiner Sprints enden ohne Abschluss. Müller schöpft sein Können vor allem aus seinem Ehrgeiz. Er definiert sich über seine Unbekümmertheit. Vielleicht liegt Bayern-Präsident Uli Hoeneß gar nicht so falsch mit der Behauptung, man solle den jungen Müller noch nicht zu hoch loben. Ihm noch etwas Zeit geben, sich zu entwickeln. Lockerheit ist keine Garantie für dauerhaften Erfolg.
Müller hat sich nicht nur die Einstellung zur Arbeit von seinem Trainer Gerland abgeschaut, sondern auch dessen Bodenständigkeit. Genau wie der Trainer entspannt er am liebsten in der Nähe seiner Pferde, er besitzt zwei: Springpferd Sou und Dressurpferd Free Walker. Im November 2009 heiratete er nach zweijähriger Beziehung Freundin Lisa, eine freundlich und zurückhaltend erscheinende junge Frau. Er wisse, dass das nicht üblich sei in seinem Alter, sagte er damals. Entscheidungen wie diese trifft Müller aus Überzeugung. "Lisa ist einfach die Richtige", sagt er.
Thomas Müller scheint ein Gespür dafür zu haben, wessen Ratschläge er ernst nehmen sollte und auf wen er sich verlassen kann. Vielleicht wird er nicht nur Uli Hoeneß überraschen und seine Unbekümmertheit während dieser Weltmeisterschaft weiter in Konstanz und Präzision ausbauen. Vielleicht wird er auf diesem Weg auch menschlich noch ein paar Ecken und Kanten entwickeln, denn "Pferde, die sich am Anfang sträuben, sind am Ende die besten", sagt Hermann Gerland.