DFB-Bilanz Vorstand Bierhoff und sein Chefsanierer
Das deutlichste Zeichen setzte einer, der gar nicht mit im Raum war: DFB-Präsident Theo Zwanziger nutzte den Tag des Pokalendspiels, um die Vertragsverlängerung mit Nationalmannschafts-Manager Oliver Bierhoff um weitere vier Jahre bekannt zu geben. "Dies zeigt, dass sich diese Funktion bewährt hat." Das sagt allerdings Bierhoff selbst. Bierhoff, Klinsmann, Löw, Köpke die gesamte sportliche Leitung der DFB-Elf ist an diesem Tag angetreten, um vor Journalisten "eine Art Bilanz zu ziehen und ins Gedächtnis zu rufen, was Jürgen Klinsmann in den vergangenen zwei Jahren schon alles verändert hat", wie Bierhoff einführt.
Klinsmann und Bierhoff wird immer wieder attestiert, sie führten die Nationalmannschaft wie ein Unternehmen, und das klingt dann immer so wie ein Vorwurf. An diesem Tag tun die Herren nichts, um diesen zu entkräften. Bierhoff gibt den Vorstandsvorsitzenden, und Klinsmann ist sein Chefsanierer. Alles kommt noch einmal aufs Tapet: Die US-Fitnesstrainer, die Leistungstests, das Scouting-System, die Gegneranalysen per Datenbank, die Arbeit mit dem Psychologen, die Videoaufzeichnungen mittels Breitbildkamera, "mit der wir alle Spieler gleichzeitig beobachten können".
Von Grundphilosophie ist viel die Rede, und natürlich noch mehr vom Confederations Cup, Klinsmanns Erweckungserlebnis, als alles richtig schien, was er der Mannschaft und vor allem dem Deutschen Fußball-Bund zugemutet hat.
"Das war beinahe depressiv"
Das ist fast ein Jahr her, doch das Quartett der Renovierer klammert sich mit manchmal beängstigender Penetranz an dieses Erfolgserlebnis aus dem Sommer 2005, ebenso wie an das bei Licht besehene eher dürftige 0:0 gegen Frankreich aus dem vergangenen Herbst. Das waren die Momente, wo die Führungscrew sich bestätigt fühlt, dass "es unbedingt notwendig war, das zu tun, was wir getan haben", sagt Bierhoff. Denn der DFB, daraus machen Klinsmann und Bierhoff auch an diesem Tag keinen Hehl, brauchte die Rosskur. "Man muss sich vergegenwärtigen, in welcher Stimmung wir 2004 waren, das war beinahe depressiv", sagt Bierhoff.
Und immer wieder, wenn er über Neuerungen spricht, streut er ein: "Das hat es beim DFB ja zuvor noch nie gegeben", oder "in einer Art, wie es beim DFB bis dahin total unbekannt war". Die Seilschaften, die Strukturen beim DFB sie interessieren Bierhoff nicht. Den verdienten DFB-Entwicklungshelfer Holger Obermann nennt er "Holger Obermeier" - Namen sind Schall und Rauch, die Mission ist wichtig.
Immer wieder lassen der Manager und sein Bundestrainer zudem durchblicken, was sie von der Trainingsarbeit der meisten Bundesliga-Vereine halten: Herzlich wenig. Es sei schwierig, die Spieler bei Länderspielen auf das einzustellen, was sie brauchen, wenn sie nur zwei, drei Tage bei uns sind", sagt Bierhoff. Was in den Vereinen laufe, da werde man sich nicht einmischen, ergänzt Klinsmann. "Aber wir mischen uns ein, wenn sie zu uns kommen. Dann machen wir ihnen deutlich: Bundesliga und eine Fußball-WM das sind zwei unterschiedliche Kaliber."
Klinsmann und Löw sprechen in höchsten Tönen von Arsenal und Barcelona, für die tägliche Arbeit der Bundesligatrainer haben sie kein Wort übrig. "Wenn wir die Spieler nicht noch dahin bekommen, dass sie 90 Minuten eine unglaubliche Intensität gehen können, dann haben wir bei dieser WM keine Chance." Im Moment, schwingt da deutlich mit, sind sie dazu nicht imstande. Schweinsteiger, Klose, Deisler sie alle, so Bierhoff, seien mal als "Problemfälle" aus ihren Vereinen zur Nationalmannschaft und als Führungsspieler in ihre Vereine zurückgekehrt.
Und dann ins Arbeitslager
Daher sehne man dem 16. Mai entgegen, wenn man die Nationalspieler dann über Wochen "in unseren Händen hat und wir endlich das leben können, was wir uns vorstellen", sagt Klinsmann. Beim Confed Cup habe die Mannschaft "einmal ihr wahres Gesicht gezeigt", weiß Bierhoff, "damals als wir die Spieler zuvor mal zwei, drei Wochen bei uns hatten".
Zunächst geht es nach Sardinien, wo die Spieler, so Löw, "ihr emotionales Gleichgewicht nach einer schweren Saison wieder finden" sollen, dann nach Genf, "unserem Arbeitslager", hier werden die Akteure in Form gebracht, natürlich "positionsbezogen" und nach "individuellen Zuschnitten". Damit geht es in die Testspiele gegen Luxemburg, Japan und Kolumbien Anfang Juni. Wobei Klinsmann der Erwartungshaltung schon einmal vorbaut: "Die Resultate dieser Spiele haben für uns nicht die Wichtigkeit. Wir nehmen in Kauf, dass die Spieler dann schwere Beine haben könnten."
Ohnehin habe er Probleme, die Aufregung darüber nachzuvollziehen, "wenn man mal ein Testspiel vergeigt". Nach dem medialen Rauschen im Anschluss an die Italien-Pleite Anfang März "habe ich mich schon gefragt: Was ist denn hier los?"
"Der Prozess, den wir begonnen haben, ist 2006 nicht beendet", stellt Bierhoff fest. Er kann damit ab heute auch nach der WM weitermachen. "Beim Jürgen, das wissen wir doch alle, hängt das vom sportlichen Abschneiden bei der WM ab." Man kann sich den einen ohne den anderen nur schlecht vorstellen.