DFB-Boss Zwanziger wird 65: Der Kümmerer - DER SPIEGEL
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Theo Zwanziger: Jubilar im Auf und Ab

Foto: Maurizio Gambarini/ dpa

DFB-Boss Zwanziger wird 65 Der Kümmerer

DFB-Präsident Theo Zwanziger schaut an seinem 65. Geburtstag auf eine zwiespältige Bilanz zurück. Der Mann hat den Verband zwar modernisiert und Minderheiten zu ihrem Recht verholfen. Aber in diesem Jahr ist fast alles schiefgelaufen.
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Zu seinem 65. Geburtstag hat Theo Zwanziger etwas für ihn sehr Ungewöhnliches getan. Er hat sich zurückgezogen. Der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes feiert sein persönliches Jubiläum an diesem Sonntag im Urlaub im Kreis von Familie und Freunden an einem unbekannten Ort, ohne Medien, ohne Öffentlichkeit. In den vergangenen Monaten, in den Wochen der leidigen DFB-Schiedsrichteraffäre, war ihm dieses Verhalten nicht vergönnt gewesen.

Der Präsident hatte durch manches unbedachte Wort, durch vorschnelle Äußerungen in den Medien eine private Beziehung zu einer sportpolitischen Staatsaffäre hochgejazzt und den Boulevard damit unnötig angeheizt. Es war der Höhepunkt einer Serie unglücklicher Aktionen, die dem DFB-Boss ausgerechnet im WM-Jahr unterlaufen waren. Das Bild des Reformpräsidenten hat im Jahr 2010 Risse bekommen.

Zwischendurch schien es gar unsicher, ob Zwanziger seinen 65. Geburtstag überhaupt noch im Amte feiern könne. Er hatte den juristischen Ausgang der Amerell-Affäre mit seinem Verbleib im Amt verknüpft und angekündigt, er werde bei einer Niederlage vor Gericht "selbstverständlich zurücktreten" - eine Ankündigung, die auch bei wohlwollenden Betrachtern nur noch Unverständnis ausgelöst hatte. Mittlerweile scheinen die juristischen Nachwehen der Affäre abgeschlossen. Die Staatsanwaltschaft hat die Aktendeckel zwar zugemacht, doch Zwanziger ist zweifellos im Amt beschädigt. Der gute Mensch von Altendiez - dieses Image ist ramponiert.

Das Bild des Aufklärers ist verblasst

Plötzlich war in den Medien nicht mehr vom Aufklärer zu lesen, nicht mehr von dem Präsidenten, der den Themen Homophobie, Antisemitismus und Rassismus im Fußball den Kampf ansagt. Nicht mehr von dem Mann, der dem Reformkurs der sportlichen Leitung unter Jürgen Klinsmann und danach Joachim Löw gegen heftige Widerstände den Rücken gestärkt hat. Nicht mehr von dem Mann, der auf der Trauerfeier für Torwart Robert Enke den Ton am besten traf, mit seinen Worten Nachdenklichkeit signalisierte, die Menschen berührte.

Plötzlich war von einem sprunghaften Präsidenten die Rede, von einer Amtsführung, die irgendwo zwischen autoritär und launisch angesiedelt war. Mitarbeiter berichteten über cholerische Anfälle, über die verletzte Eitelkeit des Vorsitzenden. Es wurde an den unerquicklichen Rechtsstreit Zwanzigers mit dem Journalisten Jens Weinreich erinnert. In diesen Konflikt hatte sich der Präsident schon 2008 Hals über Kopf verstrickt und damals bereits mit einer Rücktrittsdrohung Kopfschütteln geerntet.

Die Entmachtung des leutseligen und bei den Medien äußerst beliebten Kommunikationschefs Harald Stenger passte da ins Bild. Stengers Amtsbereich wurde zu Jahresbeginn auf die Belange der Nationalmannschaft beschränkt. Eine Weiterbeschäftigung Stengers nach Jahresende hatte Zwanziger mit einem ebenso kühlen wie lakonischen Satz abschlägig beschieden: "Der Wunsch, den Vertrag zu verlängern, besteht nicht."

Auch im Wettskandal ohne Fortune

Auch die geplatzte Vertragsverlängerung von Bundestrainer Joachim Löw im Februar war nicht zuletzt dem verunglückten Management der Angelegenheit geschuldet. Zwanziger hatte viel zu voreilig die angebliche Verlängerung per Handschlag vermeldet und damit für heftige Irritationen gesorgt. Sowohl im Löw-Lager als auch bei dessen Gegnern.

Bereits im Fußball-Wettskandal Ende des vergangenen Jahres preschte er vor, redete die Dimension des Falls klein, nur um sie am nächsten Tag wieder aufzubauschen. Es herrschte das Gefühl vor, der Präsident habe unvermittelt das Gespür für das richtige Maß vollständig eingebüßt. Und dies alles kurz vor einer Weltmeisterschaft. Dem Ereignis aller Ereignisse im Fußball.

Der DFB-Boss selbst hat immer wieder betont, dass er sich in den vergangenen Monaten ungerecht behandelt gefühlt und die Berichterstattung ein Zerrbild des Präsidenten gemalt habe. "Das trifft mich sehr. Da gab es Dinge, die man nicht so leicht wegsteckt", sagte er noch in der Vorwoche der Deutschen Presse-Agentur. Innere Einkehr, das Eingestehen von Fehlern in der Schiedsrichteraffäre, ist ihm bis heute schwergefallen.

Den Verband aus der konservativen Ecke befreit

Als er im Mai eine Ausstellung im Berliner Rathaus zum Thema "Schwule und Lesben im Sport" eröffnete, fand er zwar wohlklingende Worte zu Toleranz und Antidiskriminierung. Die Gelegenheit, seine Rolle als unfreiwilliger Tabuisierer des Themas Homosexualität in der Schiedsrichteraffäre zu beleuchten, ließ er ungenutzt verstreichen. Der Präsident hat in seiner Amtszeit mehrfach dafür plädiert, dass ein Outing schwuler Fußballer in dieser Gesellschaft möglich sein müsse. Nach der Schiedsrichteraffäre scheint dies aber undenkbarer denn je.

Zwanziger hat den Deutschen Fußball-Bund modernisiert - darüber herrscht kein Zweifel. Er hat den Verband aus der stramm konservativen Ecke herausgeführt, hat das Bild eines reaktionären Altmännervereins korrigiert. Das ist der bisher größte Verdienst seiner Amtszeit. Dass der DFB vor einer Militärdiktatur einen Kotau macht wie einst unter Vor-Vor-Vorgänger Hermann Neuberger bei der WM 1978 in Argentinien - das wäre unter Zwanziger wohl undenkbar. Der Präsident hat in Israel einen viel beachteten Auftritt gehabt, er hat nicht zuletzt dem Frauenfußball die längst fällige Anerkennung verschafft. Theo Zwanziger kümmert sich um gesellschaftliche Themen, um den Nachwuchs, um politische Strippenzieherei.

Manchmal kümmert er sich zu viel.