DFB-Debakel Heimkehr mit hängenden Köpfen
Hamburg - Der Kapitän flüchtete entnervt aus dem Stadion in den Mannschaftsbus, die Mitspieler übten sich in Durchhalteparolen, und der Teamchef stellte sich selbst an den Pranger. Wie ein Häuflein Elend kauerte Rudi Völler auf dem Rückflug aus Rumänien auf seinem Gangplatz in Reihe 9, rätselte über die eigenen Fehler - und legte nach der Ankunft um 1.15 Uhr am Gepäckband im Kölner Flughafen ein Versprechen für die Zukunft ab. "Das ist mir eine Lehre, das wird mir in dieser Form nicht mehr passieren", erklärte der Teamchef, der sich Stunden zuvor beim desaströsen 1:5 (0:4) in Bukarest wie nie zuvor in seiner fast vierjährigen Amtszeit verzockt hatte.
"Die Hauptschuld trage ich", übernahm der 44-Jährige die volle Verantwortung für das Debakel, das 48 Tage vor dem Start in die Europameisterschaft völlig unerwartet kam und jede EM-Vorfreude raubte. Obwohl er um die gesundheitlichen Probleme seines mitgereisten Personals wusste, nominierte er bis auf Torwart-Debütant Timo Hildebrand keinen Spieler nach, damit die auch für die EM vorgesehene Gruppe unter sich blieb.
"Ein sehr, sehr großer Rückschlag"
Bemerkenswert naiv war zudem Völlers Versuch, die völlig indisponierten Mittelfeldspieler Carsten Ramelow und Jens Jeremies das Loch in der Innenverteidigung einer Vierer-Abwehrkette stopfen zu lassen. "Das war der Schlüssel", bekannte der Coach, der zudem erst reagierte, nachdem die deutsche Elf in rekordverdächtigen 23 Minuten vier Gegentore kassiert hatte und sich zur Pause in der Kabine von ihren Schwindelanfällen erholte.
Kapitän Kahn, der seit dem Bundesliga-Debakel des Karlsruher SC beim MSV Duisburg (2:6) in der Saison 1991/92 nicht mehr in so kurzer Zeit so oft hinter sich greifen musste, war zu diesem Zeitpunkt bereits restlos bedient. Der 34-Jährige räumte das Tor für Hildebrand, verzog sich in den Team-Bus und kehrte erst in den Schlussminuten wieder ins Rapid-Stadion zurück. "Für dieses Spiel gibt es überhaupt keine Entschuldigung. Wir haben uns richtig abschlachten lassen. Das war eine absolute Blamage und ein sehr, sehr großer Rückschlag", sorgte sich Kahn um die Realisierung der EM-Ziele.
Weitreichende Konsequenzen soll es laut Völler im Hinblick auf die Europameisterschaft weder für die geben, die an der "trostlosen Angelegenheit" (Innenminister Otto Schily) beteiligt waren - noch für die, die zum Teil in letzter Minute gekniffen hatten. Michael Ballack, Frank Baumann und Jens Nowotny kurierten auf der Ersatzbank ihre Blessuren für den Saison-Endspurt in ihren Clubs aus. Schließlich hatte Völler selbst tagelang das Ergebnis in Bukarest als "zweitrangig" bezeichnet - und damit ein verheerendes Signal gesetzt.
Therapie im Schwarzwald
Angesichts der historischen Dimension - nur vier Mal verlor die DFB-Auswahl mit mehr als vier Toren Unterschied - wurde das Resultat erstrangig. "Wenn wir 0:1, 1:2 oder 1:3 verloren hätten, hätten wir damit leben können, aber nicht mit einem 0:4 in einer Halbzeit. Das war unterirdisch. Ich hätte nicht gedacht, dass wir uns so abschießen lassen", sagte Völler. Vier Wochen lang wird das Debakel im Raum stehen bleiben, ehe der Teamchef seinen 23-köpfigen Kader beruft und diesen im südbadischen Winden nahe der "Schwarzwald-Klinik" zur Therapie und zweiwöchigen EM-Vorbereitung zusammenzieht.
"Es ist jetzt eine Charakterfrage, wie man das wegsteckt", zuckte Ballack nur wenige Minuten nach dem klar beantworteten Charaktertest von Bukarest hilflos die Schultern: "Jetzt muss man wieder aufstehen und Flagge zeigen." Auch den meisten Teamkollegen fiel nicht mehr ein als das pauschale Gelöbnis zur Besserung. "Ich hoffe, das war ein Schuss vor den Bug zur rechten Zeit", sagte Jeremies lapidar. "Wir müssen das schnell vergessen", forderte Ramelow nach der für ihn bestimmt unvergesslichen Nacht.
Obwohl der Leverkusener der krasseste Versager in der deutschen Zufallself war, bleibt er ebenso wie Jeremies im Hinblick auf die EM eine feste Größe. "Ich brauche Zeit, um über das Spiel und die Leistung des ein oder anderen nachzudenken", ließ Völler offen, ob er von seinen langfristig angelegten Personalplanungen noch abrücken wird. Diese sehen als EM-Aufgebot die Rumänien-Fahrer plus die noch verletzten Christian Wörns, Christian Rahn, Miroslav Klose und Andreas Hinkel vor. Das Rennen um den dritten Torhüter-Platz hinter Kahn und Jens Lehmann scheint der Stuttgarter Hildebrand gewonnen zu haben. Eine bereits diskutierte Reaktivierung von Abwehrspieler Thomas Linke (Bayern München) oder die Berücksichtigung des 18-jährigen Kölner Sturmidols Lukas Podolski ("Den Rest muss jetzt der Rudi machen") mögen nicht ungedingt Asse sein, die bei der Euro sofort stechen könnten.
Geschockte Alt-Internationale, gelassene Funktionäre
Ein düsteres Bild vom derzeitigen Leistungsstand des DFB-Teams zeichneten deshalb auch die Torjäger-Idole Gerd Müller und Uwe Seeler. "Da sind Fehler passiert, die gibt es normal gar nicht. Das muss man jetzt schnell vergessen. So etwas ist mir nie passiert. Wir haben höchstens 5:1 gewonnen", so der einstige "Bomber der Nation" Müller. Auch DFB-Ehrenspielführer Seeler konnte sich nicht an eine ähnlich schwache Vorstellung einer deutschen Mannschaft erinnern: "Die erste Halbzeit war eine Blamage. Ich kann mich nicht entsinnen, dass es so etwas schon einmal gegeben hat."
Den wohl größten Schock hatte DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder zu verdauen. "Das war eine Katastrophe. Rudi Völler tut mir Leid, aber ich tue mir auch selbst Leid", so der DFB-Chef. Selbst Bundesinnenminister Schily war erschüttert: "Irgendwann hatte man das Gefühl, unsere Mannschaft hat die Lust verloren. Ich glaube, den Tag kann man nur so schnell wie möglich vergessen."
Die Gefahr eines dauerhaften Image-Schadens durch die Niederlage wird beim DFB allerdings als gering angesehen. "Das 1:5 damals gegen England war ungleich dramatischer. Da war das Potenzial eines möglichen Schadens viel größer. Natürlich wird alles jetzt sauber analysiert, aber image- und marketingmäßig wird sich nichts ändern. Das wäre ja auch lächerlich. Das Thema Fußball ist viel breiter aufgestellt, als nur ein abendliches Ereignis", erklärte DFB-Marketingdirektor Horst Lichtner.