DFB Der Kaiser sägt an Ribbecks Stuhl
Frankfurt am Main - Ausgerechnet DFB-Vizepräsident Franz Beckenbauer hat in die Indizienkette für einen anstehenden Bundestrainer-Wechsel das entscheidende Glied eingebaut. Am Donnerstag beharrte der "Kaiser" auf seiner am Vortag gemachten, aber vom DFB dementierten Äußerung, dass Erich Ribbeck sein Amt nach der EM freiwillig zur Verfügung stellen wolle. Zugleich gab auch DFB-Präsident Egidius Braun nur eine ausweichende Antwort auf die Frage, wer nach den Titelkämpfen die sportliche Leitung beim DFB übernimmt. "Die Frage eines eventuellen Nachfolgers für Erich Ribbeck ist noch nicht diskutiert", sagte der 75-Jährige dem "Kicker" (Donnerstagausgabe) und räumte ein, sich "große Sorgen" um die DFB-Auswahl zu machen.
Beckenbauer hatte im gleichen Blatt seine Aufsehen erregende Aussage bekräftigt, nach der Ribbecks Abschied fest stehe. "Erich Ribbeck hat erklärt, dass er nach der EM aufhört", sagte er und bestätigte auf Nachfrage: "Ja, das hat er getan, so wie ich mich erinnere. Also wird der DFB gezwungen sein, einen neuen Bundestrainer zu suchen."
Mit seinem doppelten Vorstoß hat Beckenbauer offensichtlich bewusst und gewollt die Strategie des DFB über den Haufen geworfen, die brennende Trainerfrage bis nach der EM totzuschweigen. Damit degradierte der Bayernpräsident Ribbeck zum Teamchef auf Abruf, dessen Amtszeit bereits in 40 Tagen nach einem drohenden Vorrunden-Aus am 20. Juni in Rotterdam gegen Portugal bei der EM enden könnte. Der Teamchef muss nun einen weiteren Autoritätsverlust bei den Spielern befürchten.
Zugleich brachte Beckenbauer den DFB und seinem bislang handlungsunwilligen Präsidenten in Zugzwang. Braun hatte geglaubt, die von allen Seiten geforderte Grundsatzdebatte über die verkrustete Trainer-Struktur im DFB könnte bis nach den Titelkämpfen hinausgezögert werden.
Nun aber steckt Braun vor der letzten richtungweisenden Personalentscheidung seiner in einem Jahr endenden Amtszeit im Dilemma. Die Theorie von Ribbecks Chance auf eine Weiterbeschäftigung ist zusammengebrochen, einen Nachfolger kann oder will er noch nicht präsentieren. "Es wäre im höchsten Maße unanständig und unmoralisch, wenn ich einem Trainer einen Floh ins Ohr setzen würde, um zu sehen, wie er aus seinem Vertrag mit seinem Verein kommt", schilderte Braun die für ihn verzwickte Situation. Gespräche mit potentiellen Kandidaten seien deswegen nicht aufzunehmen.
Der DFB-Chef betonte, mit den von Beckenbauer favorisierten Jupp Heynckes und Otto Rehhagel aktuell keine Verhandlungen geführt zu haben. Die derzeit erfolgreichsten Bundesliga-Trainer, Ottmar Hitzfeld und Christoph Daum, scheiden nach Beckenbauers Ansicht für eine Nachfolge aus: "Christoph Daum will sicherlich das Werk vollenden, das er in Leverkusen begonnen hat. Er ist auch noch viel zu jung, zu ehrgeizig. Ottmar Hitzfeld würde von mir als Bayern-Präsident nie die Freigabe bekommen." Auch Hitzfeld selbst bekräftigte am Donnerstag, seinen bis 2003 datierten Vertrag beim deutschen Rekordmeister zu erfüllen.
Als mögliche Kandidaten brachte Braun neue Kräfte ins Gespräch. "Warum sollten wir nicht, wenn sich denn die Frage stellen würde, auch einem herausragenden jungen Mann die Chance geben - wie die Holländer es mit Frank Rijkaard getan haben?" Für eine solche Lösung würden sich vor allem Rekordnationalspieler Lothar Matthäus und Dortmunds Co-Trainer Matthias Sammer anbieten. Zu beiden Personen hat sich Braun in der Vergangenheit betont positiv geäußert. Auch Ribbeck nannte, wenn er auf seine Nachfolge angesprochen wurde, wiederholt Matthäus als durchaus geeigneten Kandidaten.
Braun verteidigte in seiner ersten Stellungnahme seit der Trennung von Uli Stielike die Ablösung des Assistenztrainers und die vielfach kritisierte Nominierung von Horst Hrubesch als dessen Nachfolger. "Ich stehe voll zu dieser Entscheidung", kommentierte der Verbandspräsident die Ablösung von Stielike, dem Braun dessen jüngste Interview-Aussagen übel genommen hatte. "Ich kann nicht nachvollziehen, warum er wieder an die Öffentlichkeit getreten ist. Auch nachdem er sich beschwert hatte, als ich ihn im ZDF-Sportstudio in gleichem Atemzug mit Erich Ribbeck genannt hatte, war Handlungsbedarf geboten", erklärte Braun.