Marko Marin: Ein Mann für gewisse Halbzeiten
DFB-Dribbler Marin Kleiner Mann, große Nummer
Vor zwei Jahren dribbelte ein kleiner Mann mit kurzen Beinen durch das Mittelfeld des Zweitligisten Borussia Mönchengladbach. Er ließ seine Gegenspieler aussteigen, schlug Haken, zog nach außen und dann doch innen vorbei. Der kleine Mann heißt Marko Marin, ein Hänfling zwar, aber auch ein großer Künstler am Ball. Furchtlos und gewitzt im direkten Duell mit dem Verteidiger, eine seltene Begabung. Sein Berater nannte ihn den "Fußballer der Zukunft".
Die Gegenwart aber war grausam. Marin, 19, war von Joachim Löw überraschend in den vorläufigen DFB-Kader für die Euro 2008 berufen und dann doch gestrichen worden. Marin, 1,68 Meter groß, galt als zu klein, zu schmächtig und vielleicht auch zu unerfahren für ein großes Turnier. Aber er hätte auch den Unterschied machen können bei der EM: in taktischen Schlachten, in neutralisierten Partien. Und deshalb war die Wahrheit eine andere: Marin musste zu Hause bleiben, weil dem Bundestrainer der Mut fehlte, ein Experiment zu wagen.
Zwei Jahre später sitzt Marko Marin auf dem Podium des deutschen Pressezentrums in Pretoria und sagt: "Ich hoffe, dass ich am Sonntag in der Startelf stehe." Er kam immerhin in der zweiten Halbzeit. Der Fußballer der Zukunft lächelt, er scherzt mit Lukas Podolski, er wirkt entspannt und genießt die Gegenwart. Der Bundestrainer setzt jetzt auf ihn, dabei ist Marin keinen Zentimeter gewachsen. Er ist immer noch derselbe Spieler, der in Mönchengladbach den Gegnern Knoten in die Beine spielte. Nur zwei Jahre älter.
Aber es ist ja auch nicht Marin, der sich verändert hat.
Dass Marko Marin plötzlich ein fester Bestandteil des DFB-Teams ist, hat ausgerechnet mit einem Spiel zu tun, das sich der Mittelfeldspieler im Fernsehen anschauen musste. Im Viertelfinale der EM 2008 gegen Portugal stellte Joachim Löw seine Mannschaft von einem 4-4-2-System auf ein 4-2-3-1 um. Bis heute hat sich an dieser Grundformation nichts geändert. Zwei zentrale Absicherungen vor der Abwehr und hinter drei Freigeistern - das DFB-Mittelfeld ist um eine Position gewachsen. Es sind jetzt offensive Außen gefragt, schnelle, ballsichere Wagemutige, die mit ihren Dribblings Lücken in die gegnerische Abwehr reißen, um dann selbst abzuschließen oder die zentrale Spitze mit Flanken füttern. Spieler wie Marin.
Bremer Blöckchen könnte den Unterschied machen
Während im 4-4-2 Marins Schwächen sichtbar wurden (Balleroberung, Zweikampf), kommen im modifizierten System seine Stärken zum Tragen. "Das System ist perfekt für mich", sagt Marin. Er könne nach innen ziehen, aufs Tor schießen oder Flanken schlagen. Ob er links oder rechts spielt, ist ihm dabei egal. Gegen Australien, so Marin, sei das Spiel über Außen ausschlaggebend, "es wird sehr eng, wir müssen Lücken reißen". Es klingt dann auch wie eine Bewerbung für die Startelf, als Marin darauf hinweist, "dass wir bei Werder Bremen das gleiche System spielen".
Dass sein Nebenmann hier wie dort Mesut Özil heißt, ist ebenfalls ein Vorteil für den 21-Jährigen. Der Bundestrainer hat sich vor der WM für eine Blockbildung entschieden, die vielerorten auf einen Bayern-Block reduziert wurde. Dabei ist das Bremer Blöckchen mit Özil und Marin das potentiell kreativste in der deutschen Mannschaft. In den Tests gegen Ungarn (3:0) und Bosnien-Herzegowina (3:1) war Özil dann am stärksten, wenn er Marin neben sich hatte.
Die Frage ist aber auch: Wann ist Marin am stärksten?
Die letzten Testspiele vor der WM ergeben neben einer erfolgreichen Saison mit Werder (14 Torvorlagen in 32 Spielen) und guten Trainingsleistungen in der Vorbereitung eine herausragende Bewerbungsmappe. Löw müsste sich nicht rechtfertigen, wenn er Marin gegen Australien eine Chance in der Startelf gibt. Aber er würde paradoxerweise dem Bremer damit keinen Gefallen tun.
Denn so, wie Marin das passende System für sein Spiel braucht, so gut tun ihm auch Gegenspieler, denen die Belastungen einer Halbzeit in den Knochen stecken. Marin, auch das haben die Tests gegen Ungarn und Bosnien gezeigt, ist der perfekte Unruhestifter und Aufrüttler, er kann eine Aufholjagd einleiten oder die Entscheidung bringen. Er ist ein Mann für gewisse Halbzeiten. Zweite Halbzeiten, wie beim Spiel gegen Australien.
Wie Joachim Löw mit Marin plant, wird sich wohl erst am Tag des ersten Gruppenspiels herausstellen. Fest steht: Marin wird mit der Entscheidung leben können. Ob von Beginn an oder als erste Joker-Option - der Bremer ist im DFB-Team 2010 eine feste Größe.