DFB-Gegner Argentinien: Maradonas wacklige Abwehr - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Fotostrecke

Argentiniens Problem-Abwehr: Diegos Sorgenkinder

Foto: ENRIQUE MARCARIAN/ REUTERS

DFB-Gegner Argentinien Maradonas wacklige Abwehr

Messi, Higuaín, Tévez - vor dem WM-Viertelfinale gegen Deutschland macht vor allem Argentiniens Traumsturm Schlagzeilen. Der exzellente Angriff lenkt vom größten Problem des Titelfavoriten ab: der anfälligen Abwehr, in der vor allem ein Bundesliga-Star immer wieder Aussetzer hat.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Diego Maradona wollte nicht mit sich diskutieren lassen. "Ich sag euch jetzt mal was", leitete Argentiniens Coach nach dem 4:1-Vorrundensieg gegen Südkorea seine Pressekonferenz ein. "So ein Fehler, wie er Martin unterlaufen ist, kann jedem mal passieren." Punkt. Weitere Nachfragen zur teils fahrigen argentinischen Abwehr wollte Maradona nicht beantworten. Stattdessen philosophierte er lieber über seine überragende Offensive um Lionel Messi und den dreifachen Torschützen gegen Südkorea, Gonzalo Higuaín.

Die Szene, über die Maradona partout nicht sprechen wollte, ereignete sich unmittelbar vor der Halbzeitpause, als Argentiniens Martin Demichelis unbedrängt am eigenen Strafraum den Ball an Chung-Yong Lee verlor. Der kapitale Fehler des Bayern-Verteidigers ermöglichte Südkorea den 1:2-Anschlusstreffer. Es war nicht die einzige Situation im bisherigen WM-Turnier, in der sich die argentinische Defensive als Wackel-Abwehr präsentierte. Es ist Maradonas Glück, dass bislang fast nur sein Ausnahmesturm Schlagzeilen produzierte und damit von Kollegen in der Verteidigung ablenkte.

Zu langsam und zu unbeweglich: Das sind die beiden Hauptvorwürfe gegen Maradonas Defensive. Demichelis hat trotz wiederkehrender Patzer ebenso eine Stammplatzgarantie wie Gabriel Heinze und Walter Samuel, die ihren Zenit längst überschritten haben. Defensivspezialisten wie Esteban Cambiasso und Javier Zanetti von Inter Mailand, die beide eine ganz starke Saison bei den Italienern hinter sich haben, sortierte Maradona für die WM hingegen aus. Daher ist es nicht verwunderlich, dass er vor dem Viertelfinale gegen Deutschland am Samstag (16 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) seine ideale Abwehr noch immer nicht gefunden hat.

Innenverteidiger in der Außenverteidigung

Viermal trat Argentinien in Südafrika bislang an, fast immer mit einer anderen Formation in der Viererkette. Auf den zwei Außenpositionen durften sich mit Heinze, Jonás Gutiérrez, Nicolás Otamendi und Clemente Rodríguez bislang vier Spieler versuchen, alle mit überschaubarem Erfolg. Das Problem: Keiner von ihnen ist gelernter Außenverteidiger, Rodríguez spielt normalerweise sogar im Mittelfeld. Heinze etwa bildete zudem bei der WM 2006 in Deutschland noch gemeinsam mit Roberto Ayala das Duo in der Innenverteidigung.

Weil bei Argentinien keine Spezialisten auf den Außenverteidiger-Positionen spielen, kommen von dort auch kaum Akzente - geschweige denn Vorstöße für die Offensive. Ein Umstand, den Maradona in Kauf nimmt. Für die Spieleröffnung sind andere zuständig, etwa Kapitän Javier Mascherano oder Juan Sebastián Verón, die den Traumsturm um Messi mit Bällen füttern sollen. Maradona geht es bei der Besetzung seiner Abwehr auch weniger um spektakuläre Flankenläufe seiner Außenverteidiger als vielmehr um die Stärkung der schwächelnden Innenverteidigung.

Dort, im Abwehrzentrum, ist Demichelis trotz wiederkehrender Patzer gesetzt, bestritt bislang alle WM-Spiele. In den vier Partien kassierte Argentinien zwei Gegentore, beide verschuldete Demichelis - neben dem Aussetzer gegen Südkorea auch den Treffer Mexikos beim 3:1-Sieg im Achtelfinale. "Demichelis hat immer mal wieder solche Böcke drin. Das ist sein Problem", sagt dessen ehemaliger Mitspieler und jetzige TV-Experte Oliver Kahn.

Schwaches Stellungsspiel und fehlende Schnelligkeit

Vor allem im Stellungsspiel offenbart Demichelis bislang große Schwächen. Ein Problem, das er mit seinem Partner in der Innenverteidigung, Samuel, ebenso teilt wie mit Heinze. Zweites Handicap der drei: Sie sind langsam, haben insbesondere mit schnellen Gegenspielern arge Probleme. Für die flinke deutsche Offensive um Thomas Müller, Mesut Özil und Lukas Podolski eine Schwachstelle, die es zu nutzen gilt. Allerdings bleibt abzuwarten, ob der jüngst am Oberschenkel verletzte Samuel gegen die DFB-Elf auflaufen kann oder ob er erneut von Nicolás Burdisso ersetzt wird.

Auf der Torhüterposition gilt für Argentinien gleiches wie für Deutschland: Sergio Romero ist ebenso wie Manuel Neuer jung und unerfahren. Aber während sich der DFB-Torhüter schon mehrfach bei dieser WM auszeichnete, konnte Romero noch nicht nachhaltig auf sich aufmerksam machen, was nicht zuletzt an den bislang schwachen argentinischen Gegnern lag.

Für die "Albiceleste", wie Argentiniens Auswahl aufgrund ihrer weiß-blauen Trikots genannt wird, ist Deutschland nach Nigeria, Südkorea, Griechenland und Mexiko der erste große Gegner bei dieser WM. Bislang spielten die Südamerikaner gegen Teams, die nicht gerade mit starkem Offensivdrang in Südafrika für Furore sorgten. Dies erklärt, dass Argentinien erst zwei Gegentore hinnehmen musste. Unter Druck, wie zeitweise gegen Nigeria und Mexiko, wirkte die argentinische Defensive häufig unorganisiert und anfällig.

Ausgerechnet Demichelis sagt: "Ein einziger Fehler kann das Aus bedeuten." Er selbst hat mit Fehlern ja schon seine Erfahrungen bei dieser WM gemacht.