DFB-Gegner Wales "Alles oder nichts"
Im J.J.B. Sports Palace fällt helles Neonlicht auf die Fankollektion der walisischen Nationalmannschaft. Der Fußball-Nationalmannschaft, wie man ergänzen muss, denn in Wales ist Rugby nach wie vor deutlich populärer als des Deutschen liebste Sportart. Alle Artikel von der Trainingshose bis zum Trikot sind heruntergesetzt - um bis zu 30 Prozent. Die Devotionalien der Rugbykollegen gehen zum vollen Preis über die Ladentheke des Shops in der Cardiffer Innenstadt.
Paul, ein älterer Herr mit Halbglatze, schaut sich gerade die aktuelle Kollektion von Celtic Glasgow an. Nein, der walisische Fußball interessiere in Wales kaum jemanden, sagt er und deutet auf die überquellenden Auslagen von Manchester United und Chelsea: "Meine Kinder gehen hier zur Schule. Kaum jemand ist für die einheimische Mannschaft Cardiff City - auch mein Sohn nicht, der ist Liverpool-Fan."
Ganz schlecht ist Paul auf Nationaltrainer John Toshack zu sprechen: "Gehen Sie mal raus auf die Straße, sie werden keinen finden, der den Mann noch als Trainer will. Schon gar nicht nach diesem Spiel." Paul will jetzt über Michael Ballack reden und über "Kloss" (Miroslav Klose). Verletzt sei der? "Well, dann gewinnt ihr Deutschen eben nur 5:0."
Das Match, das Paul und seine Landsleute so traumatisiert hat, fand am vergangenen Samstag gegen Finnland statt. Es ging 0:2 verloren - die Chancen, doch noch die WM-Qualifikation zu schaffen, sind seither minimal. Im riesigen Millenium-Stadium, in dem auch an diesem Mittwoch (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) gespielt wird, verteilten sich auf die 74.500 Sitze nur 22.600 Fans.
Bundestrainer Joachim Löw hat dennoch vor allem wegen der kämpferischen Tugenden der Waliser Respekt vor dem Gegner, der sich vor dem wohl spärlicheren Publikum rehabilitieren wolle: "Wenn sich die Briten in der Ehre getroffen fühlen, sind sie gefährlich." Das gelte besonders für die Waliser, "die werfen sich in jeden Schuss".
Einer der Zeugen des Finnland-Dramas war Rafiq, der im multikulturell geprägten Innenstadtviertel Riverside unweit des Stadions wohnt: "Die Leute hier haben die Nase voll. Man hat den Eindruck, die Jungs wissen gar nicht, was sie machen sollen, wenn sie den Ball haben. Das wird ein leichtes Spiel für euch." Auch Rafiq, dessen Eltern aus Bangladesh stammen, kennt den Schuldigen: "Der Trainer, wer sonst?"
Dabei gilt Toshack als Freund und Förderer der Jugend - was für ihn den Nachteil hat, dass mancher medial gut vernetzte Altgediente nach Leibeskräften über ihn herzieht. Keine gute Rolle spielt dabei Craig Bellamy, 29, von Manchester City, der einzige Star des Teams, der in den vergangenen Wochen auch nicht davor zurückschreckte, einzelnen Spielern öffentlich die Eignung fürs Nationalteam abzusprechen.
Natürlich hat Toshack auch Fürsprecher im Team. Wenig überraschend: Es sind die jüngeren Spieler wie Swansea-City-Verteidiger Ashley Williams, 24, die immer wieder betonen, dass das Rennen um die WM-Plätze noch offen sei: "Die Deutschen sind natürlich ein Weltklasseteam, aber wir wollen dieses Spiel gewinnen, warum sollten wir sonst überhaupt auflaufen?"
Auch der als besonders talentiert geltende Aaron Ramsey, 18, der zu Beginn der Saison für fünf Millionen Pfund von Cardiff City unter die Fittiche von Arsène Wenger beim FC Arsenal wechselte, macht sich für Toshack stark. Der Mittelfeldmann dürfte gegen Deutschland in die Stammformation rutschen und ist sich sicher, dass die konsequente Verjüngung im Team Früchte tragen wird: "Ich glaube, dass dem walisischen Fußball eine große Zukunft bevorsteht, wir haben eine ganze Reihe junge Spieler, die kurz vor dem Durchbruch stehen."
Toshack macht sich jedoch nicht nur durch seine Personauswahl angreifbar. Er gilt als sturer Verfechter einer massiven Deckung (gerne mit drei zentralen Verteidigern) mit nur einer Spitze. Der ehemalige Nationalspieler ließ auch gegen Finnland 4-5-1 spielen - in einem Match, das sein Team hätte gewinnen müssen. Wenn er es an diesem Abend doch mit einem zweiten Stürmer probieren sollte, dann wohl nur aufgrund des öffentlichen Drucks. Der seit 2004 amtierende Coach ließ auf einer Pressekonferenz am Dienstagnachmittag schon einmal durchblicken, dass ihm die Niederlage gegen Finnland peinlich ist: "Wir haben die Leute enttäuscht, da kann man sich nur entschuldigen. Ich werde die Fans nie dafür kritisieren, dass sie mich kritisieren. Gegen Deutschland haben wir die Chance, ein bisschen von unserem Stolz wieder zu erlangen."
Dafür ist es zu spät, wie Paul aus dem Sportladen findet: "Sie haben nur eine Chance, wenn sie alles oder nichts spielen. Das ist so offensichtlich, dass es sogar Toshack verstehen wird."