DFB: Jérôme Boateng ist Nationalspieler des Jahres - DER SPIEGEL
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Nationalspieler Boateng: Vom Leichtfuß zum Unverzichtbaren

Foto: CHRISTOF STACHE/ AFP

DFB-Verteidiger Boateng Der Nationalspieler des Jahres

Bejubelt wurden nach dem WM-Triumph andere, aber der konstanteste Nationalspieler 2014 war Jérôme Boateng. Der Münchner Verteidiger hat auch nach der WM nicht nachgelassen, mittlerweile ist er der beste Abwehrspieler in Deutschland.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wer Jérôme Boateng zuhört, kann sich leicht täuschen lassen. Boateng spricht gemessen, man kann auch sagen langsam, ohne eine Miene zu verziehen. Er wirkt unauffällig. Auf dem Platz steht dann aber ein Mann, der in all seinen Bewegungen, in jeder Szene Dominanz ausstrahlt, Souveränität, Herrschaft über die Situation. Der Verteidiger des FC Bayern München hat eine überragende Länderspielsaison hinter sich. Konstant und brillant gleichermaßen.

Unter all den Weltmeistern gehört er nicht zu denjenigen, die von der Öffentlichkeit am meisten bejubelt werden. Er ist nur der Nationalspieler des Jahres.

Das Länderspiel in Spanien zum Jahresabschluss musste Boateng wegen Oberschenkelproblemen passen, so bleibt er am Ende bei insgesamt genau 50 Länderspielen stehen, eine runde Zahl für ein abgerundetes Jahr. "Es ist unglaublich, welchen Sprung er allein in diesem Jahr noch gemacht hat", sagt Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff. Boateng sei "unglaublich diszipliniert", es sei "beeindruckend, wie er nach der WM einfach weitergemacht hat".

Lange hing ihm das Image des Leichtsinnigen an

Tatsächlich gehört der 26-Jährige zu denjenigen, die nach dem Triumph von Rio nicht in ein Leistungsloch gefallen sind. Im Gegenteil: Seitdem wirkt er noch stabiler. Bundestrainer Joachim Löw hält ihn mittlerweile für "unverzichtbar".

Dass das nicht immer so war, hängt ihm bis heute nach. Boateng, der Leichtsinnige, Boateng, der Unbedachte, Boateng, der Undisziplinierte - obwohl er schon bei der WM in Südafrika zum Stamm gehörte, blieb der Abwehrspieler ein Wackelkandidat im DFB-Dress. Wie er in seinem ersten Länderspiel in Russland nach einem ungeschickt geführten Zweikampf gleich mit der Roten Karte belegt worden war, hat das öffentliche Boateng-Bild lange geprägt.

Sieben Platzverweise hat er in seiner Karriere gesammelt. Das klingt nach viel. Dass darunter mehrere Situationen waren, in denen Boateng versuchte, per Foul zu retten, weil Vorderleute zuvor Fehler gemacht hatten, erfasst die Statistik nicht.

Mittlerweile stehen bei dem Verteidiger andere Zahlen im Vordergrund: 86 Prozent seiner Zuspiele kommen an, das ist ein Spitzenwert. Mit rund 600 gespielten Pässen liegt er in dieser Saison in den Top Ten der Liga, und das, obwohl Boateng mittlerweile dafür bekannt ist, auch riskante Pässe zu spielen, sich etwas zuzutrauen. Die weiten Diagonalbälle über die Abwehr auf die Flügel beherrscht kein deutscher Abwehrspieler so gut wie er.

Er ist nie zufrieden, nicht mal nach dem WM-Triumph

Im Länderspiel gegen Gibraltar, das den Bundestrainer so verärgert hat, war der Innenverteidiger Boateng fast der gefährlichste Offensivmann, stand mehrfach vor seinem ersten Länderspieltor. Das Portal transfermarkt.de schätzt seinen Marktwert mittlerweile auf gut 35 Millionen Euro. Vor einem Jahr lag sein Wert noch bei 20 Millionen Euro. Kein anderer Nationalspieler hat so einen Sprung nach oben gemacht.

"Ich hab nach wie vor Riesenlust auf Fußball, ich freue mich auf jedes Training, jedes Spiel", vermutet Boateng als Geheimnis seines Erfolges. Der Bundestrainer nennt ihn als vorbildlich für die Einstellung, "sich nie zufrieden zu geben, nicht einmal mit einem Weltmeistertitel". Seine coole, ruhige Spielweise wird manchmal unterschätzt. Auch ein Grund, warum nach dem WM-Titel eher andere hochgelobt wurden: der Schmerzensmann Bastian Schweinsteiger, der Endspieltorschütze Mario Götze, der Torwartlibero Manuel Neuer.

Die Qualität, einfach gut durchzuspielen, ohne Schwankungen, ohne Leistungsabfälle, in jedem Spiel das zu zeigen, was er kann, ein gewisses Niveau nicht mehr zu unterschreiten - das hat neben Neuer in dieser Saison nur Boateng vollbracht. Der beim FC Bayern mittlerweile so wertvoll ist, dass ihn sein Trainer Josep Guardiola auch auf den Platz schickte, als er aufgrund von Adduktorenproblemen eigentlich eine Pause gebrauchen konnte.

Für Neuer ist sein Bayern-Vordermann mittlerweile "einer der besten Innenverteidiger der Welt, wenn nicht der beste", adelte er ihn im "Kicker". So langsam spricht sich das herum.