DFB-Keeper Neuer: Löws letzter bester Mann - DER SPIEGEL
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Nationaltorhüter Neuer: Schalker Jung zwischen den Pfosten

Foto: Phil Cole/ Getty Images

DFB-Keeper Neuer Löws letzter bester Mann

Manuel Neuer wird das DFB-Tor bei der WM in Südafrika hüten - und krönt damit eine starke Saison. Dabei war nicht nur seine Leistung bei Schalke ausschlaggebend: Der Keeper kann nicht nur Bälle halten, sondern auch Fußball spielen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es gibt nicht viele Torwartschulen in Deutschland, berühmt ist eigentlich nur eine: die sogenannte Gerry-Ehrmann-Torwartschule. Ihr Namensgeber Gerald Ehrmann war als Aktiver ein Kraftprotz, der "Tarzan" genannt wurde und für Kaiserslautern fast 300 Bundesliga-Spiele bestritt. Seine Schule hat viele Talente hervorgebracht, kräftige Männer mit schnellen Händen - und kleineren Problemen mit dem Fuß. Roman Weidenfeller ist einer, Florian Fromlowitz ein anderer. Der prominenteste Schulabgänger heißt Tim Wiese, seit Freitag Deutschlands Nummer zwei.

Weitgehend unbekannt ist hingegen die Lothar-Matuschak-Torwartschule, aber das dürfte sich nun ändern. Matuschak ist Torwarttrainer in der A- und B-Jugend des FC Schalke 04 und in dieser Position verantwortlich für die Entwicklung eines Keepers, der als unglaublich talentiert gilt mit den Händen, aber auch mit den Füßen: Manuel Neuer, seit Freitag Deutschlands Nummer eins.

Wenn man so will, hat nicht nur Neuer gegen Wiese gewonnen, sondern auch Matuschak gegen Ehrmann.

Im Trainingslager auf Sizilien, als noch nicht klar war, dass der 24-Jährige in Südafrika zwischen den Pfosten stehen wird, hat Manuel Neuer viel über diesen Lothar Matuschak gesprochen. Über dessen "Gesamtkonzept", jedes Training mit dem Fuß zu beginnen, sich mit dem Ball warmzumachen, Passfolgen und lange Bälle zu üben, "um sicher zu werden mit links und mit rechts". Wer dann in Sciacca das DFB-Training beobachtete, sah einen Neuer, der einen langen Ball von Torwarttrainer Andreas Köpke mühelos mit dem Fuß stoppte. Immer wieder.

Entscheidung mehr als konsequent

Es ist deshalb nur eine konsequente Entscheidung, die Andreas Köpke am Freitag im Pressezelt in Südtirol verkündete. "Wir werden mit Manuel in die WM gehen", sagte der Bundestorwarttrainer. Neuer habe ein "Riesenpotential", das ist die offizielle Begründung außer dessen "toller Saison".

Der Schalker ist aber auch, und das sagt Köpke nicht, die einzige logische Wahl. Er fügt sich nahtlos ein in das Profil der Stammtorhüter der Klinsmann-Löw-Ära. Jens Lehmann, René Adler, fußballerisch sehr gut ausgebildete Schlussleute mit der Fähigkeit, ein Spiel nicht nur mit Paraden zu entscheiden, sondern auch zu eröffnen.

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Foto: picture-alliance/ dpa

Schon im Trainingslager in Sizilien sah man einen entspannten Manuel Neuer, viel entspannter jedenfalls als Tim Wiese, der das Duell um das deutsche Tor schon mal martialisch mit den Worten umschrieb, er wolle kämpfen, "bis das Blut aus den Ohren tropft". Ganz anders der Rivale: Er habe "eine sehr gute Saison gespielt", sagte Neuer ruhig, "generell wäre es eine Enttäuschung, wenn ich nicht die Nummer eins werde".

Es ist diese Mischung aus Selbstvertrauen und Ruhe, die Neuer auf dem Platz von Kritikern als Phlegma ausgelegt wird. Aber auch das perlt an ihm ab. "Die Kritiker sind entweder für einen oder gegen einen", sagte Neuer. Mit der angeblich fehlenden internationalen Erfahrung ist das nicht anders. Die einen sagen, er habe erst drei A-Länderspiele, Neuer argumentiert, er habe alles geschafft, was bisher möglich gewesen sei: "Ich habe eine U21-Europameisterschaft gespielt, die quasi einen Olympia-Charakter hatte. Ich habe Champions League gespielt, Europa League, mehr konnte ich ja nicht machen." 2008 wurde er als bester europäischer Torwart nominiert, 2009 für die Uefa-Elf des Jahres. Jeweils als einziger Deutscher.

Am Anfang fehlten ihm zehn Zentimeter

Neuer ist jetzt am Ziel. Aber wer ihn ein bisschen kennt, weiß, dass die Position der Nummer eins beim DFB nur ein weiterer Schritt ist in der Karriere. Immer vorwärts, kein Blick zurück - er hat es schon immer so gehalten.

Der junge Manuel Neuer, 1986 in Gelsenkirchen geboren, war körperlich nie der Größte. "Ich kam sehr spät in die Pubertät", erzählt er. Für den Torhüter war beides in den Jugendteams nicht von Vorteil. Die Stimme war piepsig und die Konkurrenz meist deutlich größer. "Einige waren schon 1,80, da war ich noch 1,70. Die zehn Zentimeter haben dann oft gefehlt."

Technisch indes war Neuer schon damals einer der Besten, aber das Scouting-System des DFB kann auch gnadenlos sein. Es gibt ein Raster, ein Torwart muss groß sein - und ein kleiner Torwart umso talentierter und engagierter. "Ich habe nie gedacht, dass ich irgendwann mal Profi werde. Ich habe mir in den Jugendmannschaften immer kleine Ziele gesetzt, um weiterzukommen, es wurde viel aussortiert." Als Neuer nicht mit in die B-Jugend genommen werden sollte, kam ihm Lothar Matuschak zur Hilfe. Er hatte das Talent längst erkannt.

Schalke, der Club seiner Heimatstadt und seines Herzens, wurde zum nächsten Ziel, 2006 löste er Frank Rost als Stammtorwart ab. Er ist es bis heute geblieben, auch weil er Spiele gezeigt hat wie im Champions-League-Achtelfinale 2008 gegen den FC Porto, als Neuer zwei Elfmeter parierte. Doch auch die Kritiker hatten immer wieder etwas zu schreiben, denn der Schalker leistete sich auch schwere Aussetzer wie beim 2:4 gegen Hannover 96. Ausgerechnet sein Vorbild, der Ex-Schalker Jens Lehmann, riet Löw deshalb ab, Neuer zur Nummer eins zu machen. Der habe "zu viele Fehler gemacht".

Löw blieb unbeirrt, schließlich überragte Neuer bei seinem ersten großen Turnier, der U21-EM in Schweden 2009, und gewann den Titel. Dort betreute ihn der Torwarttrainer Kurt Kowarz und nannte ihn "talentierter als Sepp Maier und Oliver Kahn". Neuer, prophezeite Kowarz, werde bald die Nummer eins in Deutschland.

Ein Jahr später hat er Recht behalten.