DFB Mayer-Vorfelder König ohne Macht
Dass Gerhard Schröder zusagte, war Ehrensache. Denn auch für die neue Mitte gilt: Wenn der Deutsche Fußball-Bund (DFB) zu seinem Bundestag lädt, kommt der Kanzler. Ganz Staatsmann, wird der ehemalige Mittelstürmer des TuS Talle am Freitag die Versammlung im Magdeburger Theater eröffnen, und auch die Philharmonie der Landeshauptstadt wird sich beim Festakt mächtig ins Zeug legen: Zum Vortrag kommen Verdi, Beethoven und Wagner.
In Reihe eins, direkt neben dem Regierungschef, wird dann ein Mann das Kreuz durchdrücken, der sich in diesem Moment im Zenit einer langen Polit- und Funktionärskarriere wähnt. Denn tags darauf soll Gerhard Mayer-Vorfelder, 68, zum neuen Präsidenten des DFB gewählt werden. Endlich.
Der CDU-Recke darf Braun nun auch offiziell beerben
Als Vertreter des erkrankten Egidius Braun durfte der CDU-Recke schon Probe sitzen auf dem Thron. Doch was er da unlängst erlebte, war nicht die reine Freude. Mayer-Vorfelder hatte sich berufen gefühlt, die Lage der Fußball-Nation zu analysieren. Erst bekrittelte er die fortschreitende Kommerzialisierung des Profitums ("Einige Vereine fahren an die Wand"), dann bot er sich "an einem runden Tisch" als Schlichter im Streit zwischen Fan-Vertretern der Protestbewegung "Pro 15:30" und Fernsehmanagern an.
Prompt passierte, was bislang kein DFB-Chef hinzunehmen hatte. In seinem frisch bezogenen Büro in der Stuttgarter Kriegsbergstraße klingelte das Telefon, am Apparat war Werner Hackmann. "So geht das nicht", blaffte der Präsident des Liga-Verbandes, des neuen Selbstverwaltungsorgans der Bundesliga und Mayer-Vorfelder war, wie vergnügte Club-Manager jetzt einander zuraunen, "so klein mit Hut".
Der Profifußball gehört nicht zum MV-Reich
Über die 36 Profivereine, so machte Hackmann fernmündlich klar, habe der DFB-Regent nicht mehr zu richten. Dem neunten Präsidenten in der 101-jährigen Geschichte des Verbandes muss an diesem Tag bewusst geworden sein, dass das hohe Amt, auf das er mit viel Beharrungsvermögen hingearbeitet hatte, bei weitem nicht mehr so bedeutend ist wie in der Ära seiner Vorgänger "MV" wird ein König ohne Macht sein.
Längst sind es andere, die den Ton angeben in diesem globalen Spiel: Die glatten Marketingmenschen von Ufa Sports, die in den Geschäftsstellen von HSV und Hertha, in Dortmund und Nürnberg ganze Etagen besiedeln; die Rummenigges, die sich wie Konzernmanager mit ihren Kollegen von Real Madrid oder Manchester United austauschen; die Kirch-Jünger, die mal eben festlegen, wie man die Ware Bundesliga betriebswirtschaftlich vernünftig auf eine Woche portioniert; oder die EU-Kommissare, die schlankweg die Transferregeln aus den Angeln heben.
"Ein Steuermann mit viel Erfahrung"
Gerade weil sich die Macht so weit weg verschoben hat vom DFB, glaubt Mayer-Vorfelder, sei einer wie er vonnöten, "ein Steuermann mit viel Erfahrung". Er sitzt in seinem holzgetäfelten Arbeitszimmer, zieht an einer Marlboro Light und spielt auf Zeit. Hackmanns Ukas? "Eine Anfangsempfindlichkeit, die nicht so ernst zu nehmen ist." Und mit Trotz im Blick fügt er hinzu: "Ich werde es mir auch nicht nehmen lassen, zu grundsätzlichen Entwicklungen des Fußballs meine Auffassung darzulegen."
Doch was bringt das, wenn aus dem Big Business niemand mehr auf sein Kommando hört? Wenn jedes Statement als Einmischung in die inneren Angelegenheiten des Freistaats Bundesliga zurückgewiesen wird? Geblieben ist Mayer-Vorfelder von alter Herrlichkeit neben dem Amateurfußball mit über sechs Millionen Mitgliedern und der "Verantwortung über das Schiedsrichterwesen", wie ein Vereinsboss spottet lediglich die Repräsentation der Nationalelf.
Selbst dort haben sich die Vordenker der Liga breit gemacht. Weil sich das EM-Debakel 2000 zum Imageproblem für den gesamten deutschen Profifußball auszuweiten drohte, installierten die einflussreichsten Clubs beim DFB eine "Task Force", die sich neuerdings weniger bombastisch "Ausschuss Nationalmannschaft" nennt.
Mayer-Vorfelder fehlen die Verbündeten
Eine der ersten Maßnahmen der Eingreiftruppe: den Spielplan der DFB-Auswahl den Vereinsinteressen anzupassen. So wurde ein für Länderspiele angestammter Termin Ende April ersatzlos gestrichen. Statt Deutschland auf der Ehrenloge einer Fußballarena zu vertreten und die Nationalhymne zu singen, hat Mayer-Vorfelder folglich an diesem Mittwoch frei. Vor dem Endspurt um die Deutsche Meisterschaft die Nationalspieler in einem Freundschaftskick zu verschleißen, das ist mit deren Arbeitgebern im Zeitalter der aufgeblähten Champions League nicht mehr machbar.
Auch personell leidet der DFB an Auszehrung. So haben die Clubs den versiertesten Mann des Verbandes in ihr Lager gezogen: Wilfried Straub, 62, wird der Liga in den nächsten drei Jahren als geschäftsführender Vorsitzender dienen. Niemand verfügt über so viel Insiderwissen wie der asketische Kaufmann.
Die wichtigen Leute verlassen den DFB
Straub, der sich nach anstrengenden Verhandlungen abends an der Hotelbar mit Apfelschorle zufrieden gibt, hat aus seiner langen Zeit als Herr über die Wirtschaftlichkeitsprüfung der Vereine sämtliche vertraulichen Zahlen im Kopf; auch die Verhandlungen über die Fernsehrechte führte der Taktiker jahrelang allein. "Für mich wäre unvorstellbar gewesen", betont Liga-Boss Hackmann, "Straub mit seinen Detailkenntnissen wäre beim DFB geblieben."
Als die Personalie ruchbar wurde, unkten zunächst einige Beobachter, Mayer-Vorfelder habe Straub der Liga anempfohlen, um ihn als Agenten nachrichtendienstlich abzuschöpfen. So pochte Uli Hoeneß, Manager bei Bayern München, zunächst auf eine "klare räumliche und personelle Trennung" vom Verband. Sein Vorschlag: Verzicht auf früheres DFB-Personal, sofortiger Umzug nach Berlin Doch dann bemerkten Beteiligte, wie sich Straub, dem sonst immer an Interessenausgleich gelegen war, in den letzten zwei Jahren bei strittigen Fragen vermehrt auf die Seite des FC Bayern schlug. "Der bereitete", sagt ein Erstliga-Manager, "seinen Absprung in eine führende Position der Liga GmbH vor."
Wenn Wilfried Straub 2004 in den Ruhestand wechseln wird, ist es selbst mit den kurzen Dienstwegen zwischen DFB und Liga GmbH vorbei. Die Profi-Administration wird wohl nach Berlin umsiedeln. Dabei täte Lobby-Arbeit in der Hauptstadt viel dringender beim Verband Not. Denn seit dem Regierungswechsel sind die informellen Kanäle verschütt, die der DFB einst ins Zentrum der Macht unterhielt.
Unter Helmut Kohl war alles noch ein wenig einfacher. Wenn Egidius Braun den Kanzler sprechen wollte, stellte die Bürochefin durch. Andererseits konnte es auch sein, dass Kohl zum Hörer griff. Dann war etwas Schlimmes passiert beispielsweise Berti Vogts seinen Job als Bundestrainer losgeworden. Aber Schröder und Mayer-Vorfelder? Artig drückte der Kanzler die Daumen für die WM-Bewerbung 2006, artig reist er auch nach Magdeburg doch für eine Männerfreundschaft ungeachtet der Parteiräson reicht das wohl nicht mehr.
Dem DFB mangelt es an Strategien
Dass es beim DFB vor allem an Strategien mangelt, um auf politische Veränderungen zu antworten, ist eine alte Schwäche. Bei der Europäischen Fußball-Union (Uefa) büßte der Verband seinen führenden Rang auch deshalb ein, weil sich die deutschen Vertreter um die neuen Mitgliedstaaten aus dem Osten kaum scherten. "Mit der Hausmacht des DFB", sagt ein Insider der Uefa, "ist es vorbei."
Dabei ist es noch keine zehn Jahre her, dass der Präsident des weltgrößten Fachverbands eine Autorität war, an der nichts vorbeientschieden wurde. Sicher mag der internationale Einfluss des DFB damals auch am Gewinn von drei WM-Titeln 1954, 1974 und 1990 gelegen haben. Vor allem aber war er dem persönlichen Einsatz Hermann Neubergers zu verdanken. Der clevere Saarländer, von 1975 bis 1992 DFB-Boss, organisierte fünf Weltmeisterschaften und schmiedete zum Vorteil des deutschen Fußballs ständig neue Allianzen.
DFB-Präsident Neuberger war ein unbeugsamer Herrscher
Neuberger war ein unbeugsamer Herrscher. Unter ihm funktionierte die Bundesliga nach einem simplen Muster: Die DFB-Zentrale in der Frankfurter Otto-Fleck-Schneise 6 erteilte die Weisungen und die Clubs hatten zu spuren. Dass der Verband sich nach Neubergers Tod den wirtschaftlichen, politischen und sportlichen Herausforderungen der neunziger Jahre nicht rechtzeitig öffnete, hat seinen Niedergang beschleunigt.
Björn Bloching, Project Manager bei der Unternehmensberatung Roland Berger und Dauergast in den Chefetagen etlicher Bundesliga-Clubs, urteilt: "Der DFB hat jahrelang nur Rückzugsgefechte geführt." Denn ob es um das Bosman-Urteil ging, den dezentralen Verkauf der TV-Rechte oder einfach nur die Nachfolge Berti Vogts' und Erich Ribbecks der Verband verharrte in einer eigentümlichen Starre. "Anstatt die Konflikte vorwegzunehmen", sagt der Geschäftsführer eines großen Fußballvermarkters, "hat der DFB immer nur reagiert."
Kein Platz mehr für ehrpusseliges Verbandsgebaren
Die neuen Zeiten indes, in denen Vereine an die Börse streben, international agierende Vermarktungsgesellschaften sich in Clubs einkaufen und Fernsehverträge milliardenschwere Deals bedeuten, verlangen kühles Unternehmertum da ist kein Platz mehr für ehrpusseliges Verbandsgebaren.
Außen vor sind auch die Patriarchen vom Stile Mayer-Vorfelders denn der Führungsstil des stramm konservativen Juristen ist charakteristisch für eine untergehende Epoche. Den VfB Stuttgart konnte der ehemalige baden-württembergische Landesminister als Präsident noch 25 Jahre lang wie ein Barockfürst regieren. Die Vereinsgeschäfte lenkte er von seinem pompösen Amtssitz im Stuttgarter Neuen Schloss. Er heuerte und feuerte Trainer, wann ihm der Sinn danach stand, und Politik betrieb der Lebemann vornehmlich im kleinen Kreis bei Diskussionen bis in den frühen Morgen und reichlich perlendem Schampus.
Als Mayer-Vorfelder im Oktober 2000 beim VfB abtrat, hatte der Verein rund 30 Millionen Mark Schulden und der passionierte Strippenzieher den Plan fahren lassen, eine Führungsposition im neuen Liga-Verband zu übernehmen. "Ich wäre mit großer Mehrheit gewählt worden", behauptet er steifnackig, und die goldene Rolex am Handgelenk knallt auf den Tisch, "aber ich habe die Gesamtverantwortung für den deutschen Fußball als größere Herausforderung betrachtet."
Seine Gegenspieler sehen das anders. "Die großen Vereine", sagt ein erfahrener Vereinsmanager, "wollten Mayer-Vorfelder nicht dazwischen haben." Besonders vehement opponierte der FC Bayern. "Und gegen die Münchner", weiß der Freiburger Trainer Volker Finke, "geht im deutschen Fußball nichts."
Kampf gegen den mächtigen FC Bayern
Als Vorsitzender des alten Liga-Ausschusses hatte sich MV jahrelang auf einen zähen Stellungskampf mit den Bayern eingelassen. Das schlug jetzt auf ihn zurück. Willi Lemke, ehemals Manager von Werder Bremen, erinnert sich an zahlreiche Sitzungen, "bei denen sich MV und Uli Hoeneß vor versammeltem Plenum heftig attackiert haben".
Dass Mayer-Vorfelder von Bayern München ausgebootet wird, dämmerte ihm spätestens im Frühjahr 1999. Der Fußball-Funktionär war ins Uefa-Hauptquartier aufgebrochen, um einen einstimmigen Beschluss der deutschen Profi-Clubs durchzusetzen: Uefa-Pokal am Dienstag, Champions League mittwochs und donnerstags.
"Vor lauter Wut war ihm das Gesicht entgleist"
Doch als der Abgesandte in Nyon eintraf, war alles schon zu spät. Bayern-Vize Karl-Heinz Rummenigge hatte in virtuoser Hinterzimmerdiplomatie Europas Top-Clubs die so genannten G-14-Vereine davon überzeugt, dass der DFB-Beschluss durchaus strittig diskutiert werde. Wenn das so sei, freuten sich die Europäer, könne man ja auch den Dienstag und den Mittwoch für die Champions League reservieren ganz im Sinne der Münchner, die andernfalls häufig am Sonntag ihre Bundesliga-Spiele hätten bestreiten müssen. MV war blamiert, und man sah es ihm an. "Vor lauter Wut auf die Münchner", so ein Teilnehmer, "war ihm das Gesicht entgleist."
Doch Mayer-Vorfelder will sich so leicht nicht beiseite drängen lassen. In den Vertrag, der das Verhältnis zwischen DFB und Liga bis ins Detail regelt, hat der alte Kämpe eine Klausel eingebracht, wonach der Präsident an allen Sitzungen des Liga-Verbandes teilnehmen darf. Die Clubs mochten sich dem Begehren nicht verschließen. "Mayer-Vorfelder", sagt der Manager eines Spitzenvereins schnippisch, "hat ja kein Stimmrecht."