DFB-Neuling Toni Kroos: Stopp, Schuss, Treffer - DER SPIEGEL
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Kroos im Kommen: Aufstieg eines Hochbegabten

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DFB-Neuling Toni Kroos Stopp, Schuss, Treffer

Toni Kroos ist kaum 20 Jahre alt - und hat schon viel durchgemacht. In Leverkusen spielt das Ausnahmetalent eine Traumsaison. Die könnte ihn nach Südafrika zur WM führen, am Mittwoch gegen Argentinien steht er vor seinem Debüt. Die größte Herausforderung wartet aber erst viel später.
Von Marco Plein
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Irgendwann hatte es Toni Kroos satt. Immer wieder war er auf der linken Seite bis weit nach vorne gelaufen, seine Mitspieler aber sahen ihn dort kaum, da konnte er noch so sehr mit seinen Armen wedeln. Also lief er einfach mal in die Mitte: Prompt kam der Ball, mit rechts stoppte er ihn, mit links tippte er ihn, und dann drosch er ihn schnurstracks ins Tor.

Wieder Kroos, wieder so ein Knaller aus der Distanz.

Von seiner prächtigen Schusstechnik - lehrbuchmäßig soll sie sogar sein - hat der junge Fußballer von Bayer Leverkusen in dieser Saison schon häufig Gebrauch gemacht. Zuletzt traf er in Bremen mit einem Spannstoß aus 27 Metern, es war schon sein neuntes Saisontor (siehe Tabelle links), und man vermag sich die immer noch unbesiegten Leverkusener ohne Kroos kaum mehr vorzustellen.

Denn Kroos hat die Gabe, ein Spiel mit nur einer Aktion entscheidend zu prägen, sei es mit einem Weitschuss, einem präzisen Freistoß oder einem scharfen Pass in die Spitze. "Er hat sich sehr gut entwickelt. Ich bin von ihm immer wieder überrascht", sagt Bayer-Trainer Jupp Heynckes.

Spielt und trifft Kroos weiter so überzeugend wie in den zurückliegenden Monaten, wird er seine erste komplette Bundesligasaison als Stammkraft wohl auf Platz eins der Hitliste der torgefährlichsten Mittelfeldspieler beenden. Derzeit jedenfalls liegt der gebürtige Greifswalder in dieser Kategorie klar vor all den Robbens und Özils. "Es läuft gut", bestätigt er. "Aber das liegt auch daran, dass die Mannschaft Erfolg hat."

Bester Spieler der U-17-WM

Hört man ihn heute so bescheiden reden, kann man sich kaum vorstellen, dass er vor eineinhalb Jahren "Bild" anvertraute, er könne eines Tages mal so gut wie Barcelonas Messi werden. So würde er jetzt nicht mehr formulieren. Mit Sicherheit nicht.

Damals befand sich Kroos aber auch in einer ganz anderen Welt. Bayern München hatte für ihn, den hochbegabten Jugendspieler, vorsorglich die Rückennummer 10 reserviert. Ausgerechnet die 10! Die Nummer der großen Spielmacher und der großen Erwartungen. Maradona und Pelé trugen sie, auch Zidane, wenn er Frankreich anführte. Allein diese Geschichte wurde immer und immer wieder erzählt, so oft, dass sie Kroos schnell zur Last werden musste. "Ach, dieses Bayern-Supertalent", so kannte man ihn in der Öffentlichkeit, den vollen Namen und das dazugehörende Gesicht kannte indes noch niemand. Er galt als kommender Weltklassemann, bei der U-17-WM 2007 war er bester Spieler, seine Zukunft war rosarot.

Aber das änderte sich. Und zwar rasch.

In München kam er unter Ottmar Hitzfeld und Jürgen Klinsmann nicht regelmäßig zum Einsatz, also schickten ihn die Bayern von ihrer Ersatzbank nach Leverkusen - zur Entwicklung auf Leihbasis. Im Januar 2009 war das. Im Rheinland sprach niemand von der 10, Kroos durfte weiter die Allerweltsnummer 39 tragen und bekam ein paar Monate Zeit, um zu sich zu finden. Die nutzte er. Auf der linken Seite, wo er nicht immer im Mittelpunkt steht, blüht Kroos mittlerweile auf. "Er kann jetzt 90 Minuten auf höchstem Niveau spielen", sagt Heynckes heute. "Das war noch nicht der Fall, als ich hier angefangen habe."

Kroos soll dies, Kroos soll das - ist das nicht ein bisschen viel?

Leverkusen will ihn nicht mehr gehen lassen, aber in München wollen sie ihn im Sommer zurückhaben. Die dortigen Chefs haben das ja oft genug betont. Dann soll er bei den Bayern wirbeln, er soll Tore schießen, er soll Vorlagen geben. Er soll Ribéry ersetzen - wenn der geht. Und am besten soll er auch noch Robben ersetzen - wenn der verletzt ist. Kroos soll dies, Kroos soll das. Über den Fußballer, dessen Jugendlichkeit zwar nicht auf dem Spielfeld, dafür aber an seinen spärlichen Bartstoppeln zu erkennen ist, wird so viel gesprochen und diskutiert und geplant, dass er die riesigen Erwartungen kaum erfüllen können wird. Ist das nicht alles ein bisschen viel für einen solch jungen Mann? Kroos ist im Januar erst 20 geworden. Wie soll er da schon eine große 10 sein?

Kurz nach seinem Geburtstag holte Bundestrainer Löw den Offensivspieler zum ersten Mal zur Nationalmannschaft. Es ging bloß um einen Fitnesstest. Am Mittwoch gegen Argentinien (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) steht er wieder im Kader, dann könnte er sein erstes Länderspiel machen. Und wer wenige Monate vor einer Weltmeisterschaft in die Auswahl rutscht, darf sich Hoffnungen machen, auch im Sommer in Südafrika dabei zu sein. Zumal die offensive Konkurrenz auf den Außenbahnen überschaubar ist. Jansen, Podolski, Özil, Müller.

"Mir ist klar, dass ich bei stabilen Leistungen von der WM träumen darf", sagt Kroos, für den es ein Jahr der Extreme werden könnte. Im Dezember und Januar wurde er zum besten Bundesligaspieler gewählt. Im März und April wird er versuchen, mit Bayer um die Meisterschale zu spielen und dabei Werbung in eigener Sache zu betreiben. Denn im Mai geht es nicht nur um den Bundesligatitel, sondern auch um die WM-Nominierung, im Juni wird in Südafrika gespielt, und im Juli geht er wohl zurück zu den Bayern.

Auf Toni Kroos kommt eine Menge zu. Nichts anderes ist er gewohnt.