DFB-Pokal Cesars Schuss in die Wolken
Offenbach - Lange nachdem die Entscheidung gefallen war, wurde am Bieberer Berg immer wieder die gleiche Frage gestellt. "Warum hat ausgerechnet Cesar Thier den letzten Elfmeter für den OFC geschossen?"
Der brasilianische Torhüter des Regionalligisten war die entscheidende und tragische Figur in der spannenden Pokalpartie zwischen Kickers Offenbach und Eintracht Frankfurt. Als fünfter Kickers-Schütze trat er an, doch zuvor hatte es Verwirrung gegeben und für viele im Stadion wirkte es, als müsste Thier für das altbekannte Nervenspiel zunächst von seinen Teamkollegen überredet werden. Erst nach einigen Diskussionen, die auch von den 20.500 Zuschauern im ausverkauften Stadion mit Unwohlsein registriert wurden, lief Thier mit wenigen Schritten an, geriet leicht in Rücklage und jagte den Ball über die Latte auf die Tribüne. Anschließend verwandelte Jermaine Jones den letzten Elfmeter für die Frankfurter und hatte dabei noch Glück. Beinahe wehrte der Kickers-Keeper den Ball ab, doch die Kugel rutschte Thier über die Hand.
"Ich schieß' den letzten"
Warum hatte es vorher das Durcheinander um den fünften Schützen der
Offenbacher gegeben? Wurde der Keeper etwa gegen seinen Willen zum
Elfmeterdienst verpflichtet, weil sich kein anderer traute? Lars
Schmidt, nach der Entlassung von Ramon Berndroth in der letzten Woche
vom Posten des sportlichen Direktor der Kickers auf die Trainerbank
gewechselt, lieferte die Antwort. "Cesar hat vorher gesagt, dass er den
fünften Elfer schießen wollte, aber offensichtlich hatte er sich
verzählt und noch nicht mit seinem Einsatz gerechnet. Deshalb gab es die
Verwirrung", berichtete Schmidt.
Zerknirscht wirkte der neue OFC-Coach in der zum Presseraum umfunktionierten Stadiongaststätte und kaute traurig ein Käsebrötchen.
Zuvor hatte seine Mannschaft dem vermeintlich übermächtigen Nachbarn das
Fürchten gelehrt, den Stein wie einst Sisyphos mit Leidenschaft und
Kampf mühsam den Berg hinaufgewuchtet und sich einmal mehr durch eine
Unachtsamkeit um den verdienten Lohn gebracht.
Vor dem Spiel hatte sich Schmidt von zwei Schornsteinfegern drei Glückspfennige geben lassen. "Ich hätte besser fünf genommen", sagte er nun traurig. Wieder einmal am Olymp um Einlass gebeten, wieder einmal ein Ende mit leeren Händen erlebt: Für den Offenbacher Fußballfreund ein seit Jahrzehnten immer wiederkehrendes Schicksal. "Ich hoffe, dass wir die Umstellung auf den Regionalliga-Alltag gut verkraften", wünscht sich Schmidt. Am kommenden Samstag müssen die Kickers beim FC Schweinfurt 05 antreten.
Offenbacher Tollhaus nach Petrys Führungstreffer
So waren die Frankfurter die glücklicher Sieger in einer spannenden
ersten Runde des DFB-Pokals und im ersten Main-Derby seit über 19
Jahren. 1:1 hatte es nach 120 Minuten zwischen den beiden Erzrivalen vom
Main gestanden, ein moralischer Sieg für die Kickers zwar, der von den
Zuschauern frenetisch gefeiert wurde, aber nicht mehr als ein paar
Schulterklopfer bringt. OFC-Stürmer Michael Petry hatte den Außenseiter
in der 22. Minute in Führung geschossen und das festlich gefüllte
Stadion zwischenzeitlich in ein Tollhaus verwandelt. Der eingewechselte
Nico Frommer konnte in der 55. Minute den Ausgleich für die Eintracht
erzielen, doch über weite Strecken war ein Zweiklassenunterschied
zwischen beiden Mannschaften nicht zu erkennen. Dem OFC gehörte nach
einer fahrigen Anfangsphase klar die erste Halbzeit, wie auch
Eintracht-Coach Willi Reimann anerkennend zugab: "Da haben wir große
Probleme gehabt." Erst im zweiten Durchgang, als bei den Kickers die
Kräfte schwanden, erarbeitete sich der Bundesligist mehrere klare
Chancen, die aber kläglich vergeben oder von Cesar Thier gemeistert
wurden.
Zwar wurde den begeisterten Zuschauer nicht unbedingt höchste Fußballkunst geboten, doch zumindest ein echter Pokalkrimi, der von Minute zu Minute spannender wurde und im Elfmeterschießen einen dramatischen Höhepunkt erlebte. Selbst Franz Beckenbauer, der zur Überraschung aller eine halbe Stunde vor Spielbeginn vor den Toren des Bieberer Bergs aus dem Nichts auftauchte, nickte auf der Haupttribüne anerkennend. "Herzlichen Glückwunsch, Herr Schmidt", rief der 83-jährige Waldemar Klein, Ehrenpräsident der Kickers, deshalb nach dem Schlusspfiff trotzig durch den Presseraum, so dass es jeder der zahlreich versammelten Medienschar vernehmen konnte, "das war ein Imagegewinn für den OFC, so wie ich es erwartet habe." Dann wandte sich
der Alte mit einem deutlich hörbaren "Verdammt noch o'mol" fluchend ab angesichts der neuerlichen Nichtbeachtung durch den "Fubago", wie der ominöse Fußballgott rund um den Bieberer Berg genannt wird.
"Was zählt ist, dass wir noch im Lostopf sind"
"Wir haben Glück gehabt", kommentierte Reimann das Weiterkommen der
Frankfurter auf seine typisch nüchterne Art, "aber was zählt ist, dass
wir immer noch im Lostopf sind." Es war kein Sieg, auf den Frankfurter
besonders stolz sein können, der aber möglicherweise ein gutes Omen auf
den Rest der Saison wirft: Kaiserslautern, Werder Bremen und
Mönchengladbach gewannen jeweils den DFB-Pokal, nachdem sie sich auf dem
Bieberer Berg gegen die Kickers durchsetzen konnten.
Einzig U21-Nationalspieler Jones hätte am Ende beinahe für einen Eklat
gesorgt, als er sich nach seinem verwandelten Elfmeter provozierend
jubelnd vor den Block der Offenbacher Fans stellte und daraufhin von
OFC-Spielern und eigenen Teamkollegen schubsenderweise zurechtgewiesen
werden musste. Diese überflüssige Aktion war der einzige Missklang eines
tollen Fußballabends, bei dem auch die im Vorfeld befürchteten
Ausschreitungen ausblieben.