DFB-Pokal: Cesars Schuss in die Wolken - DER SPIEGEL
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DFB-Pokal Cesars Schuss in die Wolken

Im ersten Derby zwischen Kickers Offenbach und Eintracht Frankfurt nach 19 Jahren fiel die Entscheidung erst im Elfmeterschießen. Ein glücklicher Sieg für den Bundesligisten. Am Bieberer Berg fragt man sich deshalb, was man noch alles machen muss, um endlich einmal den Fußballgott auf seiner Seite zu haben.
Von Andreas Lampert
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Offenbach - Lange nachdem die Entscheidung gefallen war, wurde am Bieberer Berg immer wieder die gleiche Frage gestellt. "Warum hat ausgerechnet Cesar Thier den letzten Elfmeter für den OFC geschossen?"

Der brasilianische Torhüter des Regionalligisten war die entscheidende und tragische Figur in der spannenden Pokalpartie zwischen Kickers Offenbach und Eintracht Frankfurt. Als fünfter Kickers-Schütze trat er an, doch zuvor hatte es Verwirrung gegeben und für viele im Stadion wirkte es, als müsste Thier für das altbekannte Nervenspiel zunächst von seinen Teamkollegen überredet werden. Erst nach einigen Diskussionen, die auch von den 20.500 Zuschauern im ausverkauften Stadion mit Unwohlsein registriert wurden, lief Thier mit wenigen Schritten an, geriet leicht in Rücklage und jagte den Ball über die Latte auf die Tribüne. Anschließend verwandelte Jermaine Jones den letzten Elfmeter für die Frankfurter und hatte dabei noch Glück. Beinahe wehrte der Kickers-Keeper den Ball ab, doch die Kugel rutschte Thier über die Hand.

"Ich schieß' den letzten"


Warum hatte es vorher das Durcheinander um den fünften Schützen der Offenbacher gegeben? Wurde der Keeper etwa gegen seinen Willen zum Elfmeterdienst verpflichtet, weil sich kein anderer traute? Lars Schmidt, nach der Entlassung von Ramon Berndroth in der letzten Woche vom Posten des sportlichen Direktor der Kickers auf die Trainerbank gewechselt, lieferte die Antwort. "Cesar hat vorher gesagt, dass er den fünften Elfer schießen wollte, aber offensichtlich hatte er sich verzählt und noch nicht mit seinem Einsatz gerechnet. Deshalb gab es die Verwirrung", berichtete Schmidt.

Zerknirscht wirkte der neue OFC-Coach in der zum Presseraum umfunktionierten Stadiongaststätte und kaute traurig ein Käsebrötchen. Zuvor hatte seine Mannschaft dem vermeintlich übermächtigen Nachbarn das Fürchten gelehrt, den Stein wie einst Sisyphos mit Leidenschaft und Kampf mühsam den Berg hinaufgewuchtet und sich einmal mehr durch eine Unachtsamkeit um den verdienten Lohn gebracht.

Vor dem Spiel hatte sich Schmidt von zwei Schornsteinfegern drei Glückspfennige geben lassen. "Ich hätte besser fünf genommen", sagte er nun traurig. Wieder einmal am Olymp um Einlass gebeten, wieder einmal ein Ende mit leeren Händen erlebt: Für den Offenbacher Fußballfreund ein seit Jahrzehnten immer wiederkehrendes Schicksal. "Ich hoffe, dass wir die Umstellung auf den Regionalliga-Alltag gut verkraften", wünscht sich Schmidt. Am kommenden Samstag müssen die Kickers beim FC Schweinfurt 05 antreten.

Offenbacher Tollhaus nach Petrys Führungstreffer


So waren die Frankfurter die glücklicher Sieger in einer spannenden ersten Runde des DFB-Pokals und im ersten Main-Derby seit über 19 Jahren. 1:1 hatte es nach 120 Minuten zwischen den beiden Erzrivalen vom Main gestanden, ein moralischer Sieg für die Kickers zwar, der von den Zuschauern frenetisch gefeiert wurde, aber nicht mehr als ein paar Schulterklopfer bringt. OFC-Stürmer Michael Petry hatte den Außenseiter in der 22. Minute in Führung geschossen und das festlich gefüllte Stadion zwischenzeitlich in ein Tollhaus verwandelt. Der eingewechselte Nico Frommer konnte in der 55. Minute den Ausgleich für die Eintracht erzielen, doch über weite Strecken war ein Zweiklassenunterschied zwischen beiden Mannschaften nicht zu erkennen. Dem OFC gehörte nach einer fahrigen Anfangsphase klar die erste Halbzeit, wie auch Eintracht-Coach Willi Reimann anerkennend zugab: "Da haben wir große Probleme gehabt." Erst im zweiten Durchgang, als bei den Kickers die Kräfte schwanden, erarbeitete sich der Bundesligist mehrere klare Chancen, die aber kläglich vergeben oder von Cesar Thier gemeistert wurden.

Zwar wurde den begeisterten Zuschauer nicht unbedingt höchste Fußballkunst geboten, doch zumindest ein echter Pokalkrimi, der von Minute zu Minute spannender wurde und im Elfmeterschießen einen dramatischen Höhepunkt erlebte. Selbst Franz Beckenbauer, der zur Überraschung aller eine halbe Stunde vor Spielbeginn vor den Toren des Bieberer Bergs aus dem Nichts auftauchte, nickte auf der Haupttribüne anerkennend. "Herzlichen Glückwunsch, Herr Schmidt", rief der 83-jährige Waldemar Klein, Ehrenpräsident der Kickers, deshalb nach dem Schlusspfiff trotzig durch den Presseraum, so dass es jeder der zahlreich versammelten Medienschar vernehmen konnte, "das war ein Imagegewinn für den OFC, so wie ich es erwartet habe." Dann wandte sich der Alte mit einem deutlich hörbaren "Verdammt noch o'mol" fluchend ab angesichts der neuerlichen Nichtbeachtung durch den "Fubago", wie der ominöse Fußballgott rund um den Bieberer Berg genannt wird.

"Was zählt ist, dass wir noch im Lostopf sind"


"Wir haben Glück gehabt", kommentierte Reimann das Weiterkommen der Frankfurter auf seine typisch nüchterne Art, "aber was zählt ist, dass wir immer noch im Lostopf sind." Es war kein Sieg, auf den Frankfurter besonders stolz sein können, der aber möglicherweise ein gutes Omen auf den Rest der Saison wirft: Kaiserslautern, Werder Bremen und Mönchengladbach gewannen jeweils den DFB-Pokal, nachdem sie sich auf dem Bieberer Berg gegen die Kickers durchsetzen konnten.

Einzig U21-Nationalspieler Jones hätte am Ende beinahe für einen Eklat gesorgt, als er sich nach seinem verwandelten Elfmeter provozierend jubelnd vor den Block der Offenbacher Fans stellte und daraufhin von OFC-Spielern und eigenen Teamkollegen schubsenderweise zurechtgewiesen werden musste. Diese überflüssige Aktion war der einzige Missklang eines tollen Fußballabends, bei dem auch die im Vorfeld befürchteten Ausschreitungen ausblieben.

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