DFB-Pokal Schaafs Warnungen nerven Werder
Bremen - Noch vor einem halben Jahr war die Situation der beiden Nord-Clubs durchaus vergleichbar: Von der Meisterschaft, geschweige denn vom Double, sprach in Bremen niemand, als der SV Werder zur Erstrunden-Partie beim Ludwigsfelder FC antrat. Wie in Lübeck stellte man sich auf eine ruhige Saison ein - über Titelambitionen ließ man die Teams aus München, Dortmund, Stuttgart und Gelsenkirchen philosophieren.
17 statt 50.000 Euro
Rückblickend lässt sich der veränderte Erwartungshorizont am besten in Zahlen dokumentieren. Vor der ersten DFB-Pokal-Hauptrunde bot das Wettbüro "Intertops" den Sportfans bei zehn Euro Einsatz 50.000 Euro Gewinn an, sofern sie den Mut hatten, auf Bremer Meisterschaft und Pokalsieg zu setzen. Heute zahlt das Salzburger Wettbüro bei gleichem Einsatz für einen Bremer-Double-Gewinn gerade einmal 17 Euro.
Mit neun Punkten Vorsprung führen Micoud, Ailton und Co. souverän die Bundesligatabelle an. Die Karten für das letzte Bundesliga-Heimspiel der Hanseaten am vorletzten Spieltag gegen Leverkusen und eine möglicherweise anschließend folgende Meisterfeier waren am Montag innerhalb weniger Stunden vergriffen. Nicht nur für die Bremer Fans scheint außer Frage zu stehen, dass der Meister dieses Jahr nur Werder Bremen heißen kann (die Wett-Quote einer Werder-Meisterschaft sank von 1:33 vor der Saison auf 1:1,15).
Auch im Pokal, wo mit Lübeck, dem abstiegsbedrohten Bundesligisten Borussia Mönchengladbach und Zweitligist Alemania Aachen nicht gerade Hochkaräter im Wettbewerb verblieben sind, scheint ein Bremer Sieg (statt einer 20:1-Quote gibt es nun lediglich 15 Euro bei 10 Euro Einsatz) programmiert zu sein.
Allofs rechnet schon
Vor dem Pokal-Derby gegen die Hansestadt Lübeck (Anstoß: 20.30 Uhr) versucht Werder-Trainer Thomas Schaaf vergeblich, die Konzentration seiner Belegschaft auf das bevorstehende Duell zu lenken: "Wir müssen erneut konzentriert agieren. Auf keinen Fall darf sich Leichtsinn einschleichen." Die abgedroschenen Binsenweisheiten nimmt man in Bremen eher genervt zur Kenntnis, selbst Manager Klaus Allofs rechnet bereits mögliche Einnahmen beim Endspieleinzug durch: "Das bringt uns bis zu zwei Millionen Euro aufs Konto." Die Partie gegen Lübeck, den Tabellen-15. der Zweiten Liga, ist für Werder eine Pflichtaufgabe auf dem Weg zum eingeplanten Double.
Genau darin sieht Dieter Hecking, Trainer des VfB Lübeck, die Chance seiner Mannschaft: "Werder ist im Moment bärenstark, aber vielleicht nehmen sie uns ja ein bisschen auf die leichte Schulter." Vor lauter Aufregung vor dem "Spiel des Jahres" haben seine VfB-Spieler die ersten vier Rückrundenspiele verloren. Vom sechsten Platz rutschten sie in der Tabelle bis auf Platz 15 zurück, nun droht sogar der Abstieg in die Drittklassigkeit.
10.000 Lübecker auf dem Weg nach Bremen
Der Euphorie vor der größten sportlichen Herausforderung in der 84-jährigen Vereinsgeschichte hat das nicht geschadet. Die lokale Presse im ruhigen Lübeck jubelt über "das Medienereignis Pokalhalbfinale", die Partie selbst wird auf einer 40 Quadratmeter großen Videoleinwand auf dem Marktplatz der 215.000-Einwohner-Stadt übertragen. Rund 10.000 Lübecker, darunter auch Bürgermeister Bernd Saxe, machen sich in einem Sonderzug, 24 gecharterten Bussen und unzähligen Pkw auf den Weg an die Weser.
Auf der Ehrentribüne drückt Schleswig-Holsteins Ministerpräsidentin Heide Simonis die Daumen für die große Sensation. Mehr als 60 Jahre ist es her, dass ein Team aus Deutschlands nördlichestem Bundesland in einem Pokalhalbfinale stand. 1941 trat Holstein Kiel ebenfalls als Außenseiter gegen den FC Schalke 04 an. Am Ende gerieten die Nordlichter mit 0:6 unter die Räder - in Lübeck hofft man heute Abend auf einen freundlicheren Ausgang.