DFB-Pokal "Schalke unterschätzt uns"
SPIEGEL ONLINE:
Herr Streich, erinnern Sie sich an die Uefa-Cup-Saison 1977/78?
Joachim Streich: In der ersten oder zweiten Runde haben wir gegen Schalke 04 gespielt und beide Spiele überraschend gewonnen.
SPIEGEL ONLINE: Auch damals war Schalke Bundesliga-Tabellenführer...
Streich: Die hatten viele bekannte Spieler in ihren Reihen: Klaus Fischer, Rüssmann, die Kremers-Zwillinge. Trainer war Friedel Rausch. Dennoch haben wir recht überzeugend 4:2 in Magdeburg und 3:1 auf Schalke gewonnen.
SPIEGEL ONLINE: Damals war Magdeburg erfolgreich. Als Trainer führten Sie Ihren Verein in der Saison 1989/90 auf Platz drei der DDR-Oberliga. Wieso spielt Magdeburg heute nur viertklassig?
Streich: Die Mannschaft hat in der Spielzeit 1990/91 unter meinem Nachfolger Siegmund Mewes den Sprung in den bezahlten Fußball verpasst. Vor der Saison stand fest, dass aus der DDR-Oberliga sich die beiden Ersten für die Bundesliga qualifizieren, die vier Teams dahinter für die 2. Liga. Dass das nicht geschafft wurde, ist mir bis heute unverständlich. Denn im Jahr zuvor hatten wir hauchdünn die Meisterschaft verpasst und danach nur Dirk Schuster und Wolfgang Steinbach den Verein verlassen. Für Magdeburg war der Nicht-Aufstieg eine Katastrophe. Nun gingen natürlich etliche Spieler in den Westen. Zum Beispiel Heiko Lässig nach Uerdingen und Dirk Heinen nach Gladbach. Der sportliche Niedergang war da vorauszusehen.
SPIEGEL ONLINE: Mit Rostock, Cottbus und Chemnitz spielen heute lediglich noch drei Teams aus den neuen Bundesländer in den beiden Bundesligen und das auch nur gegen den Abstieg. Wo liegen die Probleme der Ost-Clubs?
Streich: Das wirtschaftliche Umfeld ist nicht so intakt wie in den alten Ländern. Die Etats sind niedriger. Energie Cottbus aber muss für Magdeburg und andere ostdeutsche Vereine Vorbild sein. Da wurde in den letzten Jahren vernünftig gewirtschaftet, so dass es der Verein erst in die 2. und dann sogar in die 1. Liga geschafft hat.
SPIEGEL ONLINE: Vorbild Cottbus: Der Club hat sich vor allem mit preisgünstigen osteuropäischen Spieler verstärkt. Sehen Sie da Probleme?
Streich: Trainer Ede Geyer hätte sicherlich gerne mehr deutsche Spieler. Denn wenn so viele verschiedene Nationalitäten aufeinander treffen, gibt es Kommunikationsschwierigkeiten. Nicht alle Spieler sprechen deutsch. Wie sollen sie sich denn auf dem Platz unterhalten? Wie soll sich ein Trainer verständlich machen? Ohne einheitliche Sprache fällt es auf jeden Fall schwerer, als Einheit aufzutreten.
SPIEGEL ONLINE: Fällt es den Fans schwerer, sich mit dem Verein zu identifizieren?
Streich: Noch herrscht in Cottbus riesige Euphorie über den Aufstieg. Ein Identifikationsproblem entsteht erst bei lang anhaltendem sportlichem Misserfolg. Dann werden die Fans den Frust rauslassen, dass es so wenig deutsche Spieler gibt.
SPIEGEL ONLINE: Seit diesem Herbst sitzen Sie im Verwaltungsrat des 1. FC Magdeburg, nachdem sie zehn Jahre lang keine Funktion mehr im Club hatten. Was hat Sie dazu bewogen?
Streich: Ende August dieses Jahres stand der Verein kurz vor dem Konkurs. Als der Verwaltungsratsvorsitzende um meine Mitarbeit bat, war klar für mich, dass ich helfen muss, damit hier nicht die Lichter ausgehen.
SPIEGEL ONLINE: Sie haben in jener Zeit gesagt, der 1. FC Magdeburg sei ein "schlafender Riese". Wie kann er geweckt werden?
Streich: Dass Magdeburg ein enormes Potenzial besitzt, hat der Pokal gezeigt. Der euphorisiert die ganze Region. Vor dem Schalke-Spiel sind die Menschen nachts um halb drei aufgestanden, um sich eine Eintrittskarte zu sichern. Das Fanpotenzial ist riesig. Man muss aber auch die Spieler in die Verantwortung nehmen, dass der Aufstieg sein muss. Die Erfolge im Pokal sind zwar ganz schön, aber der Club muss unbedingt aufsteigen. In der Oberliga sind wir derzeit nur Zweiter hinter dem VfB Leipzig. Das ist enttäuschend.
SPIEGEL ONLINE: Was passiert, wenn Magdeburg den Aufstieg verpasst?
Streich: Dann war das ein verschenktes Jahr. Es würde zwar irgendwie weitergehen. Aber irgendwann ist die Geduld der Fans am Ende. Das wäre das Schlimmste, was passieren könnte. Ich glaube nicht, dass sie ein weiteres Jahr Oberliga akzeptieren würden.
SPIEGEL ONLINE: Würde Magdeburgs Hauptsponsor Kinowelt noch ein Jahr vierte Liga akzeptieren?
Streich: Der Vertrag wurde vor meiner Zeit abgeschlossen. Aber ich vermute, die finanzielle Unterstützung würde reduziert werden.
SPIEGEL ONLINE: Welche Bedeutung hat der immer wieder gescholtene DFB-Pokal - abgesehen davon, dass er Magdeburg in dieser Saison durch Fernseh- und Zuschauereinnahmen Millionen einbringt?
Streich: Ein Pokalsieg gehört in allen Ländern zu den Höhepunkten im Fußball. Ich finde es deshalb bitter, dass die Uefa den Europapokal der Pokalsieger abgeschafft und so den nationalen Pokal abgewertet hat. Er findet deshalb weniger Beachtung bei den Spielern. Das Besondere am Pokal ist aber immer noch seine Unberechenbarkeit, sind die überraschenden Siege der Kleinen gegen die Großen.
SPIEGEL ONLINE: Ist der DFB-Pokal nicht auch Nachhilfeunterricht in Heimatkunde? Ein Fernsehjournalist verlegte Magdeburg nach Sachsen.
Streich: Manchmal wissen die etablierten Clubs nicht, wo ihr Gegner beheimatet ist. Aber als Sportreporter sollte man Magdeburg zumindest vom Handball her kennen und wissen, wo das liegt. Das nicht zu wissen, ist schon ein bisschen dünne.
SPIEGEL ONLINE: 5:2 gegen den 1. FC Köln, 5:3 gegen Bayern München, 5:3 gegen Karlsruhe - schießt Magdeburg im Pokal-Viertelfinale gegen Schalke 04 wieder fünf Tore?
Streich: Das glaube ich nicht, höchstens wenn es wie gegen Bayern ins Elfmeterschießen geht. Schalke wird gewarnt sein. Aber auch die sind nicht unverwundbar. Obwohl sie wissen, wen wir rausgeworfen haben, werden sie uns hundertprozentig ein bisschen unterschätzen. Das ist die Chance der Magdeburger.