DFB-Pokal: Schalker Pilgerfahrt nach Berlin - DER SPIEGEL
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DFB-Pokal Schalker Pilgerfahrt nach Berlin

Nach dem 2:0-Erfolg über Bayern München befindet sich Schalke 04 im Pokalfieber und will die Euphorie für den Endspurt in der Bundesliga nutzen. Bei Bayern München hingegen klagt man mit einem Mal über eine zu dünne Personaldecke.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Gelsenkirchen - Während rund um die Arena "Auf Schalke" ein Ozean in blau und weiß hohe Wellen schlug, entzündeten sich in den Stadionkatakomben die Diskussionen. Nicht sonderlich verwunderlich, denn zuvor endete ein Pokalkrimi zwischen Schalke 04 und Bayern München, bei dem die beiden Meisterschaftsrivalen aus der vergangenen Saison um den Finaleinzug kämpften, mit 2:0 n.V. für die Schalker. Zwei wunderschöne Tore (100. van Hoogdalem, 115. Minute Böhme) hatte das mit 60.683 Zuschauern ausverkaufte Haus gesehen, zudem eine Anzahl von Nickeligkeiten, harten Fouls, den neusten Nahkampftechniken, wie man sie bislang nur von den Verteidigern Uruguays kannte (Effenberg), und eine rote Karte für Sammy Kuffour in der 90. Minute. Ein echter Pokalfight eben.

"Ein dummes Foul, taktisch völlig unnötig"


Der Platzverweis für Kuffour (Hitzfeld: "Ein dummes Foul, taktisch völlig unnötig") wurde in der ersten Analysen als spielentscheidend bewertet, sorgte nach dem Schlusspfiff aber immer noch für Unmut. Hitzfelds Groll über das Foul seines Verteidigers verebbte noch lange nicht: "Im Mittelfeld, wo keine Torgefahr herrscht, darf man da nicht so reingrätschen", schimpfte der Meistercoach und monierte, dass die rote Karte im Pokal auch für die Bundesliga zählt: "Das ist ein Witz, das ist Wettbewerbsverzerrung."

Auch Andreas Möller, Schalker Mittelfeldspieler mit gelegentlichem Hang zum Theatralischen, mochte sich kaum beruhigen und legte sich mit keinem Geringeren als Bayern-Keeper Oliver Kahn an. "Der Erfolg ist ihm wohl zu Kopf gestiegen, der ist vollkommen realitätsfremd und soll vor seiner eigenen Haustür kehren", giftete Möller nach dem zehnten Finaleinzug der Königsblauen (11. Mai in Berlin gegen Bayer Leverkusen) gegen den besten Torhüter der Welt.

Grund waren die tumultartigen Szenen nach dem Kuffour-Foul an Jörg Böhme in der Schlussminute, bei dem Schiedsrichter Herbert Fandel sofort die rote Karte zog und sich der Ghanaer noch zu einer Kopfnuss gegen Böhme hinreißen ließ. Kahn stürmte daraufhin aus seinem Kasten, legte sich mit Möller an, beschimpfte Böhme und versuchte den Referee vehement umzustimmen. Auch eine Stunde später hatten sich die Gemüter immer noch nicht beruhigt.

Van Hoogdalems Gewaltschuss


Zwar beherrschten sich die Bayern-Spieler Kahn, Elber und Effenberg mit Kommentaren zum Spiel, doch Karl-Heinz Rummenigge, designierter Vorstandsvorsitzender der FC Bayern AG, stellte sich den Journalisten und knöpfte sich zugleich Andreas Möller vor, den in seinen Augen Anstifter des Tumults. "Es war ein wunderbares Spiel, das war okay", so Rummenigge. "Aber nicht, was Möller gemacht hat. Er hat das ganze Spiel provoziert, das ist einfach nicht in Ordnung."

Während für die Bayern der Tanz auf drei Hochzeiten vorbei ist, die Revanche für die 1:5-Schmach in der Bundesliga am 26. Januar gegen die Königsblauen misslang und die 13. Teilnahme an einem DFB-Pokalfinale verpasst wurde, breitet sich in Schalke Zuversicht aus. Einen Tag nach dem Coup gegen die Bayern begann der Run auf die begehrten Tickets für Berlin, im Fanklub-Verband liefen am Donnerstag die Telefone heiß. "Das Finale wird ein Heimspiel für uns, die Fans werden in Scharen nach Berlin kommen", glaubt Marco van Hoogdalem. Der Niederländer stellte in der 100. Minute mit einem satten Volltreffer unter die Latte die Weichen auf Sieg und Trainer Huub Stevens zog den Hut: "Gegen diesen Schuss hätte kein Torhüter der Welt eine Abwehrchance gehabt."

Millionen-Einnahmen statt 25.000 Euro


Cool und sachlich indes genoss Manager Rudi Assauer den Triumph beim obligatorischen Pils und Zigarre: "Jetzt haben wir zwei Optionen. Titel sind schön, aber noch wichtiger ist die sportliche Weiterentwicklung, dass die Mannschaft nicht mehr Schlachtopfer der Großen ist und die Bayern und der BVB nicht mehr übermächtig sind." Für den DFB-Pokal hatte Assauer im Etat ursprünglich nur 25.000 Euro angesetzt, jetzt wird der Wettbewerb mit einer Millionen-Einnahme doch noch zum Geschäft.

Für die Bayern könnte das Pokal-Aus einen kleinen Rückschlag in Sachen Selbstvertrauen bedeuten, zudem beginnt es unter der Personaldecke an der Säbener Straße langsam kühl zu werden. "Uns gehen allmählich die Spieler aus", klagte Rummenigge. Vor dem nächsten Bundesligaspiel gegen Lokalrivale 1860 München am kommenden Samstag fehlen den Bayern die gesperrten Effenberg, Kuffour, Robert Kovac und Bixente Lizarazu, außerdem die verletzten Mehmet Scholl, Hasan Salihamidzic, Michael Tarnat, Willy Sagnol und Nico Kovac.